„Steh auf, dass man dich sieht. Sprich laut, dass man dich hört. Fasse dich kurz, dass man dich liebt.”

Ein Kurzbericht über den 4. MGV Kongress

Der Mitteleuropäische Germanistenverband (MGV) widmete sich vom 10. -12. April 2014 dem Thema Zentren und Peripherien – Deutsch und seine interkulturellen Beziehungen in Mitteleuropa. Seit der Gründung des Vereins 2002 fanden die dreimal jährlich organisierten Tagungen in Wien, Olmütz und in Dresden statt, diesmal veranstaltet an der Universität des Präsidenten, Prof. Dr. Dr. h.c. Csaba Földes DSc., an der er auch den Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft leitet. Er eröffnete mit dem obigen Luther-Ratschlag den 4. MGV Kongress an der Universität Erfurt.

Zum Kongress reisten die Mitglieder und Interessenten hauptsächlich aus Deutschland, Estland, Frankreich, Lettland, Österreich, Rumänien, Polen, Russland, Ukraine und auch viele aus Ungarn an. Das Ziel des Verbands ist unter anderem die Förderung der integrativen Zusammenarbeit der Germanisten Mitteleuropas, wo die Spuren deutscher Kulturtraditionen sowieso überall vorfindbar sind. Diese Untersuchungen der länderübergreifenden Germanistik determinieren auch die methodologische Annäherung durch das Filter der Resultate der „spatial turn” und „cultural turn”, und gibt die Möglichkeit zur interdiszplinären Forschung.

Die Vorträge beschäftigten sich insgesamt in 13 Sektionen mit den deutschsprachigen „kulturellen Produkten” der Zentren und mit denen an den Peripherien: hier sind die grenzen- und sprachenüberschreitenden Phänomene und die unterschiedlichen Wechselwirkungen interessant. Wie es auch in der Programmankündigung steht: „Neben Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es mehrere „Zentren“ in Mitteleuropa, in denen die Sprache Deutsch gesprochen wird und/oder reiche kulturelle Traditionen bestehen. Diese Zentren – im wörtlichen Sinne als Mittelpunkte betrachtet – können somit auch Sprachinseln oder deutschsprachige Kultur- bzw. Traditionsräume bezeichnen. Außerhalb der Zentren befindet sich die jeweilige Peripherie, welcher nur zu häufig eine Randstellung zugesprochen wird. Die Peripherien stellen aber wichtige Konnexe dar, sie verbinden verschiedene Zentren und stellen so auch Beziehungen zwischen den einzelnen Sprachen Mitteleuropas her.” Wenn man das Kongressprogramm durchblättert, werden auch die zentralen und marginalen Themen der Gegewartsgermanistik nachvollziehbar: man wendet sich immer mehr den Peripherien zu, die von der Kulturgeschichte durchaus als produktiv erachtet werden, so geraten sie in den Fokus des Interesses.

Während des Kongresses gab es morgens mehrere Plenarvorträge, nach denen die Arbeit in den Sektionen begann. Am ersten Tag haben Prof. Dr. Mari Tarvas (Tallinn) und Prof. Dr. Pavel Donec (Charkow) vorgetragen. Mari Tarvas sprach über die Lesegewohnheiten des 18. Jahrhunderts in Estland. Sie hat zu ihrer Forschung die Nachlassverzeichnisse von Lehrern untersucht und die Ergebnisse präsentiert. Pavel Donec berichtete über Präzedenz-Phänomene der Sprache und setzte sich für dieses Thema mithilfe der Lingokulturologie ein. In den 13 Sektionen waren Forscher verschiedener Diszplinen vertreten, z.B. Onomastik, Literatur, Lexikologie und Lexikographie, Presse, Deutsch als Fremdsprache, Dialektologie (Varietäten des Deutschen), aber in einigen Sektionen fand auch ein interdiszplinärer Diskurs statt, wie z.B. in den Sektionen Narratologie und Kultur, Interkultureller Diskurs, oder Macht und Ohnmacht. Von diesem letzteren werden jetzt zwei Vorträge zusammengefasst.

