Die Stimme von Golgotha

Niemand darf eine Macht wie diese haben, dachte er sich, bevor er das U-Boot direkt in einen Eisberg steuerte. In seinen letzten Momenten wünschte er sich nur, dass er die ihm angebotene Zigarette doch angenommen hätte.

 

Eine Woche zuvor, in einer kleinen Kneipe in der Nähe der Schiffswerften von Kiel. 30. April 1945. Frühe Nacht.

»Heinrich, das Wunderkind!«, sagte Günther zu dem Mann, der gerade eintrat. »Nanu, dass du hier bist, Kamerad!«

»Das heißt Hauptsturmführer Krüger, Leutnant Hartmann «, kam die Antwort. Der Mann setzte sich neben Günther und fing an, seine feinen Lederhandschuhe, dunkler als die dunkelste der Nächte, auszuziehen. Er winkte dem Kneipenwirt, bevor er weiter ausführte »Es ist was? Vier Jahre her? Seit wir uns zuletzt trafen.«
»Fünf, eigentlich«, sagte Günther, bevor er einen Kurzen runterkippte. »Ich sehe, du hast es weit gebracht, nicht wahr?«

Hauptsturmführer Krüger hat es wirklich weit gebracht, wenn man bedenkt, dass er nicht weit von hier von einer Bauersfrau geboren wurde, in einem ruhigen, kleinen Dorf in Schleswig-Holstein. Vor sechs Jahren waren er und Günther Hartmann noch unzertrennliche beste Freunde, und sie beide traten fröhlich dem Militär bei, als der Anruf kam. Ihre Väter könnten nicht stolzer sein.

»Du warst immer ziemlich rücksichtslos, Heinrich. Es ist gut, dich zu sehen, Kamerad.«

»Was trinkst du da?«

»Spottbilligen Cognac, denke ich. Schmeckt wie Fischmilch.«

»Sprichst du aus Erfahrung?«, fragte der Hauptsturmführer grinsend.

»Verpiss dich«, schmollte Hartmann, halb lachend.

»Ich will das Gleiche haben«, sagte Krüger zum Kneipenwirt.

Einige Freundschaften überstehen die Zeit. Manche nicht. Diese konnte.

 

Am nächsten Tag, 1. Mai. Die Schiffswerften, Morgen.

»Stillgestanden!«, schrie Kapitänleutnant Schulze. Die Besatzungsmitglieder stoppten sofort und bildeten eine geordnete Reihe. »Dies ist Hauptsturmführer Krüger von der Gestapo«, sagte er und zeigte auf den Mann mit dem langen Ledermantel, der lässig eine Zigarette rauchte. Die Besatzungsmitglieder wandten ihm ihre Köpfe zu und salutierten schnell.

»Der Sieg ist noch ein gutes Stück entfernt, aber die Kriegsmarine bleibt immer noch pflichtbewusst! Wir sind die Hoffnung des Vaterlandes und wir werden unsere Mission bis zum letzten Mann durchführen. Stimmt das, Männer?«, fragte der Kapitän ziemlich melodramatisch, dachte Heinrich. Warum diese Theatralik? Der Krieg war so gut wie vorbei.

»Unsere Mission ist es, Hauptsturmführer Krüger und seine Ladung sicher nach Island zu bringen. Es könnte eine felsige Fahrt werden, Männer, weil wir durch britisches Gewässer müssen…« Heinrich achtete nicht einmal auf den Rest seiner Rede. Er suchte das Gesicht seines Freundes unter den Mannschaftsleuten. Nach ein paar Sekunden entdeckte er Hartmann. Er war froh, das vertraute Gesicht zu sehen.

»Na gut, das ist genug Herr Kapitänleutnant, danke. Hört zu, Männer! Wir fahren um genau zwanzig Uhr heute Abend los. Verladet diese Kisten sehr sorgfältig, insbesondere die markierte, dann habt ihr den Rest des Tages frei. Nur seid bereit, wenn die Zeit kommt. Wegtreten!«, salutierte er schnell und nach ein paar Minuten winkte er Hartmann zu sich.

