Symposium zu Ehren von Károly Csúri anlässlich seines 70. Geburtstages

Am 5. Mai 2016 feierte das Institut für Germanistik der Universität Szeged den 70. Geburtstag unseres Professors Dr. Károly Csúri. Aus diesem Anlass kamen Germanisten aus Deutschland, Österreich, Polen und Ungarn zusammen und es wurden Vorträge zum Thema „Poetische Konstruktionen“ gehalten. Die Veranstaltung fand an einem sonnigen Mai-Tag im Gebäude der Szegeder Kommission der Ungarischen Akademie der Wissenschaften statt. Moderator war Dr. habil. Attila Bombitz, gleichzeitig der Hauptorganisator der Feier.

Das Symposium eröffnete der Dekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Szeged, Prof. Dr. Mihály Szajbély. Er erinnerte an die Anfänge seiner mittlerweile 40jährigen Freundschaft mit Károly Csúri, indem er auf sein erstes Treffen mit dem Jubilar verwies. Mihály Szajbély lernte den jungen, ambitionierten Germanisten als Student in einem Zug kennen und war von dessen rebellischen Ansichten im Bereich Literaturwissenschaft begeistert. Károly Csúri erarbeitete zusammen mit Árpád Bernáth und Zoltán Kanyó jene grundlegenden Gedanken der literaturtheoretischen Methode, die auf strukturalistischer Basis eine neue Annäherung an den literarischen Text ermöglicht, und später als Theorie der möglichen Welten bzw. auch als „Szegeder Schule“ in die internationale (und vor allem die germanistische) Literaturwissenschaft Eingang fand. Die fundierte neue Methode war in ihrer Beschaffenheit der gängigen marxistischen Literaturauffassung gegenüber äußerst kritisch und hatte dementsprechend einen steinigen Weg zu begehen.

Auch die Direktorin des Österreichischen Kulturforums Budapest, Dr. Susanne Bachfischer, begrüßte die Anwesenden sehr herzlich. In ihrer Rede kam sie auf die diplomatischen Qualitäten unseres Professors zu sprechen, indem sie auf seine Tätigkeit als Kulturdiplomat in Wien hinwies. Zwischen 1999 und 2004 war Károly Csúri nämlich Direktor des Collegium Hungaricum und Ratgeber des ungarischen Botschafters in Wien. Für seine Verdienste um die österreichisch-ungarischen Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftsbeziehungen wurde Csúri im Jahre 2012 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse verliehen.

Die abschließenden Begrüßungsworte sprach Dr. habil. Endre Hárs, Leiter des Szegeder Instituts für Germanistik. Hárs hob Csúris Überzeugung und Sicherheit hervor, die gemeinsam mit seinem Charisma an der Szegeder Germanistik eine einzigartige Stimmung freundschaftlicher Kollegialität ermöglicht haben. Zum Schluss sprach Endre Hárs dem Jubilar herzliche Glückwunsche und genauso viel Erfolg in seiner weiteren Laufbahn als Professor Emeritus aus.

Nach diesen feierlichen Ansprachen begann das Symposium mit sieben Vorträgen von renommierten Kollegen aus dem In- und Ausland.
Prof. Dr. Árpád Bernáth, Kollege und Freund von Károly Csúri und wichtiger Mitgründer der „Szegeder Schule“, konnte leider nicht anwesend sein. Sein Vortrag „Literarische Kunstwerke als ,mögliche Welten‘ – unter dem Aspekt der ,Szegeder Schule‘“ entfiel jedoch nicht. Für Árpád Bernáth sprang der Gastgeber der Feierlichkeit Attila Bombitz ein.
Anschließend wies Prof. Dr. Hans-Georg Kemper aus Tübingen auf die Tatsache hin, dass es keinen produktiveren Georg Trakl-Forscher gebe als Károly Csúri. Darüber hinaus lobte er die außergewöhnliche Fähigkeit des Professors, als Nicht-Muttersprachler die unterschiedlichen und feinsten sprachlichen Nuancierungen zu entdecken. In seinem Vortrag behandelte Kemper das Thema „,Was ist der Mensch?‘ Lyrische Antworten von Catherina Regina von Greiffenberg, Johann Wolfgang Goethe und Georg Trakl“.
Prof. Dr. Joachim Jacob aus Gießen hielt einen Vortrag, der an ein früheres Thema Károly Csúris anschloss und schilderte die außergewöhnliche Beziehung zwischen Hölderlin und Trakl. Während seines Referats „Brot und Wein – Hölderlin und Trakl“ bereitete Jacob den Anwesenden eine belustigende Überraschung, als er tatsächlich einen Laib Brot und eine Flasche Wein auf das Rednerpult stellte.
Weitere Vortragende waren Prof. Dr. Wolfgang Wiesmüller aus Innsbruck mit dem Thema der „Autofiktion und Ich-Konstruktionen in den Briefen Adalbert Stifters an Gustav Heckenast“. Darauf folgten einstige Schülerinnen und Schüler von Károly Csúri, die sich freundschaftlich an ihren Lehrer und Kollegen erinnerten. Prof. Dr. Magdolna Orosz aus Budapest sprach in ihrem Vortrag „Erzählen in historischer Verkleidung“ über Arthur Schnitzlers „Die Frau des Richters“. Danach folgte das Referat von Prof. Dr. Zoltán Szendi aus Pécs: „Die visuelle Erfahrung. Zu den Frauenporträts Rilkes“. Den Abschluss bildete der Vortrag von Prof. Dr. Kurt Bartsch aus Graz: „Vom ,categorischen Imperativ des Geldes‘ (Nestroy) im Werk Ödön von Horváths“.