In Dr. habil. Robert Rduchs (Katowice) Referat Die Macht der Philologie oder wie man mit Goethes freundlicher Unterstützung Polen germanisieren wollte berichtete der Koorganisator der Sektion über einen Text, der erstmals in dem 1892er Goethe-Jahrbuch publiziert und dem Autor zugeschrieben wurde. In Vorschlag zur Einführung der deutschen Sprache in Polen stammen Titel und Untertitel (Um eine höhere Kultur der niederen Klassen zu bewirken) von Goethes Biograph Peter Eckermann, der die Papiere zwischen Goethes Handschriften fand. Obwohl viele Fakten gegen die Autorschaft Goethes sprechen, zum Beispiel, dass er nur einige Korrekturen und am Ende einen Absatz in Handschrift hinzufügte, wird die Schrift immerhin in mehreren Bänden in seine Werke aufgenommen. Goethe bekommt dank des Textes solche Titel wie deutscher Kulturkämpfer oder Germanisator Polens. Die Schrift wurde natürlich auch politisch instrumentalisiert, zum Zwecke der Verschiebung deutscher Grenzen nach Osten, zuungunsten Polens.

Der Vortrag von Dr. Karsten Rinas (Olmütz) behandelte das Thema Deutsch und seine interkulturellen Beziehungen explizit: Er erläuterte die Grenzlandliteratur als Forschungsgegenstand, wobei er großen Akzent auf die deutschböhmische/tschechische Literatur legte. Er zeigte, dass der Begriff nach dem ersten Weltkrieg stark politisiert wurde, und dass unterschiedliche Auffassungen darüber herrschen, dann definierte er den Begriff für die Werke, die er bekanntmacht: Er zählt zur Grenzlandliteratur sämtliche Werke, „die den deutsch-tschechischen Nationalkonflikt in einer Weise thematisieren, dass dieser Konflikt einen wichtigen integralen Bestandteil darstellt.” In diesem Sinne ist die Grenzlandliteratur „eine primär inhaltlich geprägte Gattung”. Realisiert wird sie in vielen verschiedenen Formen: in epischen, lyrischen und dramatischen Werken. Historisch gesehen kann man fünf Phasen der Rezeption unterscheiden. Die erste Phase (von ca. 1880 bis in die 1930er Jahre) war die Konsolidierungsphase, die zweite Phase (von den 1930er Jahren bis 1945) war durch eine Radikalisierung und Verbreitung charakterisierbar, in der dritten Phase (1945 – ~1960) tendierte die Tabuisierung oder eine verschämte Erwähnung des Themas. In der vierten Phase (~1960 – ~1990) wird von der nationalsozialistischen Betrachtungsweise Distanz genommen und die bisherigen Relationen (Freund- / Feindbild) umschrieben. Während dieser Etappe wird der interessante Fall eines Prager Autors, Fritz Mauthner, und seine Rezeption präsentiert, bei dem als „Begründer des deutschböhmischen Grenzlandromans” trotz seiner jüdischen Herkunft nationalsozialistische Einstellungen zu bemerken sind. Solche Werke wurden auch neurezipiert, wie zum Beispiel Hedwig Teichmanns Im Banne der Heimat (1922), in dem der politische Zusammenbruch dargestellt wird, und wie die Tschechen unter diesen Umständen der deutschen Minderheit gegenüber ihre Stellung stärkten und so später auch die führende Rolle in der Tschechoslowakei vertraten. Die deutsche Literaturgeschichtsschreibung vermied das Thema seit der NS-Zeit, und diese Ignorierung tradierte sich sehr lange. Seit den 90er Jahren (5. Phase) nimmt die Zahl der Studien zum Thema deutsche und tschechische Seite zu, die eine gewisse Objektivität erzielen. Zu den zukünftigen Aufgaben der Forschung gehören die Miteinbeziehung postkolonialistischer Ansätze, die Literatursoziologie und die Wirkungen unterschiedlicher literarischer Epochen auf die Gattung.