»Also ich sehe, du bist immer noch der Mechaniker«, sagte er scherzhaft.

»Ich bin Chefmaschinist seit einem Jahr, wenn du es wirklich wissen musst«,  antwortete Hartmann mit einem Hauch von Eifersucht in seiner Stimme. »Hab’ kein Ritterkreuz wie du, aber meine Mannschaft und ich halten zusammen und gehen mit diesem U-Boot durch dick und dünn.«

»Nun, ich möchte, dass du weißt, dass ich niemand anderes als Chefmaschinisten für diese Reise bekommen wollte. Es interessiert mich nicht, wer ein Ritterkreuz hat oder nicht. Wenn du willst, kannst du meins haben. Es wird in einem Jahr keinen Pfifferling mehr wert sein.«

Chefmaschinist Hartmann hatte keine Antwort, abgesehen von einer kurzen Röte auf seinen Wangen. Er schämte sich für seinen eifersüchtigen Ausbruch. Er ging weg und Krüger folgte ihm.

»Schau, Günther, ich bin besorgt, aber ich kann das nicht zulassen, dass es jemand anderes sieht. Ich soll das Leuchtfeuer des Vertrauens sein, verstehst du? Ich bin der Herr Hauptsturmführer, um Himmels willen!«

»Moment mal, worüber bist du besorgt?«

»Alles, der Krieg, das Leben und diese Kisten, Günther! Sie gehörten der Thule-Gesellschaft. Der gottverdammte Auftrag kommt von Himmler selbst!«

»Was ist in ihnen?«, fragte Günther und glaubte, die Antwort schon zu kennen.

»Ich weiß es nicht. Niemand wollte es mir sagen, oder niemand durfte es mir sagen. Ich soll sie nur nach Island liefern.«

»Nun, das bringt mir nicht gerade einen ruhigen Schlaf, falls du dich darüber wunderst.«

 

2. Mai, einige Zeit nach Mitternacht. Die Kojen der U-535, irgendwo vor der Küste Dänemarks.

Günther fand nicht einfach seinen Schlaf. Er fand das seltsam, denn er hatte noch nie Probleme, auf der U-535 zu schlafen. Er dachte immer, dass sie – das Schiff und er – eine Art Verbindung hatten. Als ob sie sich gegenseitig verstehen könnten. Aber heute fühlte es sich vor allem einengend und kalt an. Er konnte nicht aufhören, über die Kiste in dem Frachtraum nachzudenken. Er stand auf und beschloss, in den Maschinenraum zu gehen, wo er sich immer am wohlsten fühlte.

Als er auf dem Weg war, sah er einen dünnen Lichtstrahl, der aus dem Frachtraum kam. Er entschied sich, dies genauer zu untersuchen und schlich näher. Er spähte hinein in die kleine Öffnung. Da saß Krüger auf der markierten Kiste und rauchte eine Zigarette. Er legte gerade sein Feuerzeug weg, die Quelle des Lichts, das er auf dem Flur sah.
»Konntest du nicht schlafen?«, fragte er, als er eintrat.

»Nicht wirklich. Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, höre ich immer wieder diese krabbelnde Stimme in den Wänden. Ratten vielleicht? Jedenfalls kam ich, um die Kiste zu überprüfen und ich dachte, eine Zigarette wäre schön. Möchtest du eine?«

»Bist du wahnsinnig? Rauchen? Hier drin? Du sitzt keine fünf Meter weit von einem Patronenbehälter, Idiot! Und der Torpedo da ist keine Dekoration, verstanden? Du könntest uns alle umbringen!« Krüger zuckte mit den Schultern und nahm einen tiefen Zug. Günther sammelte sich und setzte sich zu seinem Freund. Nach ein paar Sekunden Stille sprach er wieder »Erinnerst du dich, als wir Kinder waren und dieser Idiot Schneider mich in den Schweinestall werfen wollte? Und du schlugst ihm einen seiner Zähne aus?«

Heinrich antwortete zwischen zwei tiefen Zügen »Er ist an der Ostfront ums Leben kommen. Hab’ es von seinem Vater gehört, als ich nach Hause kam, für die Beerdigung meiner Mutter. Wer könnte Schneider vergessen, die blutrünstige Drecksau!«, kicherte Krüger, dann hustete er.

