Das Ritual

/Fragment/

In der Mitte des Platzes steht eine Figur, deren Erscheinung zwingt die Schatten klein beizugeben. Der Nebel umarmt das Dorf, alles wird dunkel und die Schreckensnacht beginnt. Die Schatten fangen mit ihrem periodischen Weg an. Die Menschen haben ihre Türen schon lange versperrt, einige haben auch das Dorf verlassen, um in dem Aussichtsturm Unterschlupf zu finden.

Eine Frau rennt auf die Steintreppen. Sie drückt das weinende Kind an sich. Sie hört nur ihr Kind, sie hört nicht, wie ihr sterbender Mann röchelt. Er hat sich für seine Familie aufgeopfert, um seine Familie vor den Schatten zu retten. Sie will nicht daran denken, wie ihr Mann noch lebendig aufgefressen wird, wie er zerfetzt wird.

Aus dem Nichts steht eine schwarze Figur vor ihr, sie versucht zu fliehen, sie hat ihr Ziel, die Tür des Turmes erreicht, aber es ist zu spät. Eine starke Hand greift nach ihrer Schulter und ihre Knochen brechen wie Glas in der Hand der Figur. Vor Schmerz verkümmert, lässt sie das Kind los. Die Schatten kommen derweilen ganz nah, sie wollen frisches Fleisch und Blut. Sie fassen nach der Frau mit ihren fauligen Fingern. Die Figur stößt sie in den Tod.

Die Figur dreht sich um, als das Kind zu schreien begann. Der Grund für den Schrei ist nicht der Tod der Mutter, sondern vielmehr ein Körperteil. Es hat keine Beine, nur zwei Stummel, die zu Pulver zerbröseln. Nach einem goldenen Lichtstrahl verschwindet es ganz. Die Figur hebt das Kind auf und bringt es in Sicherheit. Es dauert eine Weile, bis das Kind sich beruhigte. Sie wiegt es und trällert ihm. Als das Kind mit dem Weinen aufhört, fragt die Figur es nett.

– Sag mir, was ist dein Name.

Stille folgt auf die Frage, man hört, wie das Kind in der kalten Winternacht zittert. Die Figur breitet ihren Mantel über das Kind.

– Katharina, – sagt das Mädchen leise. – Mein Name ist Katharina. Und wer bist du?

Die Frage hängt wie ein scharfes Messer in der Luft, aber die Figur schmunzelt.

– Ich habe seit langem keinen Namen.

– Aber jeder hat einen Namen! Hast du keinen Namen, dann existierst du gar nicht, dann bist nicht leibhaftig.

Schmerz spiegelt sich in seinen blauen Augen. Katharina spricht weiter.

– Was passierte mit meinen Eltern? Wo ist meine Mutti?

– Sie sind in sicheren Händen.

Das Mädchen beginnt zu weinen und stößt die Figur wütend weg. Als sich die Figur ihm nähert, umgibt eine goldene Blase das Mädchen. Die Figur lächelte und sagte.

– Wenn du willst, kannst du mir einen Namen geben.

Katharina trocknet sich die Tränen, schaut die Figur an, die ihre wahre Identität nicht mehr vor ihr verbergen konnte. Ihre Augen waren nie so blau.

– Dagon… Dein Name sei Dagon.

/Krisztina Zámbó/

Beitragsbild: www.netestra.hu

Mozart, Napoleon, Rosettastein, Hieroglyphen und viel mehr

Über den Vortrag „Faszination Ägypten – über die Sehnsucht Europas nach dem Land am Nil“

Dr. Wilfried Seipel, den meisten Anwesenden noch aus der Zeit bekannt, als er als Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums Wien unser Institut besucht hatte, hielt am 07. Mai 2015 an der Universität Szeged einen Vortrag über Ägypten und das, was an diesem Land die Europäer faszinierend fanden.

Kurz vor 16 Uhr war Raum VIII im Ady-Gebäude brechend voll und es kam einem vor, als wäre es auch fast so heiß wie Ägypten selbst. Die Anwesenden waren alle auf das Thema eingestimmt und voller Erwartung, als Institutsleiter Dr. habil. Endre Hárs den Vortragenden vorstellte.

Was empfindet man heute als faszinierend? Und was bewegte die Menschen im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts? Was ist Faszination überhaupt?

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Herr Seipel erklärte, wie sich Europa dem Land am Nil zuwandte, und dabei kamen Namen wie Mozart oder Napoleon vor. Der Komponist der Zauberflöte war von der zweigesichtigen Kultur des alten Ägyptens, wie man sie im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Europa in gewissen Kreisen dargestellt hatte, mehr als angetan und inspiriert, dieses Meisterwerk von Oper zu erschaffen. Das Land mit der geheimnisvollen Vergangenheit und in politischer Hinsicht spannender Gegenwart reizte auch das Frankreich unter der Herrschaft Napoleons. Politisches und wirtschaftliches Kalkül bewegten das französische Herr, das strategisch wichtige Land zu erobern. Es gab aber einen Unterschied im Vergleich zu sonstigen Eroberungsunternehmungen: Die Armee begleitete eine Gruppe von Wissenschaftlern und Künstlern mit der klaren Absicht, das Vorgefundene zu dokumentieren und wissenschaftlich zu bearbeiten. Zum Glück, denn wäre dies nicht der Fall gewesen, hätten wir heute nicht die Fülle an Kenntnis über das alte Ägypten, die wir nun auch dank der Ägyptologie haben.