Im bunten Rahmenprogramm fanden unter anderem auch die Besichtigung der Städte Weimar und Erfurt und ein Empfang im Erfurter Rathaus statt, wo der Oberbürgermeister Andreas Bausewein eine kurze Rede über die Gegebenheiten der Stadt hielt. Er erwähnte, wie lange die Tradition des wissenschaftlichen Austauschs der Stadt eigen ist, da hier 1389 auch die erste Universität des Gebiets gegründet wurde. Die reichhaltigen Unterhaltungen fehlten an diesem und auch am nächsten Abend nicht, wo die Teilnehmenden in der Mensa vom Sprachwissenschaftlichen Lehrstuhl bewirtet wurden. Die Vortragenden bekamen zur Erinnerung neben weiteren netten Geschenken sogenannte „Puffbohnen”. Unter dem Begriff versteht man drei unterschiedliche Bedeutungen. Die Puffbohne ist eine riesige Ackerbohne, die im fruchtbaren Boden besonders schnell wächst. Die „einheimischen” Erfurter bezeichnen sich auch mit diesem Namen, und die Studierenden werden untereinander auch so genannt. Das beliebte Stadtportal, wo man die aktuellen Programme Erfurts besichtigen kann, heißt sogar www.puffbohne.de. Dieses Geschenk erinnert an die schönen Erlebnisse, symbolisiert den Keim des Wissens und die geistige Produktivität des Kongresses.

/ Olga Surinás/

 

Quellen: Kongressprogramm: http://www.uni-erfurt.de/fileadmin/user-docs/Sprachwissenschaft/Germ._Sprachwissenschaft/Kongressprogramm_01.pdf

http://mgv-portal.eu/

http://www.uni-erfurt.de/sprachwissenschaft/germanistisch/mgv-kongress/

http://www.sbc.org.pl/Content/9524/goethe.pdf

Handout von Karsten Rinas Vortrag Grenzlandliteratur als Forschungsgegenstand, 10.04.2014

http://www.puffbohne.de/

 

Wer glaubt heute noch an Wunder?

Rezension zu Daniel Glattauers Komödie „Die Wunderübung”

Auf den ersten Blick nichts Besonderes: eine therapeutische Sitzung und ein verfremdetes Ehepaar, das einander nicht mehr versteht, sondern sich rächen, verletzen, beleidigen will. Die Ehepartner wollen keinen richtigen Versuch wagen, beide Seiten wollen nur ihr schlechtes Gewissen beruhigen und beim Anderen Schuldgefühle erzeugen. Dazu kommt noch ein überoptimistischer Psychotherapeut, eine bis zur Absurdität gesteigerte Kommunikationskrise und durch Rollentausch gesteuerte Wenden. Gut rühren, bitte nicht schütteln, und das bekömmliche Kammerdrama ist fertig.

Daniel Glattauer, der österreichische zeitgenössische Autor mehrerer Bestseller (Gut gegen Nordwind, Alle sieben Wellen, Ewig Dein) veröffentlicht 2014 seine brandneue Komödie „Die Wunderübung”. „Ein Theaterstück zu schreiben reizt mich sehr, dazu muss man sagen, dass ich nie ins Theater gehe. Es ist mir ein bisschen fremd, dieses Medium, aber das macht überhaupt nichts. […] Ich bin auch kein großer Leser.[1] Sowie man nicht mehr an Wunder glaubt, glaubt man den Autoren in den Zeiten der Postmoderne auch schwerlich, wenn es um die eigenen Quellen oder eben um die Quellenlosigkeit geht. Man fühlt nach den ersten Seiten, dass Daniel Glattauer dieses Medium doch nicht völlig verachtet, da er alle Schlichen der Szenenbildung kennt. Das Stück ist auch beim Lesen spannend, man sieht aber sofort die Inszenierung vor sich. Das blanke Bühnenbild gibt den jahrelang unterdrückten Gefühlen Raum, die jetzt auf einmal an die Oberfläche wollen.