»Mist! Ich habe immer gedacht, dass mich sein Tod fröhlich stimmen wird, aber jetzt fühle ich nichts.« Günther konnte sich nicht beherrschen und nahm die angezündete Zigarette vom Hauptsturmführer. »Ich meine, ich konnte ihn nicht ausstehen, aber am Ende war er doch ein Kamerad, weißt du, was ich meine? Er kämpfte für die Zukunft unseres Landes. Ich sollte stolz auf ihn sein, oder?«

»Ich bin mir nicht sicher, wofür ich gekämpft habe…«, sagte Heinrich leise, teils an seinen Freund, teils an sich selbst und wahrscheinlich teils an niemand.

Günther tat so, als ob er das nicht gehört habe und drückte die Zigarette aus, bevor er aufstand. »Jedenfalls, gute Nacht. Versuche, etwas Schlaf zu bekommen. Wir müssen morgen an die Oberfläche, für eine halbe Stunde auftauchen. Vielleicht wird die Sonne dich etwas aufheitern.« Damit ging er in seine Koje zurück, aber er konnte immer noch nicht schlafen. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, hörte er wieder Schneiders Stimme aus der Kindheit. »Komm her, Günthi, es wird nicht weh tun, ich schwöre!« Er konnte auch nicht aufhören, sich über die Melancholie in der Stimme seines Freundes zu wundern.

 

5. Mai, irgendwann nach Sonnenuntergang. Vor den Klippen Norwegens.

»Wir müssen sehr vorsichtig sein auf der nächsten Strecke. Ich habe gerade Nachricht von Bordfunker Neudorfer bekommen, dass die U-534  im Kattegat durch die Briten versenkt wurde, in der Nähe der Insel Anholt. Sie nahmen den Bomber mit ins Grab, aber ich würde gerne die verfluchten Inselbewohner vermeiden!«, brüllte Kapitänleutnant Schulze. Er sah müde und viel älter aus, dachte Günther, als ob er keinen Schlaf in den letzten Tagen bekommen hätte. Er war überrascht, als Schulze sich zu ihm umdrehte »Und um Christi willen, Herr Chefmaschinist, können Sie die gottverdammten Stimmen bitte loswerden! Ich kann bei diesem Herumkrabbeln nicht schlafen, so viel Lärm macht das.« Er warf einen wütenden Blick auf Günther, der schwer schluckte und salutierte.

 

6. Mai, knapp nach Mitternacht.

Hauptsturmführer Krüger erwachte in Schweiß gebadet, als er die Stimme seiner Mutter hörte; die Stimme eines Gespenstes, da war er sich sicher. Er nahm seine Luger zur Hand und glitt wie ein Schatten aus seiner Kabine. Mit geschärften Sinnen schlich er zum Frachtraum.

Kapitänleutnant Schulze hatte genug. Er entschied, selbst den Lärm zu stoppen. Er stieg aus dem Bett und folgte dem Rauschen bis zur Quelle. Es zog ihn durch den ganzen Flur, bis zum Frachtraum.

Das Rauschen hörte abrupt auf, als der Kapitänleutnant eintrat. Er stand der markierten Kiste gegenüber und sagte sich ruhig, mit einer seltsamen sanfte Stimme, ganz ungewöhnlich für ihn: »Er wird bald zurückkehren, um über uns das Urteil zu sprechen. Wir können nicht entkommen. Was wir getan haben! Lass die Sünder brennen im himmlischen Feuer!«

Krüger beobachtete die geradezu verrückte Szene hinter den T-11 Torpedos. Was dort geschah, änderte den Rest seines Lebens. Schulze, als ob er von etwas unsagbar Altem besessen sei, hob die Hände hoch. Die Kiste sprang auf und enthüllte ein dolchartiges Instrument. Der ganze Raum ertrank in Licht.

