Nach wie vor ein Energiebündel

Interview mit Frau Katalin Kis-Rabota

Sie ist die geborene Kämpferin, aber auch die vielfältigste Frau, die mir bisher begegnet ist. Um ihren Traum zu leben, gab Katalin Kis-Rabota ihre Heimat und ihren sicheren Arbeitsplatz auf und fuhr nach Deutschland. Aus dem geplanten Jahr wurde schließlich ein ganzer Lebensabschnitt, ein Ende noch nicht in Sicht. 2007 führte Anna Ferenczi mit ihr ein Interview (mehr dazu hier: http://primus.arts.u-szeged.hu/gema/zeitung/13/interviews_kisrabota.htm) und jetzt, sechs Jahre später, hatte ich die Gelegenheit, mit ihr ein paar Gedanken auszutauschen.

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Herzlichen Dank für die Einladung zu diesem Gespräch, es ist immer wieder schön, wenn man den Kontakt mit der ehemaligen Universität wieder aufnehmen kann. Ich bin geehrt und gerührt, dass ich jetzt dieses Gespräch führen kann.

Wir danken dir auch, dass du eingewilligt hast. Du lebst ja schon recht lange in Köln. War es schwer, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen?  Hat sich seit 2007 in Köln vieles verändert?

Ja, ich muss sagen natürlich, vor allem wegen der Mentalität der Deutschen. Ich musste auch recht lange mit Vorurteilen kämpfen, was sich im Laufe der Jahre auch wieder abschwächte. Ohne dies hätte ich es wahrscheinlich auch nicht geschafft, so lange hier zu bleiben. Aber ich muss auch hinzufügen, dass Köln keine „wirklich deutsche“ Stadt ist. Ich entschuldige mich für diese klischeehafte Anmerkung, aber Köln ist nicht zum Beispiel mit München zu vergleichen oder mit anderen Städten, wo die Menschen etwas verschlossener sind. Köln ist meiner Empfindung nach eine der liberalsten und sozial empfindlichsten Städte in Deutschland.

Ja, und ob sich Köln seit 2007 verändert hat… nun ja, fragt sich, in welcher Hinsicht … aber natürlich, sicherlich! Ich weiß noch sehr gut, dass meine Bewerbungen an Sprachschulen erstmal so gut wie überall abgelehnt wurden, da ich keine Muttersprachlerin bin. Es zählte nicht, dass ich schon damals über ein Diplom in DaF und eins in Germanistik verfügte. Binnen weniger Jahre drehte sich aber der Wind und es kamen die Sprachinstitute auf mich zu.

Ganz pauschal gesagt wurde meines Erachtens Köln sozialer, vielleicht noch offener unter anderem während, aber auch schon vor der wirtschaftlichen Krise in den letzten Jahren.

Köln ist eine recht nazifeindliche Stadt und gilt u. a. als Hochburg der Homosexuellen. Sowohl kulturell als auch infrastrukturell wurde vieles verändert. Eine neue Straßenbahnlinie wurde gebaut, was jedoch leider auch mit dramatischen Ereignissen verbunden war, denn im März 2009 ist unser Stadtarchiv, das eine Unmenge an kulturellem Erbe beherbergt hat, eingestürzt, und dabei starben zwei Menschen,  viele der direkten Anwohner sind erstmal so gut wie obdachlos geworden.

Auch schulpolitisch hat sich einiges getan, wie ich das sehe. Rot-Grün und die CDU haben sich 2011 in Nordrhein-Westfalen auf die Einführung der Sekundarschule geeinigt und dadurch wurde die Gemeinschaftsschule gestrichen. Der Vorteil davon ist, dass Schüler und Schülerinnen länger gemeinsam lernen können.

Du arbeitest nach wie vor an einer Sprachschule. Spielt es noch in irgendeiner Hinsicht eine Rolle, dass du Nichtmuttersprachlerin bist?

Ja, das ist richtig, seit 2004 um genau zu sein. Ich fühlte mich damals wie heute sehr geehrt, denn als ich 2001 nach Deutschland kam, war es nicht selbstverständlich, dass jemand aus dem Ausland mit zwei Diplomen in Deutsch als Fremdsprache und Germanistik auch eine Lehrstelle als Lehrer an einer Sprachschule oder gar an einer Schule bekommen kann. Deshalb war ich sehr erfreut, als ich diese Chance bei der Sprachschule Tandem Köln (Link dazu: http://www.tandem-koeln.de/) bekommen habe. Wahrscheinlich nur deswegen, weil mein Chef wirklich „open-minded“, auf gut Englisch gesagt, ist. Er ist absolut offen für Neues und ich bin tatsächlich die einzige Nichtmuttersprachlerin im Team und Oliver musste wirklich schon damals erkannt haben, dass ein/e Lehrende/r, die/der selbst mit dieser schwierigen Sprache „gekämpft“ hatte, diese Sprache auch authentisch vermitteln kann. Hoffentlich hat er seine damalige Entscheidung noch nicht bereut. /Sie lächelt./

Wie betrachtest Du den Sprachunterricht in Deutschland und in Ungarn? Gibt es nennenswerte Unterschiede?

