Von Szeged nach Graz und Heidelberg: Interview zum Erasmus-Stipendium 2015-2016

Im Wintersemester 2015/2016 besuchten zwei BA-Studierende der Universität Szeged die Universität Heidelberg in Deutschland und die Karl-Franzens-Universität Graz in Österreich. Petra Keresztúri und Domonkos Altdorfer begannen ihr BA-Germanistik-Studium in Szeged im September 2013 und belegen als Nebenfach Russische Sprache und Literatur.
Viktória Oláh stellt die Fragen für das GeMa:

Wo habt ihr von Erasmus gehört?
PK: Ich habe eine ganz gute Freundin, die vor 2 Jahren in Spanien war und sie hat nur ganz tolle Sachen über Erasmus gesagt. In jenem Moment habe ich entschieden, dass ich auch eine Erasmusstudentin werden möchte.
DA: Ich habe davon schon früher von älteren Freunden gehört.

Was war der Grund eurer Entscheidung, euch für ein Auslands-Stipendium zu bewerben?
PK: Ich probiere gern neue Sachen aus und ich habe noch nie in meinem Leben im Ausland studiert.
DA: Die deutsche Sprachübung in einem deutschsprachigen Land und das lockere Leben der Erasmus-Stipendiaten mit vielen Partys spielten die größte Rolle bei meiner Entscheidung.

Wie passten eigentlich die Seminare, die ihr aufgenommen habt, zu eurem BA-Studium und was für Seminare waren es?
PK: Wir beide haben versucht, solche Seminare und Vorlesungen aufzunehmen, die denen ähnlich sind, die unsere Kommilitonen in Szeged auch machten. Ich habe je zwei linguistische und literarische Seminare gemacht.
DA: Das Problem mit diesem Stipendium ist, dass die Fächer nur selten übereinstimmen. Ich konnte auch nur 4 im Rahmen der Germanistik-Studien aufnehmen. Diese waren Kulturwissenschaft und Textlinguistik (beides Seminare), und Vorlesungen zu Sprachwissenschaft und Deutsch als Zweitsprache.

Wenn man allein in einer neuen Stadt ankommt, dann muss man sich an das Milieu gewöhnen, mit dem Problem Heimweh umgehen und in den ersten Wochen viele neue Schwierigkeiten bewältigen. Wie war es bei euch?
PK: Heidelberg ist einfach super! Ich habe mit total wohlgefühlt und deshalb war es so schwierig, zurückzukommen. Die ersten zwei Wochen waren so komisch hier in Szeged. Kleinigkeiten, wie z.B. die ungarischen Wörter, waren so komisch. Es ist lustig, denn als ich dort war, wollte ich manchmal nach Hause kommen, und jetzt würde ich gern zurückkehren. Es gab gar nicht so viele und große Schwierigkeiten. Wir haben alles aus der E-Mail gewusst, die wir bekommen haben.
DA: Es gab zum Glück keine Schwierigkeiten am Anfang. Wegen der Nähe hatte ich auch kein Heimweh. Es gibt immer viele Sachen zu erledigen, wenn man umzieht (z.B. die Meldung bei den Behörden), aber mein Mentor hat mir am Anfang bei allen Aufgaben geholfen.

Wie war die Gemeinschaft im Seminar und wie fandet ihr die neuen Erasmus-KommilitonInnen?
PK: Meine KommilitonInnen waren auch ganz nett zu mir und sie haben mir viel geholfen, wenn ich etwas nicht wusste.
DA: Die Gemeinschaft war eine große Enttäuschung für mich (nach unserer Gemeinschaft in Szeged). Es ist aber kein Wunder, weil da über hundert StudentInnen in einer Kohorte sind. Die Gemeinschaft der Erasmus-Stipendiaten war super, ich habe viele neue Kontakte geknüpft.

Wie hoch ist der monatliche Beitrag zu den Lebenshaltungskosten?
PK: Heidelberg ist gar nicht billig. Wenn man nicht so große Bedürfnisse hat, dann kann man ganz normal leben. Aber wenn jemand ausgehen möchte, dann muss er damit rechnen, dass ein Kaffee z.B. 4 €, oder ein Eintritt in den Club 8 € für StudentInnen (!) kostet. Was die Unterkunft betrifft… naja, es war gar nicht einfach, eine Unterkunft zu finden. Erst wollte ich in eine Jugendherberge, aber dann war ich doch in einer Wohnung. Die Miete liegt normalerweise zwischen 330-360€.
DA: Wenn man in einem Supermarkt einkauft, gibt es nicht so große Unterschiede zwischen den Preisen. Ich denke, dass ungefähr 150-200 € pro Monat genug sind. Aber hiermit sind nur die Lebenshaltungskosten gemeint! Unterkunft und Bier, Kaffee, etc. sind wirklich teuer.