Dies war aber erst der Anfang. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch und auch noch ein Stück in das 20. hinein, im „goldenen Zeitalter der Archäologie“ bot das Land immer wieder Gelegenheit, etwas Neues zu entdecken. In der imaginären Halle der den Europäern bekannten Ägypter stehen ab jetzt neben Kleopatra auch Gestalten aus der Zeit davor: Namen wie Nofretete oder Tutanchamun sind erst seit dieser Zeit ein Begriff für alle Interessenten, aber auch für Leute, die vielleicht nur ein goldenes Medaillon an ihrer Kette mit dem Profil der wohl „schönsten Frau der Welt“ tragen.

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Die wundervollen Entdeckungen eröffnen den Zugang zu einer wundervollen Zeit, vollständig wird jedoch das Bild erst, wenn man auch die Schrift der Zeit erschließt. Dazu kam es durch die Entzifferung des dreisprachigen Rosetta-Steins durch Jean-François Champollion gute drei Jahrzehnte nach dessen Entdeckung. Will man sich eingehend mit Ägypten beschäftigen, muss man sich Zeit lassen …

Was interessiert den heutigen Europäer an Ägypten? Spontan fallen einem Pauschalreisen und Tauchurlaube, Pyramiden, Wüstensand, die Sphinx und dergleichen mehr ein. Erfahrung vor Ort, wenn auch unter der strengen Aufsicht eines Fremdenführers. Demgegenüber hat man auch auf europäischem Boden die Möglichkeit, in zahlreichen Museen Schätze des alten Ägyptens zu besichtigen. Eine zeitgemäße und sehr anspruchsvolle Wanderausstellung bringt Groß und Klein Tutanchamuns Grab und die Kostbarkeiten näher. Die Faszination, die von diesem Land seit den alten Griechen ausgeht, wird wieder einmal vertieft.

 

/Krisztina Zámbó/

Fotos: Krisztina Zámbó

Der Erzähler eines Selbstmordes

„Der Selbstmord sprach für sich, er brauchte keine Stimme, und er brauchte keinen Erzähler.“ Dieser Satz steht auf Seite 30 und kehrt auch später zurück in dem neuesten Roman des Schweizer Dramatikers Lukas Bärfuss Koala. Erschienen ist das Buch im Jahre 2014 beim  Wallenstein Verlag, es wurde mehrmals ausgezeichnet (u. a. mit dem Schweizer Buchpreis) und auch für den Deutschen Buchpreis nominiert. In diesem Roman behandelt Bärfuss das Tabu-Thema Selbstmord.

Bärfuss bespricht in diesem Roman mehr als nur den Selbstmord seines Bruders. In dem Monolog des Ich-Erzählers kommen autobiographische Elemente vor. Am Anfang der Geschichte kehrt der Autor in seine Heimatstadt Thun zurück und hält einen Vortrag über „einen deutschen Dichter […], der zweihundert Jahre früher, an einem Tag im November, am Wannsee in Berlin eine Mulde gesucht und danach seiner Freundin Henriette Vogel ins Herz und schließlich sich selbst eine Kugel in den Rachen geschossen hatte.“ Nach dem Vortrag trifft Bärfuss seinen Bruder, der seine Heimatstadt noch nie verlassen hat. Die Nachricht über den Selbstmord des Bruders erreicht ihn kurz vor Weihnachten. Er lässt seiner Trauer, besser gesagt seinen Gedanken freien Lauf und stellt über das Gefühl des Verlustes hinaus die Entdeckung von Australien und die Geschichte des Tieres im Titel dar. Auf diese Idee brachte ihn der Spitzname seines Bruders. Er konnte sich nie erklären, warum sein Bruder von Freunden Koala genannt wurde. Ob der (Spitz)Name das Leben eines Menschen zu beeinflussen vermag? Er legt das „Ritual“ dar, wie und wann sein Bruder den Namen ‚Koala‘ erhielt und wie unzufrieden er damit war.

lukasbaerfusscopyrightfredericmeyer-3  Lukas Bärfuss (Foto: Frederic Meyer)

Der Verlust des Bruders fungiert als Rahmengeschichte, in dem Hauptteil lesen wir eine Art Natur- bzw. Zivilisationsgeschichte. Jeder, der nicht weiß, wie Australien und seine Population entdeckt wurden, kann es aus diesem Buch erfahren. Alles schön chronologisch aufgezählt, als ob man ein Tagebuch läse.koala_cover

Schwerwiegende Probleme, Selbstmord und die Vernichtung der alten Zivilisation bzw. die Ausrottung von Tieren sind in diesem kleinen grünen Buch reflektiert. Bärfuss arbeitet, spielt mit den Wörtern und mit der Sprache. Er versucht das Schweigen über Selbstmord zu brechen. Er sucht bei römischen Philosophen, bei „fleißige[n] Nervenärzte[n]“ und auch in jenem „famosen Kompendium“ nach einer Antwort, doch ohne Erfolg. Alles wird nur schlimmer dadurch, dass der Bruder keinen Abschiedsbrief hinterlassen hat. Auf den ersten Blick könnte man sagen, dieser Roman hat alles, was man von einem erwarten kann. Traurigkeit, Neugier, Rätsel, Aufregung und ein bisschen schwarzen Humor.