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Diese Metapher ist nicht zufällig gewählt, da sich das Motiv des Tauchens auch durch die Handlung zieht: wir erfahren während der Übungen, dass Joana und Valentin, „die Patienten”, einander bei einem Tauchunterricht kennen lernten. Nach 17 Jahren Ehe streiten sie ständig, sie wollen, einander ständig unterbrechend, über ihr unerträgliches Leben meckern. Sie würden einander am besten nonverbal verstehen, durch stilles Zuhören, sie suchen die verlorene wortlose Harmonie, aber der dazu führende Weg ist hart und steinig. Ihre Probleme sind einigermaßen stereotypisch: Beide Partner sind eifersüchtig, die Frau spricht zu viel, der Mann zu wenig, wo Valentin keine Problemen bemerkt, da sieht Joana einen wahren Sog an strittigen Angelegenheiten. Solange er aus der drückenden Atmosphäre, aus dem unerträglichen Alltag Ausbruchsversuche (sprich: Seitensprünge) macht, fühlt sie sich mit der Verantwortung für die Kinder und mit ihrer Bitterkeit allein gelassen. Es scheint unmöglich, das Ehepaar aus ihren destruktiven Kreisen herauszureißen. In den Konflikt wird der Berater immer mehr mit hineingezogen, die Streitenden wollen ihm die Rolle des Richters zuordnen. Er wirkt aber auf die Beziehung anders ein: Er bittet Valentin und Joana um einen Rollentausch. Da dieser die Auseinandersetzungen nur steigert, macht der Psychologe eine Pause, in der zwar wieder ein Rollentausch vor sichgeht, diesmal aber ungeplant. Der Berater macht so viele vergebliche Versuche, dass er schon aufgeben will, da tritt er zur Abwechslung mit seinen privaten Problemen in den Vordergrund der Handlung. Er wird auf einmal selbst zum Klienten und Joana und Valentin zum Berater. Das gemeinsame und gegenseitige Bemitleiden und die Geringschätzung bringen  Frau und Ehemann auf die gleiche Seite, sie hören endlich zu, und diese Stille bringt ihnen den Erfolg in den weiteren Übungen. Das ist der schwächste und kitschigste Teil des Werkes: In der letzten Übung, als das Ehepaar zeigen will, wie harmonisch sie sich zusammen bewegen können, zeichnen sie stumm und wie ein Spiegelbild Herzchen in die Luft. Damit endet aber noch nicht die Geschichte, die Figur des Psychologen, der sich inzwischen in den Hauptprotagonisten verwandelte, birgt noch einige Überraschungen in seiner Wundertüte.

Zwar ist das Stück stellenweise zu didaktisch, dafür sind die Szenen, in denen die Rollen völlig vertauscht sind, sehr unterhaltsam. Es belastet den Magen nicht, brennt sich aber auch nicht tief ins Gedächtnis ein. Ich empfehle es den Schwärmern des klassischen Kammerstückes, die für einen Abend eine leichtere Unterhaltung suchen. Wer sich für die Darstellung interessiert, der sollte sich im Spielplan der Wiener Kammerspiele Anfang nächsten Jahres umschauen.[2]

 

Daniel Glattauer: Die Wunderübung, Deuticke Verlag, 112 Seiten, 12,90 €

 

Bilderquellen: www.illadelsllibres.comwww.vienna.at

/Olga Surinás/



[1]    http://www.dailymotion.com/video/xmzw1h_daniel-glattauer-uber-theater-drehbucher-und-lesen_fun

[2]    http://derstandard.at/1392685894568/Daniel-Glattauer-Bitte-dem-anderen-nicht-ins-Steuer-greifen