Nach den Vorträgen präsentierte Attila Bombitz als Organisator des Tages zwei Bücher Károly Csúris, die gerade neu erschienen sind. Einerseits wurde das Buch „Konstruktionsprinzipien von Georg Trakls lyrischen Textwelten“ vorgestellt, die Herr Bombitz als das Lebenswerk des Professors bezeichnete. Andererseits wurde eine Auswahl der wichtigsten Aufsätze und Studien aus Csúris wissenschaftlichem Oeuvre vorgestellt. Die Sammlung „Poetische Konstruktionen. Studien zu Werken der klassischen Moderne” wurde von Attila Bombitz herausgegeben und beinhaltet ein Vorwort von Magdolna Orosz.

Im Rahmen des Ehren-Symposiums konnten somit das besondere Arbeitsfeld unseres Professors ins Rampenlicht gerückt und die theoretischen Ansätze, Methoden und Themen, die Csúris Interessengebiet ausmachen, beleuchtet werden. Der Jubilar bedankte sich sehr herzlich für „die fantastische Überraschung“.

GeMa wünscht Herrn Professor Csúri im Namen aller Studierenden gute Gesundheit und weiterhin viel Erfolg!

/Christiana Gules/

Allen, die gern weiterlesen möchten, seien die o.g. Werke von Károly Csúri empfohlen:

Csúri, Károly: Konstruktionsprinzipien von Georg Trakls lyrischen Textwelten. Bielefeld: Aisthesis 2016.
Csúri, Károly: Poetische Konstruktionen. Studien zu Werken der klassischen Moderne. Wien: Praesens 2016.

Rudolf Kassner: Der „Sohn von Kierkegaard“

Ein Vortrag von Géza Deréky

Am 29. April 2014 organisierte der Lehrstuhl für Österreichische Literatur und Kultur einen vielversprechenden Gastvortrag. Unter dem Titel „Szól a szem és szól a szív… Látás – értelmezés – megismerés Rudolf Kassner írásaiban“ lud unser Gast, der Übersetzer Géza Deréky, das Publikum ein, einen in Ungarn kaum erwähnten, in Österreich fast vergessenen Denker des 20. Jahrhunderts kennen zu lernen. Doch was machte den Freund von Rilke und Hofmannsthal, den behinderten Weltreisenden zu seiner Zeit weltberühmt und warum werden seine Werke heute nur marginal besprochen?

Herr Prof. Dr. Pál Deréky hielt seinen aufschlussreichen Vortrag strikt aus der Perspektive des Übersetzers. Er stellte im Voraus fest, hierbei werde es sich nicht um die Erörterung einer Biographie handeln oder um die Darstellung des Lebenswerkes. Vielmehr konzentrierte er sich darauf, seinen Zuhörern einen Einblick in die vielleicht interessanteste Schaffensperiode von Kassner zu gewährleisten. Somit wurden Auszüge aus den Werken Von den Elementen der menschlichen Größe (1910) und Der indische Gedanke (1913) vorgelesen und kommentiert.

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Der indiskrete Mensch. „Wer kennt ihn nicht, diesen Genußmenschen ohne Geschmack, den tristen Erotiker, den mitleidsvollen Ästheten, den Patrioten aus Verzweiflung und ohne Überzeugung, den Frommen ohne Glauben?”[1]

Herr Deréky weist schon am Anfang seines Vortrages darauf hin, dass die Wiener literarische Moderne einen wichtigen Platz im übersetzerischen Oevre Kertész‘ einnimmt. Nicht nur Kertész, sondern auch György Lukács hatte früh die Schriften Kassners kennen und schätzen gelernt. Kassner gehörte zu den Größten der prämodernen Literatur und verblüffte mit seinen Werken solche Dichter wie Rainer Maria Rilke oder Hugo von Hofmannsthal. Dieses Erstaunen erläutert Rilke in einem seiner Briefe, als er von seinem Drang danach erzählt, die Essays aus Von den Elementen der menschlichen Größe mit auf seinen Spaziergang durch Paris zu nehmen und in einigen Stellen wiederholt lesend den verborgenen, eigentlichen Sinn der Wörter zu finden. Denn es war offensichtlich, dass irgendetwas Einzigartiges und Tiefgründiges durch die Unperfektion der Sprache zwischen den Zeilen verhüllt wurde.

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Unser Gast machte das Publikum auf eine ähnliche Äußerung von Hugo von Hofmannsthal aufmerksam. Der bekannte Dramatiker bezeichnete die Werke von Kassner als „dichte geistliche Produkte“. Und tatsächlich, Kassners Gedanken sprengen den Rahmen der Literatur. Er umspannt die Grenzen der Fiktion und als Denker überholte Kassner Platon und Aristoteles. Herr Deréky machte uns durch das Vorlesen gut ausgewählter Ausschnitte klar, was man unter der eigenartigen Philosophie, Hermeneutik und Physiognomie-Theorie von Kassner verstehen soll und wie seine Weltanschauung aussah. Ähnlich wie andere große Denker auch, suchte Kassner nach dem Genie des Menschen. Als Würdige nannte er zwei Arten von Menschen: den Künstler und den Platoniker. All die anderen, die keinen solch engen Kontakt zu Ästhetik und geistlicher Empfindlichkeit haben, werden von Kassner, so Deréky, als indiskrete Menschen bezeichnet.