Bärfuss spricht etwas aus, wozu die meisten kaum Mut haben: „Die Frage lautete nicht, warum hat er sich umgebracht? Die Frage lautete: Warum seid ihr noch am Leben? Warum nehmt ihr jetzt nicht gleich den Strick, das Gift oder den Revolver, warum öffnet ihr nicht das Fenster, jetzt gleich?“ (S.170)

 

/Krisztina Zámbó/

 Lukas Bärfuss: „Koala“

184 S., geb., Schutzumschlag

ISBN: 978-3-8353-0653-0 (2014)

Wallenstein Verlag, Göttingen 2014

http://www.wallstein-verlag.de/

 

Quelle des Beitragsbildes: www.acuteaday.com

Quelle der Fotos:

http://www.lukasbaerfuss.ch/downloads/

und

Krisztina Zámbó

 

 

Tunnel der Einsamkeit

Der kühle Wind streichelte ihren Rücken, aber die Flammen versengten ihr Gesicht.

»Gib mir den Wein! «

»Rot, weiß? «

»Weiß. «

Das Feuer knisterte leise, die Menschen murmelten, aber der Schrei zersplitterte die Geborgenheit der Nacht. Man wünscht, solch einen Schrei nie im Leben zu hören; lang, voll von Grauen und sich auflösend in Tränen. Das Weinglas zerbrach in Caras Hand, ihr Blut tropfte von ihrer Hand auf das Gras. Unbewusst hat sie das Glas bei der Überraschung zerquetscht, sie zischelte durch die Zähne, aber sie hatte keine Zeit, sich über die Schnitte zu beklagen, denn hinter den Büschen springt Lars hervor und rennt hysterisch zu ihr. Sie hat ihn noch nie so gesehen, obwohl sie einander schon seit Jahren kennen. Es hätte auch witzig sein können, wie er sie angriff, aber sein weißes Gesicht, sein zitternder Körper und die Tränen haben niemanden zum Lachen gebracht. Die Männer standen sofort auf, bildeten einen Kreis um den weinenden Lars und um die Frauen. Sie versuchten ihn zu beruhigen.

»Ins Haus! Jetzt!«, gab Chris die Anweisung und sie haben sie befolgt.

Alle waren im Wohnzimmer, einige standen am Fenster, andere schlurften durch das Zimmer.  Lars lispelte in der letzten Stunde nur unverständliche Worte.

»Siewirdmichereilensiewirdmichereilensiewirdmichereilen… «

»Was sagt er?«, fragte Chris ängstlich.

»Ich bin nicht sicher… « Cara neigte sich noch näher zu Lars. »Sie wird … um… Sie wird mich er…eilen. Sie wird mich ereilen. Wer wird dich ereilen, Lars? Was hast du getan?« Sie schüttelte ihn kräftig, und er hörte endlich mit der Murmelei auf. Er warf einen Blick auf Cara, schüttelte mit dem Kopf und schluckte den Whiskey.

Nach dem dritten Glas begann Lars zu erzählen.

»Sie meinten, ich habe nicht genug Mut, dahin zu gehen. Wir haben gewettet, dass ich durch den Tunnel gehe.« Ein plötzlicher Schreck durchfuhr das Zimmer. Spricht er über d e n Tunnel? Hat er echt d a s  gesagt? Er spricht gerade über d e n Tunnel. »Ich habe gedacht, es ist nur eine Legende, was kann eigentlich schief gehen? « Er trinkt wieder. »Alles. Jetzt weiß ich es.«

Jemand klopfte an die Tür.

» Lass mich hinein.« Die Stimme gehörte einer Frau, sie sprach leise. Das Glas fiel Lars aus der Hand.

»Sie hat mich erei…« so viel konnte er sagen, die Tür schwang auf und im nächsten Moment blendete ein grelles Licht jeden im Zimmer. Geräusche von Kratzen und Gebrüll füllten den Raum, aber die Frau konnte nicht hineinkommen. Nach dem ersten Schock schlug Chris die Tür zu und die Geräusche wurden leiser. Sie wussten nicht, was sie jetzt machen sollten.

»Hat jemand etwas Genaues gesehen?«, fragte Chris.

»Ihre Klamotten waren grau und schmutzig und… und sie hat keine Augen.«

»Sie heißt Kinge.« sagte Lars matt. »Ich habe sie im Tunnel getroffen. Sie hat um meine Hilfe gebeten und…«

»Idiot!« Lars konnte seinen Satz nicht beenden, weil Chris ihn anbrüllte. Er war nicht der einzige, der Lars anbrüllen wollte. Das Zimmer war jetzt voll mit wütenden Menschen, die nicht verstanden, wie Lars so unverantwortlich sein konnte. »Und du hast ihr Wasser gegeben, Wasser, was du auch getrunken hast. Wenn du das nächste Mal so etwas tust, bitte stirb irgendwo anders und möglichst allein.«

Cara verließ das Zimmer. Sie war auch böse, ihre Hand tat ihr weh und ihr Blut tropfte noch, man sollte wahrscheinlich ihre Wunde nähen und nicht nur mit Textil umhüllen. Sie ging in die Küche und wusch ihre Hand mit kaltem Wasser, es war nicht die beste Idee, aber sie wollte jetzt mit niemandem sprechen. Als Cara durch das Fenster blickte, stand ein Mann da. Seine Augen und Haare waren schwarz, seine Haut weiß und er sah genauso aus wie ein Toter. Cara sah, dass er mit seinen Lippen „Komm heraus“ formulierte. Es war keine Aufforderung, kein Wunsch, nur eine Aussage. Als sie aus ihren Gedanken erwachte, stand sie vor dem Haus, die Klinke der hinteren Tür war in ihrem Rücken und der Mann stand vor ihr. Er trat immer näher und näher und seine Haut wurde immer lebendiger.