 

6. Mai, sieben Minuten später.

In dieser Nacht träumte Günther von dem Schweinestall. Dort waren er, Heinrich, Schneider und all die anderen Kinder. Schneider, den Tyrannen, hielt er am Hemd, dazu bereit, ihn in den knietiefen Schlamm und die Scheiße zu werfen. Er erwachte vom ohrenbetäubenden Schrei des Feueralarms und huschte schnell in Richtung Feuerlöscher. Der Geruch von brennendem Fleisch durchdrang die Luft. Der Gestank wurde stärker und stärker und die Schritte aus dem Flur kamen näher und näher. Er wagte nicht, zur Tür zu gehen. Seine Kameraden, unsanft aus dem Schlaf geweckt, warteten mit angehaltenem Atem.

Der Schatten Schulzes erschien in der Tür, umgeben von einer seltsamen Krone aus schillerndem Licht. Er hatte etwas in der Hand, das definitiv nicht seine Luger war, aber vielleicht eine Art von Dolch. Es verbrannte sein Fleisch, wo die Hand des Kapitänleutnants es berührte. Die Augen der Besatzungsmitglieder folgten dem Instrument, als Schulze es über den Kopf hob.

»Blick auf den Speer des Schicksals und tu Buße! Der Geist von Golgotha spricht zu Euch!«, hallte seine Stimme durch den Raum. Günther sah, wie die Augen seiner Kameraden sich langsam in kleine Lichtlein verwandelten. Sie fingen alle an aufzustehen und streckten die Hände aus, um den Speer zu berühren. Günther fühlte ein leises Ziehen in seinem Herzen, doch er blieb bei Sinnen.

Ein plötzlicher Lichtblitz hinter dem Kapitän brachte Aufruhr und er fiel auf seine Knie. Krüger schoss seine Pistole ein zweites Mal und traf Schulze – wenn das Wesen noch Schulze war – genau in die Kehle. Der Kapitänleutnant ging zu Boden und bewegte sich nicht mehr.

»Alles wird gut, Günthi! Hab’ keine Angst!« Das verbrannte Gesicht Krügers versuchte zu lächeln. »Alles wird gut,« sagte er, als er niederkniete, um den Körper auf Vitalzeichen zu überprüfen. Er sah Günther in die Augen und konnte nicht einmal die tödliche Einstichstelle sehen. Die glühende Speerspitze drang durch Brustbein und Herz. Krügers Körper verkrampfte sich und er fühlte keinen Schmerz, als seine Brust von innen heraus verbrannte. Dann spürte er die große beruhigende Freiheit.

Was von Schulzes Wesen noch übrig war und die verbrannte Leiche des ehemaligen Krügers fielen zu Asche zusammen. Günther hatte Angst wie nie zuvor. Er beobachtete, wie der strahlende Speer sich auf wundersame Weise vom Boden aufgehoben hat, während seine Kameraden staunend dastanden. Mit der letzten Willenskraft, die er noch hatte, bespritzte er die uralte Waffe mit dem Inhalt des Feuerlöschers und rannte dann aus dem Schlafsaal. Er hörte nicht auf zu laufen, bis er den Steuerraum erreichte.

 

/Máté Sásdi/

Bildquelle: www.subsim.com

Es ist nie vorbei

Eindrücke eines Ausländers

Beide, TV-Zuschauer und Kinogänger, sind gewöhnt an Filme über die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Was sie nicht erwartet haben, war die deutsche Silberleinwandsensation des letzten Jahres Unsere Mütter, Unsere Väter; die auf das heutige Publikum (vor allem die jüngere Generation) einen größeren Einfluss zu haben scheint, als die gefeierten Klassiker der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, wie Schindlers Liste. Die neue ZDF-produzierte dreiteilige Serie hatte so viel emotionale Kraft, dass der dritte Teil von mehr als siebeneinhalb Millionen Deutschen geschaut wurde. In naher Zukunft wird die Serie in mehr als achtzig anderen Ländern veröffentlicht werden. Die Serie zeigt die schauspielerischen Begabungen von Volker Bruch, Tom Schilling, Katharina Schüttler, Ludwig Trepte und Miriam Stein als Hauptdarsteller.