Dabei ist festzustellen, dass Kassner Indiskretion nicht im Sinne von Ignoranz soziokultureller Sitten verstand, wie z.B. Etikette und Galanterie. Nein, indiskret heißt bei ihm soviel wie  existentiell formlos und frech zu sein. Anders gesagt, ein Mensch, der den goldenen Mittelweg nicht findet, doch glaubt, sich gerade auf ihm zu befinden. Denn nach Kassner ist das, was uns eigenartig und würdevoll macht, die richtige Erkennung der Welt und die Gewissheit der Mäßigkeit. Denn ohne Maß und ohne Erkennung wird der Mensch nur zu einer Karikatur, einer Verzerrung seines Selbst. Kassners Philosophie kann für den heutigen Menschen leicht nachvollziehbar gemacht werden. Man denke nur an die narzisstischen Personen, die tagtäglich Selfies posten, damit all ihre Bekannten sie „bewundern“ können. Zeugnisse des postmodernen digitalen Hedonismus.

Kassner begründet seine Kritik an den indiskreten Menschen mit dem Verschwinden der Perfektion, des Außergewöhnlichen (Gott) bzw. mit Mangel an Mut (zum Kampf um Leben und Tod). Als Kassner diese Gedanken niederschrieb (1910-13), befand sich die westliche Welt in einer sehr angespannten Situation. Die Menschen lebten unter guten Bedingungen, die Konsumgesellschaft entstand und Krieg wurde seit Generationen nicht mehr geführt. Wenn man nachdenkt, erkennt man die gleiche Situation auch in unseren Tagen. Es entstand die Mode des Individualismus. L’art pour l’art nicht nur in der Kunst. Das Leben des Einzelnen wurde als ein Kunstwerk gelebt. Man folgte keinen zentralen Idealen, man war selbst sein Eigenideal. Be yourself. Born this way. I did it my way. Bekannt?

Der Mensch verliert an Maß, an Form, an Qualität. Ein Ich-Kultus entsteht. Jeder ist maßlos eigenartig. Jeder ist speziell. Doch wenn jeder etwas Spezielles ist, dann ist keiner mehr einzigartig… Eine düstere Kritik an den damaligen Zeitgenossen. Das versteht Kassner unter  indiskreten Menschen.

Wie Herr Deréky öfter erwähnt hat, entwickelte Kassner ein eigenes Terminologiesystem, was auch für den erfahrenen Übersetzer eine Herausforderung bedeutet, diese Begriffe richtig ins Ungarische umsetzen zu können. Ist man aber fähig, zwischen den Zeilen zu lesen und das seriöse Begriffsarsenal des Denkers zu entschlüsseln, erfährt man, worin Kassner die Ausbruchsmöglichkeit aus der Indiskretion sieht. Nach ihm soll man hinter die armseligen Masken schauen können und den Kern des Menschen erkennen. Dieser Prozess der Erkennung ist aber lang und mühsam. Mit der „Imagination“ gelangt man zum Kern, dem Grundelement. Mit der Festlegung der Gestalt (Kern) und mit der Einbildungskraft (Imagination) zusammen soll der eigentliche, wahrhaftige Sinn erkannt werden. Interessanterweise definiert Kassner unser vielleicht rationalstes Sinnesorgan, das Sehen, als einen Akt der Seele und nicht als einen kognitiven Vorgang physischer Natur.

War Kassner ein Dichter? Oder ein Philosoph? Laut Deréky ist er sowohl beides als auch keines. Literaturwissenschaftler bezeichnen ihn als Philosophen, für Philosophen ist er eher ein Dichter. Diese Unstimmigkeit ergibt sich wahrscheinlich aus seiner synästhetischen Schreibweise und starkem Sprachgebrauch von Metaphern, mit denen die gravierenden Weisheiten formuliert werden.

Den vorliegenden Bericht möchte ich mit den Wörtern von Rainer Maria Rilke beenden. Seine achte Duineser Elegie widmet er seinem Freunde, und meiner Meinung nach könnte keiner die Person Kassners besser beschreiben als sein begabter Bewunderer.

/Christiana Gules/

 