»Tu das nicht.« Ihre Stimme war so leise, sie flüsterte die Wörter fast. Der Mann blieb stehen, verlor seine Farbe und wurde wieder weiß.

»Du kannst ihn, alle erlösen.«, sagte er.

»Ich weiß.« Sie atmete tief ein und nahm ihre Halskette ab. »Gehen wir.«

 ***

»Und was jetzt? Was machen wir jetzt?« Sie versuchten einen Plan auszuarbeiten. Sollen sie bis zur Morgendämmerung warten, vielleicht verschwindet sie dann? Für 17 Personen haben sie sicherlich nicht mehr Speisen als für einen Tag. Wird sie irgendwann verschwinden? Zu viele Fragen und zu wenige Antworten.

»Es ist meine Schuld. Ich gehe nach draußen.«

»Lars… Es ist weniger als eine Stunde bis zur Dämmerung.«

»Nein. Ich habe es verursacht, ich bin der einzige hier, der sterben muss. Sie wird nicht weggehen.«

Sie wollten darum streiten, aber er hat niemandem mehr zugehört. Er ging zur Tür, öffnete sie und trat heraus. Die Frau stand 3 Meter weit von ihm entfernt. Sie holte zum Sprung aus und flog zu Lars. Er schloss seine Augen, atmete nicht, und wartete auf sein Schicksal, auf seinen Tod. Etwas streichelte sein Gesicht, er öffnete seine Augen, aber er sah nur graues Pulver. Er hustete und verstand nicht, was passierte und die anderen auch nicht. Die Frau verschwand während des Sprungs, als sei sie nie dagewesen, nur diese graue Pulverwolke blieb, aber auch nicht lange, ein Lüftchen wehte sie weg. Lars drehte sich verständnislos herum. Chris erschrak.

»Wo ist Cara?«

***

Der Mann leckte ihre Wunde und lächelte. Cara stand im Tunnel, ihre Hand in der Hand des Mannes.

»Bist du fertig?« Sie nickte.

Der Spiegel war groß, sein Rahmen aus Silber, er glänzte herrlich. Cara erhob ihre Hand, ihr Blut färbte den Spiegel, eine Hand ergriff ihre und zog sie in den  Spiegel.

/Krisztina Zámbó/

Quelle des Beitragsbildes: conversationalreading.com

Das gewisse Wort mit ‚f‘ auf der Bühne

„F*cken oder nicht F*cken, that’s the question, nichts Weiteres“.

Ein Bericht über das Theaterstück Metadolce und über seine Aufführung am 12. 02. 2014 in Szeged 

In seinem Artikel In einen Theaterfreund verwandelt (http://www.gema.hu/2013/12/in-einen-theaterfreund-verwandelt/) schrieb Balázs Kovács bereits über die Deutsche Bühne Ungarn. Eine Gruppe von Germanistikstudierenden aus Szeged fuhr Ende November 2013 nach Szekszárd, um der Theatervorstellung Die Verwandlung beizuwohnen und so der 130. Wiederkehr des Geburtstags von Franz Kafka zu gedenken. Im Februar 2014 kam die Deutsche Bühne nach Szeged und führte das Stück Metadolce im Festsaal der Fachmittelschule für Ökonomie József Kőrösy auf.

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Das zeitgenössische Drama wurde von Lilla Falussy auf Ungarisch geschrieben. Die drei Hauptprotagonisten sind der Held (Robert Martin), die Heldin (Christine Heller) und der Chor (Kata Lotz). Der Held signalisiert seine Alter Egos durch Frisurenwechsel, die Heldin sucht nach dem Richtigen und der Chor kommentiert, zerstört eine wunderbar romantische Szene mit  Musik oder gibt der Heldin Ratschläge: Zu dritt bilden sie ein humorvolles, manchmal sarkastisches, aber alles in allem liebevolles Ganzes.

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Diejenigen, die das klassische Theaterspiel bevorzugen, sollten dieses Stück lieber auslassen. Aber diejenigen, die sich für modernes, frisches Theater interessieren, ist das Drama Metadolce unbedingt zu empfehlen. Die Bühne ist einfach eingerichtet: ein paar kleine Stühle, eine Gitarre mit Tontechnik, die meist vom Chor benutzt und kontrolliert wird und ein kleines Podest, das als Bett funktioniert. Die Figuren nutzen den kleinen Platz wunderbar aus und der Audioverstärker sorgt dafür, dass die Zuschauer auch in den letzten Reihen alles hören können. Die Story ist leicht zu verstehen und die passende Musik unterstützt die Stimmung und macht die Geschehnisse noch verständlicher.  Die Heldin sucht nach dem Richtigen, indem sie ihre Vorstellung vom Traummann in Anzeigen wie „Suche alkoholfreien Mann“ eindeutig formuliert. Ihre Erwartungen stimmen nie mit den Erwartungen des Helden überein. Der Held weiß auch, dass er selbst Probleme hat: „Ich gebe zu, ich habe Charakterschwächen.“ Der Chor hilft manchmal der Heldin, manchmal kommentiert er nur einfach, was sie macht. „F*cken oder nicht F*cken, that’s the question, nichts Weiteres.“

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Das Drama besteht aus mehreren, kleineren Situationen, Szenen; sie sind um einen Themenkreis herum gruppiert. Wie kann man den Richtigen finden, welche Schwierigkeiten können dabei auftreten bzw. was kann schief gehen.