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Die „Miniserie” lässt die Menschen wieder mal über den Krieg reden, hoffen Regisseur Philipp Kadelbach und Autor Stefan Kolditz. Sie ermutigen die deutsche Gesellschaft, die Vergangenheit vielleicht ein bisschen anders zu bewältigen und mahnten nun die Leute an, mit den Überlebenden zu sprechen, die noch unter uns leben – leider nicht für lange. Diese Menschen haben so viele authentische Erinnerungen und Geschichten aus dieser Zeit … die Jugend von heute sollte mit ihnen reden, solange ein Dialog noch möglich ist. Der Titel ist sehr selbstbewusst in dieser Hinsicht: Diese Leute sind die Mütter, Väter, Großmütter, Großväter usw. der heutigen jungen Generation. Es ist die Bürde der Deutschen, was damals passiert ist, und die Serie stellt das nicht in Frage. Aber vielleicht wird die Welt ihre Sicht auf die Deutschen langsam ändern. Wie Autor und Regie behaupten: Bald sieht die Welt Deutsche nur als Deutsche, und nicht als Nachkommen des nationalsozialistischen Regimes – so wie Wilhelm Winter, Protagonist und Erzähler im Film es sagt: „Bald wird es nur noch Deutsche geben und keinen einzigen Nazi.”

In einem Krieg von solch immensem Ausmaß konnte niemand unschuldig bleiben. Die Serie schildert das Leben von fünf jungen Berliner Freunden: Zwei Brüder, die als Soldaten an der Front kämpfen, eine Sängerin, eine Krankenschwester und der Sohn eines jüdischen Schneiders. Die Serie redet überhaupt nicht um den heißen Brei herum: Erbitterte Kämpfe an der Ostfront, Selbstaufopferung für die geliebten Menschen, Verrat, Enttäuschung, unmenschliche Behandlung der Feinde und damit einhergehend der Verlust von Unschuld und Menschlichkeit – alles in einem praktischen Paket, das Einige jedoch nicht vertragen konnten und die Miniserie stark kritisierten. Das Böse des Reichs wird kaum bestritten, aber – vielleicht zum ersten Mal – die Anderen, Polen und Russen/Sowjets, werden eben auch nicht idealisiert als „die Guten“ dargestellt. Vielmehr wurden die fünf deutschen Protagonisten und auch viele andere Kämpfer differenziert gezeigt, die dem Regime nicht unbedingt blind gefolgt sind, und dessen Weltbilder während des Krieges stark ins Wanken geraten sind. Ist es nicht unglaublich positiv zu sehen, dass es endlich eine solche Serie von Deutschen gibt? Einige denken, es war höchste Zeit. Andere denken, dass es mit der Schuld nie vorbei sein kann.

Natürlich entzündete das umstrittene Thema viel Hass und Schuldzuweisung. Obwohl Schindler Liste sieben Oscars erhielt, war die Aufnahme eher passiv (obgleich emotional). Unsere Mütter, Unsere Väter, auf der anderen Seite, führt Menschen in Aufruhr über bestimmte angebliche „Fälschungen” der Geschichte. Sind diese Anschuldigungen richtig, oder können Leute einfach nicht akzeptieren, dass die Welt selbst damals nicht nur schwarz-weiß war? Die berüchtigtste Kontroverse, die eine große Medienpräsenz hatte, war die Darstellung der polnischen Partisanen, die Armia Krajowa. Ohne zu viel von der Handlung zu verraten, gibt es eine Szene, in der die AK eher gefühllos gegenüber dem Schicksal der Juden gezeigt wird. In einer anderen Szene verstoßen sie einen ihrer Mitkämpfer, weil dieser sich als Jude offenbart. Wie erwartet, explodierten die Polen regelrecht. Mehr als zwölftausend Polen haben bis heute das ZDF wegen Verleumdung angezeigt. Im Vereinigten Königreich protestierten polnische Einwohner gegen die Ausstrahlung der Serie auf dem öffentlichen Sender BBC2. Einige Kritiker behaupten auch, dass die Wandlung fünf sympathischer junger Protagonisten in eine erschütternde Geschichte der Kriegsgeneration nur eine neue Reihe von Ausreden bietet – als ob die damalige Jugend nur von wenigen bösen Menschen hinters Licht geführt wurde.