Rainer Maria Rilke: Die Achte Duineser Elegie

Rudolf Kassner zugeeignet

Mit allen Augen sieht die Kreatur
das Offene. Nur unsre Augen sind
wie umgekehrt und ganz um sie gestellt
als Fallen, rings um ihren freien Ausgang.
Was draußen ist, wir wissens aus des Tiers
Antlitz allein; denn schon das frühe Kind
wenden wir um und zwingens, daß es rückwärts
Gestaltung sehe, nicht das Offne, das
im Tiergesicht so tief ist. Frei von Tod.
Ihn sehen wir allein; das freie Tier
hat seinen Untergang stets hinter sich
und vor sich Gott, und wenn es geht, so gehts
in Ewigkeit, so wie die Brunnen gehen.
Wir haben nie, nicht einen einzigen Tag,
den reinen Raum vor uns, in den die Blumen
unendlich aufgehn. Immer ist es Welt
und niemals Nirgends ohne Nicht: das Reine,
Unüberwachte, das man atmet und
unendlich weiß und nicht begehrt. Als Kind
verliert sich eins im Stilln an dies und wird
gerüttelt. Oder jener stirbt und ists.
Denn nah am Tod sieht man den Tod nicht mehr
und starrt hinaus, vielleicht mit großem Tierblick.
Liebende, wäre nicht der andre, der
die Sicht verstellt, sind nah daran und staunen . . .
Wie aus Versehn ist ihnen aufgetan
hinter dem andern . . . Aber über ihn
kommt keiner fort, und wieder wird ihm Welt.
Der Schöpfung immer zugewendet, sehn
wir nur auf ihr die Spiegelung des Frein,
von uns verdunkelt. Oder daß ein Tier,
ein stummes, aufschaut, ruhig durch uns durch.
Dieses heißt Schicksal: gegenüber sein
und nichts als das und immer gegenüber.

Wäre Bewußtheit unsrer Art in dem
sicheren Tier, das uns entgegenzieht
in anderer Richtung –, riß es uns herum
mit seinem Wandel. Doch sein Sein ist ihm
unendlich, ungefaßt und ohne Blick
auf seinen Zustand, rein, so wie sein Ausblick.
Und wo wir Zukunft sehn, dort sieht es Alles
und sich in Allem und geheilt für immer.

Und doch ist in dem wachsam warmen Tier
Gewicht und Sorge einer großen Schwermut.
Denn ihm auch haftet immer an, was uns
oft überwältigt, – die Erinnerung,
als sei schon einmal das, wonach man drängt,
näher gewesen, treuer und sein Anschluß
unendlich zärtlich. Hier ist alles Abstand,
und dort wars Atem. Nach der ersten Heimat
ist ihm die zweite zwitterig und windig.
O Seligkeit der kleinen Kreatur,
die immer bleibt im Schooße, der sie austrug;
o Glück der Mücke, die noch innen hüpft,
selbst wenn sie Hochzeit hat: denn Schooß ist Alles.
Und sieh die halbe Sicherheit des Vogels,
der beinah beides weiß aus seinem Ursprung,
als wär er eine Seele der Etrusker,
aus einem Toten, den ein Raum empfing,
doch mit der ruhenden Figur als Deckel.
Und wie bestürzt ist eins, das fliegen muß
und stammt aus einem Schooß. Wie vor sich selbst
erschreckt, durchzuckts die Luft, wie wenn ein Sprung
durch eine Tasse geht. So reißt die Spur
der Fledermaus durchs Porzellan des Abends.

Und wir: Zuschauer, immer, überall,
dem allen zugewandt und nie hinaus!
Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt.
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.
Wer hat uns also umgedreht, daß wir,
was wir auch tun, in jener Haltung sind
von einem, welcher fortgeht? Wie er auf
dem letzten Hügel, der ihm ganz sein Tal
noch einmal zeigt, sich wendet, anhält, weilt –,
so leben wir und nehmen immer Abschied.

 

 



[1]      Kassner, Rudolf: Der indische Gedanke: Von den Elementen der menschlichen Grösse. Insel-Verlag. Leipzig. 1921.

        https://archive.org/stream/derindischegedan00kassuoft/derindischegedan00kassuoft_djvu.txt

Killerschlager

Wenn aus Gewalt durch Schlagermusik Spaß wird

Mit der Entwicklung der Musik als Massenprodukt änderte sich auch die Interpretation und Rezeption von Kriminalfällen. Monster wurden zu “lyrischen Figuren”, schaudererregende Straftaten wurden zu “lyrischen Motiven”. Heute geht es in der gegenwärtigen Popmusik eher darum, den sexuellen Hedonismus zu preisen, doch früher kam das eine oder andere Lied über Mord in die Top 10 der Schlagercharts.

Braucht der Deutsche gute Laune, trinkt er Bier und brüllt einen Schlager. Und das ist nicht nur seit der Selbsternennung Jürgen Drews zum König von Mallorca so. Anfang des 20. Jahrhunderts, wo die Lockerung der strikten gesellschaftlichen Normen, die Auflösung der aristokratischen Elite durch die Selfmade Businessmen aus den Reihen des Bürgertums eine neue Ära erahnen ließ, veränderte sich langsam auch die Art der Musik. Der große Unterschied zwischen Schubertliedern des Klavierlehrers während des Musikunterrichtes und den Kneipengesängen und Volksliedern verschwand. Das Radio diktierte einen gemeinsamen Musikgeschmack, unabhängig davon, ob der Zuhörer arm oder reich war. Die Popkultur entstand.

Zu den Hits der Jahrhundertwende und der Zwischenkriegszeit gehörten meistens berühmte Lieder aus Volksstücken und Operetten. Im Gegensatz zu heute waren sie mehr oder weniger von besserer Qualität. Natürlich würden die Grande Dames der Zeit dies bestreiten, doch im Nachhinein ist das Vergangene immer besser als das Jetzige. Nostalgie eben. Ein Symptom des Golden Age Thinking.