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Nach der Aufführung hatte GeMa die Möglichkeit, mit den Schauspielern über das Stück, das Publikum und über die zukünftigen Pläne bzw. die nächsten Stücke zu sprechen.

Metadolce, ein Wort, welches eigentlich nicht existiert, aber doch viel bedeutet. Während der Übersetzung war fraglich, ob der Übersetzer Albert Koncsek den Titel als Demi Doux (fr. halbsüß) übersetzen soll oder nicht, aber die Regisseurin Krisztina Rosner meinte, es soll der originale Titel beibehalten werden, erzählte uns Kata Lotz. Meta stammt aus dem Griechischen und bedeutet ‚zwischen’. Dolce ist ein italienisches Wort und bedeutet ‚süß’, ergänzte Christine Heller. Man könnte den Titel auch mit Bittersweet Symphony assoziieren, meinte Robert Martin, denn Metadolce behandelt das Thema Beziehung zwischen Frau und Mann, die oft nicht nur süß, sondern auch bitter ist.

Die Schauspieler waren angenehm überrascht von der großen Zahl der Zuschauer. Das Publikum war auch sehr bunt, es waren mehrheitlich Jugendliche mit von der Partie: Schüler aus den Gymnasien Ságvári und Deák sowie aus der Gastgeberinstitution Kőrösy und viele Studierende der Germanistik. An anderen Aufführungsorten bestand das Publikum vor allem aus Erwachsenen, die einen ganz anderen Humor haben als die jüngere Generation, und es war gut zu sehen, dass die Jugendlichen auch verstehen, worum es geht, und nicht selten herzlich gelacht haben. Das Stück ist sprachlich leicht zu verstehen, aber manchmal kommen betont sexuelle Aussagen vor, die für empfindlichere Ohren eventuell unangenehm sein können.

Am 21. Februar 2014 fand die Premiere von Ein Sommernachtstraum, einer Komödie von William Shakespeare, in Szekszárd statt. Es ist ferner geplant, das Stück Bandscheibenvorfall von Ingrid Lausund auf die Bühne zu bringen (Premiere: 08. April 2014).

Für weitere Informationen siehe die Webseite der Deutschen Bühne Ungarn: http://www.dbu.hu

/Krisztina Zámbó/

Quelle aller Bilder: Deutsche Bühne Ungarn

Es begann vor elf Jahren

Interview mit Herrn Prof. Dr. Detlef Haberland anlässlich der Verleihung der Auszeichnung Pro Facultate Philosophiae an ihn

Zum ersten Mal war Prof. Dr. Detlef Haberland im Jahre 2002 in Szeged. Elf Jahre später, am 06. November 2013, bekam er die Auszeichnung Pro Facultate Philosophiae der Universität Szeged. Mit diesem Preis werden diejenigen geehrt, die für die Philosophische Fakultät in den Bereichen Lehre und Forschung etwas Herausragendes erreicht haben bzw. durch ihre langjährige Mitwirkung die Arbeit und die Entwicklung der Fakultät maßgeblich beeinflusst haben. In diesem Jahr wurde die Auszeichnung zum zehnten Mal vergeben, und unter den bisher Geehrten finden sich drei Kolleginnen und Kollegen aus der Germanistik: Im Jahre 2004 wurde die Mediävistin Frau Prof. Dr. Hedda Ragotzky (Universität Siegen) sowie im Jahre 2009 die langjährige DAAD-Lektorin des Instituts für Germanistik, Frau Dr. Ellen Tichy mit der gleichen Auszeichnung geehrt.

Mit Herrn Haberland ist die Zusammenarbeit immer sehr unbeschwert und fröhlich, und so war es auch bei seinem jetzigen Aufenthalt in Szeged. Er ist immer bereit, Fragen zu beantworten und versprüht gute Laune, also ist es kein Wunder, dass nicht nur die Dozenten und Dozentinnen, sondern auch die Studierenden gerne mit ihm arbeiten. Während der letzten elf Jahre hat er Szeged mehrmals besucht. Manchmal hielt er Seminare, aber auch Vorlesungen oder eben einzelne Vorträge. Im Jahre 2010 hat GeMa bereits ein Interview mit ihm geführt, jetzt fragen wir ihn wieder: über diesen Preis, über seine Meinung über die Hesse-Konferenz und über seine zukünftigen Pläne.

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GeMa gratuliert Ihnen, lieber Herr Professor Haberland, zum Preis Pro Facultate Philosophiae! Was war der unmittelbare Anlass in Ihrem Fall, diesen Preis zu bekommen?

Die Preisverleihung basiert nicht auf einem einzigen, besonderen Ereignis oder einer einzigen Leistung, sondern berücksichtigt meine langjährige Tätigkeit hier an der Universität Szeged und speziell an der Philosophischen Fakultät seit 2002.

Im Anschluss an die feierliche Übergabe der Auszeichnung, in Anwesenheit der Festgesellschaft, wurde der Hesse-Band Hermann Hesse und die Moderne  vorgestellt, dessen Herausgeber Sie und Herr Dr. habil. Géza Horváth sind. Der Band enthält die Vorträge der Hesse-Tagung im Jahr 2012. GeMa berichtete bereits über die Tagung und führte auch ein Interview mit Herrn Horváth. Jetzt bitten wir auch Sie, etwas aus Ihrer Perspektive zu sagen. Wie beurteilen Sie die Konferenz?