Unsere Mütter, unsere Väter 3

Vielleicht werden auch diese Kritiker der Serie eines Tages eine weitere Chance geben. Und wer sie noch nicht gesehen hat, dem wird empfohlen, sie anzuschauen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Sucht die Serie wirklich nur nach Ausreden? Oder will sie uns zeigen, wie der Krieg das Leben aller Betroffenen ruiniert – Soldaten, Zivilisten, Krankenschwestern und eben auch Partisanen? Jedenfalls muss es immer Kritiker geben, aber ich würde jeden Zuschauer dazu ermutigen, für sich selbst zu entscheiden, ob Deutschland die Kritik wirklich verdient, die es für Unsere Mütter, Unsere Väter bekam.

Quelle des Beitragsbildes: David Slama, Kameramann der Serie

Bilderquellen: tiendas.fnac.egerman.ruvr.ru

/Máté Sásdi/

Der gewinnende Verlierer

Nun, Comedy-Liebhaber, gebt fein Acht! Der Publikumsliebling Bjarne Mädel feiert seinen sechsundvierzigsten Geburtstag heute, am März 12. Der neueste Film, in dem wir ihn sehen können, Stromberg – der Film, läuft seit dem 20. Februar in den deutschen Kinos. Stromberg – die Serie selbst lief acht lange Jahre und brachte dem früher relativ unbekannten Herrn Mädel seinen Durchbruch: er spielte den liebenswerten Verlierer und das Mobbingopfer des Büros, den Ernie. Hoppla! Berthold, wollte ich sagen. Seitdem hatte er seine ganz eigene Serie, in der er den ungewöhnlichsten Helden – den ich bis dato sah – spielt: Der Tatortreiniger. Hier geht es um das Leben und die abenteuerlichen Begegnungen des  Heiko „Schotty“  Schotte, „dessen Arbeit da anfängt, wo andere sich vor Entsetzen übergeben.“ Die Serie hat schon zweimal den Adolf Grimme-Preis gewonnen – dieser Preis ist einer der renommiertesten Preise für deutsche Fernsehserien. Mädel wurde im Jahr 2012 als bester Hauptdarsteller in einer Comedy-Serie ausgezeichnet. Längst überfällig!

8_Der_Tatortreiniger_Ueber_den_WolkenAus „Der Tatortreiniger“ /Über den Wolken/

Mädel wurde berühmt für seine Darstellung des liebenswerten Verlierers. Er könnte ein Opfer der Typisierung sein, aber ich bezweifle, dass irgendjemand damit Probleme hat – er spielt seine Rollen in einer unterhaltsamen Art und Weise. Jedoch geht seine preisgekrönte Rolle als „Schotty“ in Der Tatortreiniger tiefer als seine bisherigen Rollen – vielleicht, weil die ganze Show mehr ist als übliche Comedy. Da steckt mehr dahinter. Der Titel klingt wie ein Krimi, aber derjenige, der tatsächlich Polizeiarbeit erwartet, wird enttäuscht sein. Schotty erklärt in der ersten Folge, dass diese Show nichts mit Krimis zu tun hat. Die Zuschauer können nicht das Lösen eines Verbrechens mit verfolgen, sondern die Entwicklung Schottys und der Menschen, die er trifft. Was steht also im Zentrum? Es geht um die Interaktionen der Charaktere, von denen es nicht viele in einer Folge gibt, meist zwei plus Nebencharaktere. Ihr   Geplänkel ist sowohl amüsant als auch ernsthaft. Das Skript ist wirklich ein Erfolg und verdient den Grimme-Preis.