Vor 90 Jahren, 1924, war das Lied von Walter Kollo Warte nur ein Weilchen ein Hit. Die Melodie ist Teil der am 22. Dezember 1923 in Berlin uraufgeführten Operette Marianne und lässt einen Dialog zwischen einem Mann und einem 17-jährigen Mädchen erklingen. Dabei geht es um das ungeduldige Verlangen, Liebe kennen zu lernen. Dem väterlich mahnenden Mann erwidert eine melancholische Frauenstimme, warum auf Narren zu hören, warum harren und hoffen, wenn man heute sein Glück selbst finden kann. Darauf folgt dann der berühmt gewordene Refrain:

Warte, warte nur ein Weilchen, / bald kommt auch das Glück zu dir! /

Mit den ersten blauen Veilchen / klopft es leis‘ an deine Tür. /

Warte, warte nur ein Weilchen, / bald kommt auch das Glück zu dir, /

bringt vom Himmel dir ein Teilchen / und klopft dann an deine Tür!

Und wie jedes berühmte Lied, erlitt auch dieses den Fluch der Parodie. Denn warum nicht alles kaputtmachen?! Doch was man mit diesem Lied in Hannover gemacht hat, kann nicht nur mit einigen Zeilen erklärt werden. Schon während der 20er-Jahre entstanden mehrere Versionen zum gleichen Thema, doch 1961 kam die Jazz-Version von Hawe Schneider in die Top 10 der Charts im Radio. Der Refrain klingt dabei folgenderweise:

Warte warte nur ein Weilchen, / bald kommt Haarmann auch zu dir! /

Mit dem kleinen Hackebeilchen / macht er Hackefleisch aus dir. /

Aus den Augen macht er Sülze, / aus dem Hintern macht er Speck, /

aus den Därmen macht er Würste / und den Rest, den schmeißt er weg.

Das Grauenhafteste dabei sind nicht einmal die Zeilen, sondern die Tatsache, dass die fröhlich-schnelle Dixie-Melodie Lust macht, zu diesem makabren Inhalt auf den Tischen zu tanzen. Worum geht es überhaupt in diesem Lied, und warum so heiter? Nicht einmal die grausamen Kindergeschichten, die die Gebrüder Grimm gesammelt haben, stellten das Böse so komisch dar.

Meiner Ansicht nach ist dies eine Frage des Mediums. Im 17.-18. Jahrhundert war eben die mündlich vorgetragene Erzählung die beste Lösung, eine Information weiterzugeben. Und damals meinte man das auch ernst. Aber nach dem Weltkrieg änderte sich die Form der Unterhaltung, keiner erzählte mehr, jeder sang dem Radio nach. Eine weitere verquere Wirkung auf die Menschen: nach dem Weltkrieg – vielleicht aufgrund des Traumas und des Schocks – jedenfalls versuchte man aus dem Schlimmsten das Beste zu machen. Heute würde das nicht mehr funktionieren.

Also, was ist geschehen? Wer ist Haarmann, warum muss ich auf ihn warten und warum macht er Hackfleisch aus mir?

Fritz Haarmann, gelernter Schlosser, Händler, Polizeispitzel und Serienmörder, wurde im Dezember 1924 zum Tode verurteilt und verlor seinen Kopf. Er missbrauchte und schlachtete 24 Jungen zwischen 10 und 22 Jahren auf den Straßen Hannovers. Während seines Lebens wurde er mehrfach festgenommen, doch immer wieder hatte er gute Karten und entging einer Verhaftung, was während seines Prozesses einen dunklen Schatten auf die Polizei von Hannover geworfen hat. Von behandelnden Psychologen und Ärzten wurden bei ihm unheilbarer Schwachsinn und Schizophrenie festgestellt. Mit seinem 20 Jahre jüngeren Mitbewohner Hans Grans pflegte er ein homosexuelles Verhältnis. Dieser Grans sollte die Opfer zu dem Monster schicken. Nach seinem Tod geriet Haarmanns Gehirn in den Fokus der Hirnforschung in München. Aus medizinischer Sicht wurde die Ursache seines bestialischen Verhaltens – er zeigte nämlich bis zum Ende keine Reue, nicht einmal die Erkenntnis der gravierenden Unmenschlichkeit seiner Taten – auf eine frühere, unentdeckte Gehirnhautentzündung zurückgeführt.

Und das besingt Hawe Schneider und kommt in die Top10.

Einen nicht weniger makabren Fall, der ebenfalls in den 20er-Jahren in München stattgefunden hatte, bearbeitete Bertolt Brecht, ganz früh nach dem Erscheinen der Presseberichte in einem Gedicht (1927). Apfelböck, oder die Lilie auf dem Felde lässt uns in eine Wohnung der seelischen Dunkelheit reinschauen. Ein Kind erschlägt seine Eltern, versteckt sie im Schrank, und wird krank von dem Geruch. Das Gedicht lässt das Ende offen, doch in der Wirklichkeit ist bekannt, dass Joseph Apfelböck Gefängnis und den zweiten Weltkrieg überlebte, eine Familie gründete und ungestört bis Mitte der 80er-Jahre lebte.