Was denkt ihr: Sind eure Deutschkenntnisse durch dieses Auslandssemester besser geworden, trotz der relativ großen Verbreitung der englischen Sprache in einer internationalen Atmosphäre?
PK: Auf jeden Fall! Wenn man den ganzen Tag nur deutsche Wörter hört, entwickeln sie sich natürlich sehr, und es lohnt sich.
DA: Meine Deutschkenntnisse haben sich nur minimal, oder gar nicht weiterentwickelt. Den Großteil meiner Freizeit habe ich mit anderen Stipendiaten verbracht und dann eher auf Englisch gesprochen.

Hilft das Stipendium bei euren zukünftigen Plänen? Und warum lohnt es sich eigentlich, trotz der organisatorischen Hürden an einem Erasmus-Aufenthalt teilzunehmen? Was für neue berufsmäßige Anregungen habt ihr bekommen?
PK: Ich denke, dass ich auch in der Zukunft von diesem Programm profitieren kann. Es sieht jedenfalls gut in meinem Lebenslauf aus. Man kann sagen, dass es eine Herausforderung war. Ich habe sehr viele Kontakte mit Ausländern geknüpft und mein Deutsch ist viel besser geworden. Ich habe Menschen getroffen, denen ich wahrscheinlich nie begegnet wäre, wenn ich nicht an diesem Programm teilgenommen hätte. In beruflicher Hinsicht war dieses Programm nicht besonders anregend für mich. Ich wollte einfach nur nach Deutschland fahren, um mich in der deutschen Sprache zu vertiefen.
DA: Ob es mir Anregungen für meine Zukunft gegeben hat? Das kann ich noch nicht sagen. Selbstständigkeit ist z.B. eine sehr wichtige Eigenschaft. Es lohnt sich jedenfalls, an einem solchen Stipendium teilnehmen, weil man Menschen aus aller Welt treffen kann und dadurch seinen Bekanntenkreis erweitert. Grundsätzlich ist eine Auslandserfahrung eine einzigartige Möglichkeit, unsere Selbständigkeit zu fördern. Entgegen aller Schwierigkeiten bin ich vollauf motiviert, mich künftig wieder um ein Erasmus-Stipendium zu bewerben.

Welche Ratschläge habt ihr für Studierende, die sich bewerben möchten?
PK: Was ganz wichtig ist, ist die Unterkunft. Es ist ganz schwierig, eine gute Unterkunft zu finden. Sobald man weiß, dass man ein Stipendium bekommt, muss man sofort mit der Suche beginnen. Wenn man angekommen ist, würde ich sagen: Genieß alle Momente, die du mit Erasmus bekommst, denn diese Momente kommen nie mehr zurück.
DA: Das Wichtigste ist, dass man sich selbst eine passende Erasmus-Stadt suchen muss. Ich empfehle eher kleinere Städte. Zweitwichtigste Aufgabe ist, schon früh eine passende Unterkunft in der passenden Zielstadt zu finden.

Die Erasmus-Städte, die ihr gewählt habt, sind sehr interessante Orte auch in dialektaler Hinsicht. Inwiefern hat dieser Effekt das Verständnis der Sprache behindert? Was glaubt ihr: Sind eure Kompetenzen im dialektalen Deutsch nach diesem Aufenthalt besser geworden?
PK: An der Universität und auch in Heidelberg habe ich keinen Dialekt gehört, ausgenommen in Karlsruhe. Dort habe ich eine Frau getroffen, die erkennbar Dialekt gesprochen hat, aber ich habe sie trotzdem verstanden. Ich habe keine neuen dialektalen Ausdrücke und Wörter gelernt, bzw. immer, wenn ich solche Redewendungen gehört habe, waren sie deutlich.
DA: Der Dialekt und die sprachlichen Unterschiedlichkeiten waren überall besonders bemerkbar, nicht nur in der Aussprache, sondern auch im Wortschatz. In der Innenstadt, in den Geschäften, auf der Straße, in der Schule habe ich jedermann vollständig verstanden, aber ich könnte ein oder zwei Beispiele für die echte steirische Mundart nennen, die ich auf der Zugreise gehört habe. Graz verfügt über unzählige zugewanderte Einwohner – also wir können feststellen, dass Graz eine gemischte Stadt hinsichtlich der Bevölkerung ist – folglich war es mir unmöglich, typische dialektale Eigenschaften zu bemerken.

Danke für das Interview! Ich wünsche euch noch ein schönes Semester!

/Viktória Oláh/