Die Hesse-Konferenz war für Herrn Horváth und mich ein großer Erfolg, und zwar aus mehreren Gründen. Es haben erstens praktisch alle angeschriebenen Kollegen und Kolleginnen zugesagt, d.h. wichtige Hesse-Forscher von Amerika bis Indien waren in Szeged. Der zweite Erfolg war, dass dann auch tatsächlich, bis auf einen Krankheitsfall, alle nach Szeged kamen, und drittens war die Konferenz, abgesehen von den hochinteressanten Einzelstudien und damit verbundenen Erkenntnissen, ein insgesamt ausgesprochen harmonisches Ereignis. Und das war für uns beide außerordentlich positiv.

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Können Sie uns über das Buch Hermann Hesse und die Moderne etwas erzählen? Inwieweit bietet der Tagungsband mehr als die Tagung selbst?

Der Tagungsband bzw. dieser Tagungsband bietet wie jeder Tagungsband mehr als die Veranstaltung selbst, weil natürlich alle Kollegen die Gelegenheit erhalten, ihren Vortrag, der immer auf eine bestimmte Zeit reduziert sein muss, schriftlich auszuarbeiten. Und wir  haben gesagt, dass die Kollegen absolut frei sind in der Menge dessen, was sie uns dann letztlich bieten. Das ist mein Prinzip und Herr Horváth ist dem gerne gefolgt. Das führt dazu, dass die Autoren ihr jeweils großes Spezialwissen ausbreiten können, das ist einfach nur positiv. Insofern gehen die Beiträge wirklich weit über das hinaus, was auf der Konferenz geboten und diskutiert wurde.

Wir sind nicht sicher, ob Sie sich noch daran erinnern können, als GeMa vor drei Jahren mit Ihnen ein Interview geführt hat. Sie haben den Studierenden damals einige Bücher empfohlen, unter anderem Theodor Fontanes Graf Petöfy. Am 06. November 2013, am gleichen Tag, an dem Sie auch die Auszeichnung erhielten, hielten Sie in der Filiale der Ungarischen Akademie der Wissenschaften einen Vortrag zu Thema Theodor Fontanes Graf Petöfy – Ein ungarisches Drama?. Warum haben Sie dieses Thema gewählt, bzw. haben Sie schon damals darüber nachgedacht, sich mit diesem Werk eingehender zu beschäftigen?

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Offen gestanden weiß ich jetzt, so unvorbereitet, wie ich bin (er lacht), nicht genau, was ich damals gesagt habe. Das kann sehr gut sein, dass ich Graf Petöfy erwähnt habe, aber ich habe mich in diesen letzten Jahren nicht speziell mit diesem Roman beschäftigt, sondern ich nehme Fontane sehr gerne als Gegenstand für meine Masterseminare und dann gibt es immer wieder Studierende, die zum Beispiel dann eine Hausarbeit über diesen Roman schreiben oder wir besprechen ihn in der Sitzung. Und das hat sicherlich mit dazu geführt, dass ich den Roman für diesen Vortrag ausgewählt habe, weil es natürlich sehr schön ist, wenn man in Ungarn ist und ein ungarisches Thema dann auch behandeln kann, wobei sich herausgestellt hat, dass die Problematik des Graf Petöfy keine spezifisch ungarische ist, sondern eine des modernen Menschen überhaupt.szab_eloadas3

Jetzt möchten wir Sie etwas über Ihre zukünftigen Pläne fragen. Wie sieht Ihr Arbeitsplan in den nächsten Jahren aus? 

Das kann ich natürlich nicht so ganz konkret sagen. Wir werden auf jeden Fall während meines Aufenthalts in Szeged weitere Pläne diskutieren, und wir werden versuchen, hier  ein etwas größeres Projekt durchzuführen, aber wie das genau aussieht, kann ich Ihnen  noch nicht sagen. Ich werde mich, wenn sich die Gelegenheit ergibt, immer auch für den nationalen Studentenwettbewerb (Anm. der Red.: OTDK ist die Abkürzung für Országos Tudományos Diákköri Konferencia, d. h. die Wissenschaftliche Landeskonferenz der Studierenden) engagieren. Und einzelne Tagungen lassen sich immer planen und das werden wir dann auch tun.

Sie kennen OTDK gut und helfen den Studierenden oft, wo Sie nur können. Was motiviert Sie dabei?

Meine Motivation lässt sich ganz einfach erklären. Ich habe während meines Studiums praktisch kaum Unterstützung von meinen Professoren erfahren. Die einzige Ausnahme war mein Professor in der Geographiegeschichte, der sich um uns Studierende wirklich gekümmert hat und uns gezeigt hat, was man als Dozent machen kann, um Studierende „auf die Spur zu setzen“. Und das ist seit jeher meine Maxime als Dozent. Ich fühle mich nicht nur als Lehrender, der irgendeinen Stoff vermittelt, sondern es geht auch darum, junge Menschen, die viele Fähigkeiten, viele Ideen und viele Ideale und Wünsche haben, in irgendeine Form auf das Berufsleben, wie es auch immer aussieht, vorzubereiten. So habe ich beispielsweise einmal in Köln einer Studentin eine Publikationsmöglichkeit verschafft. Und in diesem Falle ist es eben der Studentenwettbewerb. Außerdem denke ich, wer einen Preis in diesem Wettbewerb gewinnt, der hat zwar noch keine sichere Stelle, aber mit anderen Qualifikationen zusammen ergibt ein solcher Preis ein durchaus positives Gesamtbild der Persönlichkeit des Studierenden. Und das hilft möglicherweise dann später bei der Stellensuche.