In dem Gedicht bleibt Brecht der Realität treu und schildert die Grausamkeit des Vorfalls. In der Musik dagegen verliert man das Gefühl der Wirklichkeit. Das kennen wir doch heute auch aus den Blockbustern. Gewalt und Komödie passen wie Arsch auf Eimer. Die antiken Kaiser hatten ihren Spaß an den sandblutigen Gladiatorenkämpfen. Warum fasziniert uns das Böse, das Blutige, das Grausame immer noch? Über den Topos Tod zu singen ist eine Sache, aber über die Umstände und die Kulissen zu spaßen, ist wieder etwas anderes.

http://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Haarmann

http://www.welt.de/vermischtes/article1994089/Fritz-Haarmann-war-der-Vampir-von-Hannover.html

http://www.youtube.com/watch?v=eE0wIm1zknM

Quelle des Beitragsbildes: www.ghetto-rock.com

 /Christiana Gules/

Bamberg und Literatur – eine Studienreise

Ein Hochschulsommerkurs in Deutschland

Was hat ein DAAD-Sommerstipendium Spezielles an sich? Es nehmen doch so viele Leute an Erasmus-Programmen teil, immer mehr bewerben sich um ein Collegium Hungaricum–Stipendium. Der Deutsche Akademische Austauschdienst bietet über die üblichen Auslandsstipendien hinaus (Zeitspanne: 1-2 Semester) die Möglichkeit, auch während der Sommerferien die Kenntnisse der deutschen Sprache und Landeskunde zu vertiefen. Viele Universitäten bieten Sommerkurse an, in denen Veranstaltungen im Bereich Linguistik und Literatur oder aber auch Wirtschaft, Politik und Umwelt organisiert werden.

Eine gelungene Mischung aus entspannten Ferien und intensivem Studium bot im August 2013 die Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Das zentrale Thema war die Reise als literarisches Motiv, narrative Struktur bzw. als erkenntnistheoretische Perspektive.

Literatur und Landeskunde zum Erleben

OLYMPUS DIGITAL CAMERAUnter der Anleitung von Prof. Dr. Hans-Peter Ecker, Inhaber der Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Literaturvermittlung, bekamen die ausländischen Studierenden aus 29 Ländern einerseits einen Einblick in die deutsche Reiseliteratur, andererseits achteten die Organisatoren auch darauf, dass die Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer möglichst viel über die deutsche Kultur und Lebensart erfahren konnten.

Im Zusammenhang mit dem vierwöchigen Aufenthalt der Gäste wurde die Bedeutsamkeit der Reise und Mobilität angesprochen, sowohl als wichtiges Element menschlicher Zwischenbeziehungen als auch als beliebter literarischer Topos, der Thema und Struktur vieler Werke bestimmt. Die Veranstaltungen orientierten sich an dem Sprachniveau der Teilnehmenden. Unterrichtssprache war zwar Deutsch, man konnte jedoch zwischen B1-B2 oder C1-C2 Seminaren wählen. Doch dies bedeutete kaum einen qualitativen Unterschied, was die Themen der einzelnen Sitzungen angeht. “Abenteurer, Pilger und Vaganten: Mobile Zeitgenossen im Mittelalter” bot einen Einblick in die Artusromane und Heldenlieder aus dem deutschen Mittelalter. Die von unserem Dozenten Dr. habil. Géza Horváth mit Vorliebe erwähnte Italiensehnsucht der Deutschen, wie wir sie aus den Werken von Thomas Mann kennen, wurde im Rahmen des Seminars „Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn?“ detailliert erörtert. Die Auswahl beschränkte sich nicht auf die klassische deutsche Literatur. Phantastische Geschichten und Käpt’n Blaubär kamen während der Sitzung “Aufbrüche in neue und phantastische Welten” ebenfalls ins Gespräch. Ein sehenswertes Seminar wurde von Dr. Rolf-Bernhard Essig gehalten, rund ums Thema ““Eine Seefahrt, die ist lustig“? Fünfhundert Jahre deutsche Meerbegeisterung in Liedern und Balladen”. Zu den weiter angesprochenen Bereichen gehören die Geschichten rund ums Auto, die Exilliteratur oder “Geschichten vom Eisenbahnglück und -unglück”.

Für die Dozenten war es wichtig den Studierenden Hinweise zu geben, was es global bedeutet “unterwegs zu sein”, sei es als Tourist, als Kaufmann, Soldat oder eben als Student. Durch die Bewegung in Raum und Zeit lernt man die Welt aus verschiedenen Perspektiven kennen. Das Hauptziel des Sommerkurses bestand darin, die Teilnehmer darauf aufmerksam zu machen, wie diese unterschiedlichen Wahrnehmungen der Dinge die Denkweise auch flexibler gestaltet und einen offener für andere Kulturen und Sitten macht.

Natürlich funktionierte das auch in der Praxis. Unter den Teilnehmern und Teilnehmerinnen der Sommeruni entwickelte sich ein harmonisches Zusammenleben. Man konnte viel Neues über die Traditionen und Bräuche anderer Länder erfahren, manche Stereotypen wurden bestätigt, manche als falsch enttarnt. Während der Exkursionen nach Nürnberg und Würzburg bzw. am Abend des internationalen Essens wurden nicht nur Hunderte von Fotos geschossen, sondern auch internationale Freundschaften geschmiedet. Klingt alles fast schon zu schön. Doch so war es halt: ein harmonisches Babel umgeben von den mittelalterlichen Fachwerkhäusern der Stadt Bamberg.

Bist du 2014 dabei?