schottys kampf Aus „Der Tatortreiniger“ /Schottys Kampf/

In einer idealen Welt würde die Serie in der Hauptsendezeit ausgestrahlt werden. Warum der NDR (Norddeutscher Rundfunk) die Serie im sogenannten „finstersten Winkel des deutschen Fernsehens“, d.h. spät nachts, ausstrahlt, ist jedoch ein Rätsel. Vielleicht kommt der NDR nun, da die Serie und Herr Mädel preisgekrönt sind, endlich zur Vernunft. Man munkelt auch, dass sogar das amerikanische Fernsehen großes Interesse an der Serie zeigt.

Shottys Stern steigt, jedoch langsam, denn es war nicht immer einfach für den Preisträger. Als die Serie Ende 2011 erstmalig ausgestrahlt wurde, beobachteten kaum zwanzigtausend seine Abenteuer. Fairerweise muss man betonen, dass die Folgen vom NDR zu den verrücktesten Stunden ausgestrahlt wurden: Dann, wenn die Sonne in den Morgenhimmel emporstieg, kam Schotty auf den Fernsehbildschirm. Drei Jahre und leider nur neun Folgen später, unterhält Mädel fast eine Million und hat seine eigene Anhängerschaft.

Mädel musste auch selbst in seiner Kindheit Erfahrungen mit Mobbing sammeln. In der Schule, so erzählte der Schauspieler in einem Interview mit dem Spiegel, nannten ihn seine Mitschüler „Bjarne, das Mädchen“. Er war komisch klein: nur etwa 133 Zentimeter, und aus irgendeinem Grund, vielleicht als Wink des Schicksals, ließ er sich die Haare lang wachsen. Heute ist er kein haariger Zwerg mehr. Wie lautet das Sprichwort? Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Anscheinend stellen ihm die Leute die seltsamsten Fragen, zum Beispiel ob sein Klingelton derselbe wie Schottys ist, oder ob er im wahren Leben auch als Tatortreiniger arbeiten möchte. Der arme Mann muss jedes Mal erklären, dass er eigentlich gar nicht wie seine Figuren denkt, der Gedanke an Tod und Blut bereitet ihm Unbehagen. Komischerweise gibt es die eine Sache, die er gemeinsam mit seinem Charakter „Schotty“ hat: Er hat viel Erfahrung mit Reinigungsmitteln! Wie sich herausstellte, hat Mädel einst als Klinkenputzer, also als Tür-zu-Tür-Verkäufer, in den USA gearbeitet, und als eine seltsame Wendung des Schicksals verkaufte er dabei Putzmittel.

Durch seine Rollen, früher als „Ernie“ und jetzt als „Schotty“, wurde er zu einer Kultfigur. Natürlich stört ihn das nicht im Geringsten. Er hält sich für sehr glücklich und sagte dem Spiegel: „Wenn man etwas, was man gut findet, mit einer gewissen Konsequenz macht, kann im Glücksfall auch so etwas wie Kult dabei entstehen. Kult lässt sich aber nicht planen.” Erfolgreich, aber immer noch bescheiden – alles Gute zum Geburtstag, Bjarne! Und, liebe LeserInnen, wenn Sie Lust darauf haben, eine etwas wortkarge dunkle Komödie zu sehen, Der Tatortreiniger ist seine Zeit ganz sicher wert.

/Máté Sásdi/

Wenn Sie mehr von dem Spiegelinterviews lesen wollen, folgen Sie den Links:

http://www.spiegel.de/kultur/tv/der-tatortreiniger-neue-folgen-mit-bjarne-maedel-im-ndr-a-942001.html

http://www.spiegel.de/kultur/tv/kultserie-der-tatortreiniger-bjarne-maedel-in-drei-neuen-folgen-a-873849.html

http://www.spiegel.de/kultur/tv/gute-einschaltquoten-fuer-tatortreiniger-mit-bjarne-maedel-a-942409.html

Quelle des Beitragsbildes: www.cicero.de

Quelle der Bilder:

www.moviepilot.de

www.serien-load.de