Sie kennen nicht nur das deutsche, sondern auch das ungarische Germanistikstudium. Es gibt sicherlich Unterschiede. Worin erkennen Sie diese Unterschiede?

Mittlerweile sind die Systeme, durch die Umstellung auf Bachelor und Master, ja sehr ähnlich. Ich finde es nur ausgesprochen problematisch, dass sich das gesamte Studium in den Geisteswissenschaften, nicht nur in der Germanistik, nach den angelsächsischen Naturwissenschaften ausgerichtet hat. Und das empfinde ich als einen großen Nachteil. Die alten Studiensysteme, wo auch immer in Europa, hatten ihren jeweiligen Stellenwert und ihre jeweiligen Vorzüge und die sind durch das Bachelor-Master-System schlichtweg eliminiert. Und die Studierenden werden dadurch sehr unfrei in ihrer Wahl und in ihren Möglichkeiten, und zwar europaweit. Allerdings tut dies meiner Freude, auch im Ausland zu lehren, keinen Abbruch.

Was mich an der „Auslandsgermanistik“ fasziniert, ist der ganz andersgeartete Zugang der Studierenden zu unserer Disziplin. Zunächst muss ja erst einmal die deutsche Sprache gelernt werden und dann erst kann die Auseinandersetzung mit der deutschen Literatur- und Kulturgeschichte erfolgreich sein. In der Praxis sind diese Prozesse miteinander verbunden, wobei sich noch die Schwierigkeit stellt, dass die deutsche, österreichische und Schweizer Literatur ein jeweils eigener Kosmos sind. In Szeged erlebe ich immer wieder, dass man auf hohem Niveau Text- und Theoriekenntnisse vermittelt; auch die Partnerschaft mit der Universität Kassel tut ein Übriges, um den Blick der Studierenden zu weiten. Der selbstverständliche Einsatz der Elektronik in allen Bereichen kann allerdings eines nicht ersetzen: Das ist die intensive Lektüre und die damit verbundene exakte Analyse. Das muss allerdings im In- wie Ausland gleichermaßen geleistet werden.

Wir danken Ihnen für das Interview und hoffen, dass wir Sie bald wiedersehen werden. Bis dahin wünschen wir Ihnen alles Gute!

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Weitere Fotos finden Sie von Anna Szentgyörgyi hier: http://www.arts.u-szeged.hu/karunkrol/btk-kepgaleria/pro-facultate-kituntetes-131113?objectParentFolderId=14562

/Krisztina Zámbó/

Das Haus der Minderheiten in Szeged

Ein Haus, wo sich die Minderheiten in Szeged treffen – nicht nur die deutsche, sondern auch die griechische, die kroatische, die polnische, die armenische, die slowakische, die ukrainische und die bulgarische Minderheit.

Osztróvszky Straße sagt vielen fast nichts, ebenso wenig wie Szent István Platz, aber ich bin ganz sicher, wenn ich den Weg dahin beschreibe, erlebt jeder (und jede!) einen Aha-Effekt. Die O-Buslinie 8 kennt in Szeged jeder. In der Nähe des Anna Bades ist ein schöner Platz mit einem Turm in der Mitte, das ist der Szent István Platz, an dem die 8 auch eine Haltestelle hat. Von diesem Platz spazieren wir durch zwei enge Straßen, bis wir das Haus der Minderheiten erreichen. Wo die Straßen Teleki und Osztróvszky ineinandermünden, steht ein gelbes Haus. Eine kleine Tafel zeigt an, dass wir richtig sind. Einmal klingeln, das schwere Metalltor öffnen, über den Hof, die Treppen rauf und wir sind da.

Die Zahl der Minderheiten in Szeged ist nicht zu groß, aber sie haben hier doch ein buntes kulturelles Leben geschaffen. Das Minderheitenhaus erfüllt zwei Funktionen: Einerseits bietet es den Ämtern der Minderheiten Platz, andererseits ist es ein Kulturzentrum, wo man an verschiedenen kulturellen Programmen teilnehmen kann. Es gibt feste Programmpunkte wie zum Beispiel die Tanzschule (griechisch, bulgarisch, serbisch), und natürlich kann man hier auch etwas finden, das mit der Kultur der deutschsprachigen

Länder zu verbinden ist. Dabei geht es um die Vortragsreihe von Gábor Váradi. Die Vorträge fanden bisher an jedem ersten Freitag des Monats um 18 Uhr statt. Da das Themenangebot sehr wohl auch für Studierende von Interesse ist, will man in Zukunft den Termin möglichst auf einen anderen, studierendenfreundlicheren Zeitpunkt verlegen. Gábor Váradi, ein ehemaliger Germanistikstudent, spricht über Themen, über die man an der Uni fast gar nichts hört, so zum Beispiel über die Monster in der deutschen Literatur und Filmgeschichte. Man hört in einundderselben Univeranstaltung kaum über den Erlkönig, den Schimmelreiter und Nosferatu. Seine Vorträge sind locker, voll mit neuen Informationen und witzig. Musik für die Stimmung, witziger Vortragender, gute Themen. Welche Studierenden würden sich nicht so einen Vortrag wünschen? Vor dem Vortrag von Gábor Váradi begrüßt Alexandra Korom die Anwesenden im Namen der Selbstverwaltung der deutschen Minderheiten und präsentiert das Programm des Abends.