Das ist eine schwierige Frage, muss ich sagen, und dabei möchte ich auch differenzieren. Ich befürchte, in einer Hinsicht gibt es leider keine gravierenden Unterschiede, und dabei müssen wir uns nicht auf Ungarn oder Deutschland beschränken, da das Phänomen einfach absolut international ist. Mir ist bewusst, dass ich für meine Aussagen hier irgendwann mal gekreuzigt werde, aber ich finde, viele der jeweiligen Fremdsprachenlehrer, die vielleicht aus dem Grunde, dass sie selber Nichtmuttersprachler sind oder eben nur zu wenig authentischen Kontakt zur Unterrichtssprache haben, einfach nicht glaubwürdig hinter dem zu vermittelnden Fach stehen können. Wenn die Lernenden, und das sind im Falle von Schulen Kinder, Unsicherheit seitens der Lehrer spüren, werden sie den Unterricht niemals ernst nehmen. Diese Meinung vertrete nicht nur ich, sondern noch weitere Kollegen/innen hier in Deutschland, die in der Schulzeit z.B. Französisch und Englisch gelernt haben.

Und das Gleiche geschieht oftmals im Falle von Muttersprachlern, die ihre Muttersprache unterrichten, aber die nur teilweise analytisch- empirisch unter die Lupe nahmen.

Gut, ich muss natürlich auch an meiner Nase fassen, was ich auch gern tue, zumal ich selbst immer noch oft Fehler begehe. Rein theoretisch ist es einfach so, und damit kann ich mittlerweile auch leben, dass ich trotz 34 Jahre langen Deutschlernens nie imstande sein werde, ein absolut perfektes Deutsch zu beherrschen. Aber ich bin dabei auch sehr streng mit mir, da ich mich nur und ausschließlich mit einem hochakademischen Niveau hätte zufrieden stellen können. /Sie lächelt./

Du engagierst dich für eine „humanere“ Unterrichtsmethode. Was ist darunter zu verstehen? Gehen wir recht in der Annahme, dass bei dieser Methode auch deine schauspielerischen Erfahrungen zum Tragen kommen?

Jein. /Sie lächelt./ Also, so ist es nicht wirklich richtig, dass ich mich jetzt für eine humanere Unterrichtsmethode engagieren würde, denn es gibt ja zahlreiche lernergerechte Methoden. Ich engagiere mich mit Begeisterung, mit meinen Kollegen zusammen, für ein humaneres Schulsystem, auch wenn das jetzt etwas arrogant klingen mag.

Es geht mir hier nicht einzig und allein um das deutsche Schulsystem, sondern um eine grundsätzliche Lösung. Dabei stelle ich mir auch heute noch oftmals die Frage, warum viele Lehrer die Lernenden noch immer so gut wie nur noch als Behälter für neue Kenntnisse betrachten, statt das Lernen als ein systemisches Phänomen zu sehen. Ich bin ein Fan von reformpädagogischen Schulen und Methoden, denn es sollte einfach nicht mehr nur darum gehen, so viel Wissen wie möglich in die Köpfe zu stopfen, sondern viel eher um nachhaltiges Lehren und Lernen, das für beide Seiten Spaß und Bereicherung bereitet.

Na ja, und ob meine schauspielerischen Erfahrungen dabei eine Rolle spielen, darauf kann ich keine eindeutige Antwort geben. Zum Teil sind die natürlich sehr hilfreich, denn motorisch-visuell-auditiv vermittelte Informationen werden bewiesenermaßen schneller und effektiver angeeignet, und zwar von jedem Lernenden, sei es ein Kind oder ein/e Erwachsene/r. Je mehr Gehirnregionen eingeschaltet und je öfter die Informationen wiederholt werden, desto schneller entstehen neue Synapsen. Deshalb verwende ich sehr viele schauspielerische Instrumente, beispielsweise bei der Erklärung von Wortverbindungen wie z.B. ‚in Ohnmacht fallen‘ und komme dann nach jedes Mal mit blauen Flecken nach Hause /Sie lächelt./, aber meine SchülerInnen merken sich dann auch schnell die neuen Vokabeln. Und dann haben sich die Flecken auch schon gelohnt. /Sie lächelt./

Du bist sehr vielseitig. Was würdest du den heutigen Germanistikstudierenden an der Szegeder Uni als Rat mit auf den Weg geben?

Oh, danke schön. /Sie lächelt./ Ob ich euch irgendeinen Rat zu geben vermag, das weiß ich nicht. Ich würde einfach alles, was richtig erscheint als eine Möglichkeit nehmen, um nichts zu verpassen. Liebt und nehmt euch an. Traut euch einfach, euch selbst die Chance zu geben, eure Träume zu verwirklichen, und bleibt auf eurem Weg, wenn der euch richtig erscheint. Einfach so positiv und liebevoll wie möglich durch das Leben zu gehen, ja, das würde ich versuchen, auch wenn das sich nicht immer so leicht gestaltet, sich jedoch jedes Mal lohnt und einem wunderbare Geschenke beschert. /Sie lächelt./

Vielen Dank für das Interview und GeMa wünscht Dir weiterhin alles Gute und viel Glück was immer dir dein abenteuerreiches Leben als nächstes beschert.

/Marietta Nagy-Pál/

Quelle des Beitragsbildes: www.myspace.com