Die Universität Bamberg veranstaltet 2014 ihre 36. Internationale Sommer-Universität zu folgendem Thema: Geteilte Sinnesfreuden: Konzepte schöner Geselligkeit in Literatur, Kunst und Kultur. Stichpunkte dabei sind Identitätsfindung und Integration. Falls Du Interesse an einer vierwöchigen Studienreise nach Bamberg gefunden hast und dafür gern ein Stipendium haben möchtest, das die Kosten zu 100% deckt, hast du noch bis zum 15. November Zeit, deine Bewerbung an den DAAD zu schicken. Mit Fragen zu den Einzelheiten der Bewerbung wende dich an unseren DAAD-Lektor, Herrn Dr. Andreas Nolda (nolda@lit.u-szeged.hu).

 

/Christiana Gules/

Wichtige Links:

http://www.daad.info.hu/dstipendiendaad.html

https://www.daad.de/deutschland/studienangebote/sommerkurse/de/?p=l&q=&langDistribution=0&subject=0&featureSummerScholarship=1

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“Im Adlon wird man nicht nur übernachten. Im Adlon wird man sein!”

Das Adlon. Eine Familiensaga von Uli Edel

Unter den Linden, am Brandenburger Tor findet man heute die neu zum Leben erweckte Legende Berlins, die einst die Hauptstadt zur Weltmetropole machte – das Hotel Adlon. Eröffnet 1907, aufgeblüht in den Goldenen Zwanzigern, ausgebrannt 1945, gesprengt 1984. Es war der Olymp Deutschlands. Gäste wie der Zar von Russland, Caruso, Einstein oder Chaplin übernachteten hier.

“Das Adlon. Eine Familiensaga” (2013) ist eine Trilogie, die voller Eleganz und Pracht zwischen einem gutgelungenen Dokumentarfilm und einem von Tränen durchnässten Melodrama schwingt. Das Hotel selbst dient meistens als hübsche Kulisse für die glücklichsten und tragischsten Lebenserfahrungen von Sophie Schadt, der Nichte des berühmten Architekten Lorenz Adlon, Visionärs und Gründers des bekanntesten deutschen Hotels. Aus einer Familie mit sorgsam gehüteten Geheimnissen stammend verflicht sich Sofies Schicksal früh mit dem des Edelhauses. Nach dem Tod ihrer Großmutter weigert sich das junge Mädchen mit ihrer Mutter nach Amerika zu reisen und zieht in das Adlon um, wo sie auf den kessen Journalisten Julian Zimmermann trifft und sich sofort in ihn verliebt. Wie erwartet, entwickelt sich ihre Beziehung nicht auf einfache Weise. Sofie und Julian werden zu Romeo und Julia des Nazi-Regimes, und schließlich scheint ihre Liebe vom Winde verweht zu sein.

Die imposante Zeitreise besteht aus liebenswürdigen, humorvollen Szenen, die dann ins Dramatische stürzen. Der Wechsel zwischen luxuriös-märchenhafter Erzählung und schlicht-realer Reportage ergibt eine gutgelungene Mischung aus Erinnerungsszenen á la Titanic und zeitgenössischer Videoaufnahmen. Josephine Preuß, bekannt aus der ARD Fernsehserie “Türkisch für Anfänger” meistert ihre Rolle als alleinstehende, erwachsene Frau hervorragend. Erwähnenswert ist neben Heino Ferch, Wotan Wilke Möhring oder Marie Bäumer auch Jürgen Vogel. Laut der FAZ verkörpert er mit seinem SA-Haarschnitt „eine[n] der besten Bösewichte im deutschen Fernsehen seit langem”.

Es ist wie beim Genuss eines Rocher-Bonbons. Man fühlt sowohl die harte Grässlichkeit der Realität als auch die süße Herrlichkeit der Kunst, auch wenn es manchmal zu viel des Guten wird. Schließlich sollte es doch um das Hotel gehen, und nicht nur um die Romanze der Prinzessin.

 

 /Christiana Gules/

 

Generation Y – Jugend 2.1

Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte. Die Jugend steht nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widerspricht den Eltern und tyrannisiert die Lehrer.

Unzufriedenheit, ausgesprochen oder nicht, dominiert die Einstellung der Menschen zu ihrem Leben und zu der Welt. Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, sogar die Unter-haltungsindustrie bietet uns nicht mehr das, was wir wollen. Die Erwachsenen sehen den Grund dieses Verfalls von Moral und Kultur in der modernen Jugend. Diese wiederum wirft den Älteren vor, selbst Schuld an all dem Schlimmen zu sein. Dabei vergessen beide Seiten, wie eng doch die Bindung zwischen ihnen eben heute ist.

“Talkin‘ ‚bout my generation”

Nach dem zweiten Weltkrieg fand der so genannte BabyBoom statt, und die “Generation X” erschien. Sie war sozusagen die erste Generation, die radikal gegen die bisherigen Normen auftrat. Das Kultmusical “Hair” aus dem Jahr 1979 stellt den Zeitgeist der 60er Jugend prägnant dar. Die im Film gezeigten gesellschaftlichen und “ideologischen” Unterschiede waren etwas ganz Neues. Nicht politisch oder gewaltsam traten diese Unterschiede ans Licht. Erstens war es die Mode, die sich unter den Jugendlichen der mittleren Schichten verbreitete. Sie definierten sich selbst durch ihre Musik und Kleidungsart. Man denke nur an die Szene, als Treat auf dem Tisch tanzt und das Lied “I’ve got life” singt. Auf die snobistische Frage des reichen Republikaners hin zählt er alles auf, was er besitzt. Es ist das Leben und nicht das Geld.