Frau Korom ist seit 2010 die Präsidentin der Selbstverwaltung
der deutschen Minderheiten in Szeged. Wir befragten Sie.

Frau Korom, Sie als Germanistikstudentin haben2002 inGeMa selber über das Minderheitenhaus geschrieben. Wie gefällt es Ihnen, dass nun nicht Sie die Fragestellerin des Interviews sind, sondern die Befragte?

Ja, es ist sehr interessant, dass ich sozusagen auf der anderen Seite sitze. Ich freue mich sehr, dass Sie sich für mich und meine Arbeit bei der Selbstverwaltung interessieren.

Sie sind sehr jung und doch bekleiden Sie schon dieses Amt. Was führte Sie vom Germanistikstudium zur Präsidentschaft? Haben Sie bereits während Ihres Studiums solche Ziele gehabt?

Als ich Germanistik studierte (2000), habe ich mich dem ungarndeutschen Verein und Vereinschor angeschlossen.  Ich wollte auch außer-halb der Uni Deutsch sprechen und ich mochte singen. 2002 war die nächste Wahl der Minderheitenselbstverwaltungen. In der Zwischenzeit war ich im Verein tätig und interessierte mich auch für die Minderheiten. Rotraut Madari, die ehemalige Vereinsvorsitzende, empfahl mich als Vertreterin. Sie wollte in die Selbstverwaltung jüngere, ambitionierte Leute delegieren, die auch Deutsch konnten. So wurde ich 2002 zum ersten Mal Vertreterin. 2006 wurde ich wieder Mitglied der Selbstverwaltung und 2010 wurde ich nicht nur Vertreterin, sondern auch zur Vorsitzenden gewählt.

Als ich dem Verein beitrat, dachte ich nicht, dass ich einmal Vorsitzende der ungarndeutschen Selbstverwaltung hier in Szeged sein würde.

Pflegen Sie Kontakt zu den deutschsprachigen Studierenden in Szeged?

Nein, wir haben leider gar keinen Kontakt. Ich weiß nicht, ob sie überhaupt von uns wissen oder wissen wollen. Soweit ich weiß, sind sie eine geschlossene Gruppe. Ich glaube, wenn sie mit uns Kontakt pflegen möchten, können sie uns leicht finden.

Hat die Selbstverwaltung der deutschen Minderheiten Schwierigkeiten in Szeged, wo eigentlich keine deutsche Minderheit lebt? Wenn ja, welche?

Insgesamt haben wir keine Schwierigkeiten. Ich finde, unsere Situation ist eher speziell, dass hier ursprünglich keine Donauschwaben leben wie z.B. in der Schwäbischen Türkei. Soweit ich es einschätzen kann, sprechen die Ungarndeutschen kein Deutsch oder nur kaum. Schwäbisch kennen sie auch nur aus den Volksliedern.

Würden Sie ein bisschen über das Minderheitenhaus sprechen? Gibt es regelmäßige Vorträge? Wem können Sie empfehlen, das Minderheitenhaus zu besuchen?

Es ist ein kleines Haus mit vielen interessanten Veranstaltungen, Vorträgen, Tanzabenden, internationalen und multikulturellen Programmen. Wir leben in Ungarn und hier in Szeged mit den Minderheiten zusammen, also ist es wichtig, sie kennen zu lernen.

Das Nationalitätenhaus wurde 1998 gegründet. Die Gründer waren die slowakischen, deutschen, griechischen und rumänischen Minderheitenselbstverwaltungen. Das Ziel des Hauses ist die Kultur der Nationalitäten zu zeigen. Es gibt im Haus ein harmonisches Miteinander der Nationalitäten. Wir besuchen gegenseitig unsere Veranstaltungen, wir helfen einander, wenn es nötig ist. Zum Beispiel beim Übersetzen, bei einem Stipendium oder einer Bewerbung, usw. Es gibt natürlich regelmäßige Veranstaltungen wie z.B. griechische, bulgarische, serbische Tanzkurse, die Sprachschule, ein Kinderprogramm. Wir – die Ungarndeutschen – organisieren Kulturabende, Bastelabende, Klubabende. Wir haben einen Chor, er probt jeden Montag. Einmal pro Jahr organisieren wir eine Kulturwoche. Während dieser Woche wollen wir unsere Besucherinnen und Besucher durch die deutsche Kultur führen, zusammen mit ihnen in Form von Ausstellungen, Literaturabenden, Kinderprogrammen und verschiedenen Gesellschaftsveranstaltungen eine virtuelle Reise machen.

Diejenigen, die Interesse haben die deutsche Kultur außerhalb der Uni zu erfahren, sollten die Vorträge von Gábor Váradi nicht vergessen. Auf der Webseite kann man das aktuelle Programm finden. Keine Angst, die Vorträge sind auf Ungarisch. Deutschkenntnise sind nicht wichtig, man braucht nur Interesse.

6721 Szeged, Osztróvszky Str. 6
Geöffnet: Montag- Freitag 9:00- 17:00
Homepage:
www.minority-szeged.hu
Gemeinsame Homepage des Vereins der Ungarndeutschen im Bezirk Csongrád und der Selbstverwaltung der deutschen Minderheiten: www.szegedinemetek.hu