Springen wir dann ein halbes Jahrhundert nach vorne und sehen wir uns die jetzige Generation an. Dabei unterscheiden die Soziologen zwischen “Generation Chips” und “Generation Y”. Die erste gilt für die weniger gebildeten Massen, die eigentliche Konsumgesellschaft (ausführlicher wird das Thema in dem Film “Idiocracy” mit Luke Wilson, 2006, behandelt). Generation Y steht dagegen für die Schicht der heutigen Jugend, die, geboren in den 80ern und Anfang der 90er, den großen Sprung der Technologie aktiv und beteiligt miterlebt hat. Es ist unsere Generation. Man nennt uns auch “Millennials”, also die Jahrtausender. Die nachkommende Generation, die schon in die digitale Welt hineingeboren wurde, wird als “Digital Natives” bezeichnet.

“Let the children’s laughter remind us how we used to be”

Wenn es um die Jugend geht, fallen kaum positive Bemerkungen und das seit einer Ewigkeit, wie man an dem Sokrates-Zitat sehen kann. Man geht aber weiter und meint dasselbe wie Aristoteles: „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“ Ähnlich äußert sich auch der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt: „Jugend ist ein Argument, das mit jedem Tag an Wert verliert.“

Eins darf man aber nicht vergessen. Diese Aussagen wurden von erwachsenen Männern gesagt, die in Krisenzeiten lebten und ganz schnell vergessen haben, dass sie einmal auch jung waren. Die “Oberflächlichkeit” ihrer Aussagen wird von Salvador Dalí schön knapp “begründet”: „Das Problem mit der heutigen Jugend ist, dass man selbst nicht mehr dazugehört.“ Und das ist vielleicht auch gut so. Denken wir doch nur an Madonna oder Natascha Ochsenknecht.

Ein Gesellschaftsbild der anderen Art

Zum Glück gehören diese Damen zu der Minderheit. Im Allgemeinen kann man aber die drei Generationen aufgrund von Stereotypen aufteilen und beschreiben. Es gäbe dann die Beamten-Eltern, die ihr graues eintöniges Leben im Kampf mit dem Finanz-amt und der Krankenkasse führen, verwöhnte, konsumgesellschaftliche Teenies groß-ziehen und sich wegen der Rente Gedanken machen müssen. Die Teenager gehören zu der erwähnten dritten Generation, “Digital Natives”. Die meisten von ihnen haben nie in ihrem Leben einen Röhrenfernseher oder einen Videorekorder gesehen. Dazwischen befinden wir uns, die Studierenden und jungen Intellektuellen der Epoche, die fest davon überzeugt sind, mit Green Power und der Macht der Massenmedien die Welt verändern zu können. Die Aktion “Occupy Wall Street” gilt vielleicht als die bekannteste Organisation unserer Generation.

Da die vorerst erwähnten zwei Generationen der Erwachsenen und Teenager global-geschichtlich gesehen keine neuen Züge zeigen können, bedeutet die Generation Y einen tiefliegenden Scheidepunkt. Einerseits weil wir die alte, “analoge” Technik noch bedienen können und die originalen Versionen der heutigen Pitbull-Remixe auch kennen, andererseits gehören wir zu den leitenden Köpfen bei der Gestaltung der digitalen Welt. Die Zukunft liegt quasi in unseren Händen, und das ist auch nichts Ungewöhnliches.

“Mad World”

Doch auch wir werden erwachsen. Es kommt schon vor, dass auch wir jetzt, ähnlich den vorher erwähnten Philosophen und großen Männern, solche Äußerungen von uns geben wie “früher in meiner Zeit war alles besser” oder “so  eine Frechheit hätte ich mir nie erlaubt in deinem Alter”. Es sind negative Bemerkungen, die keine Toleranz und Verständnis beinhalten. Bei der heutigen Musik, dem Lebensstil und Modegeschmack der Jugendlichen ist es auch kein Wunder, würden die meisten von uns empört behaupten. Die Sache ist nur, dass die Behauptungen teilweise falsch sind. Die Geschichte beweist nämlich, dass es quasi nie eine Epoche gab, in der sich die Eltern keine Gedanken darüber gemacht haben, was wohl die geheimen Vorlieben ihrer Kinder sein könnten. Die Unzufriedenheit begleitet uns ununterbrochen.

So hasste man Gutenberg. Er wolle die Qualität der Kodizes durch gedruckte Bücher zunichte machen wollen. Erinnern wir uns doch mal kurz an die Aussagen von Sokrates und Willy Brandt. Die Jugend, dieses verwilderte, hedonistische Monster, verliere ihren Wert Tag für Tag. Wenn also diese Jugend bis Mitte des 15. Jahrhunderts moralisch so verdorben und kaputt war, wie kommt es, dass sie die Bedeutung des Druckes verstand und ihn unterstützte? Sind es nicht immer die Jugendlichen, die den Mut haben, neuen Errungenschaften eine Chance zu geben? Natürlich wurden auch damals die Marktplätze schnell von Spam-Flugschriften bedeckt, die qualitätsmäßig gesehen nicht weit weg von Nicki Minaj’s Niveau standen.

Ein anderes wichtiges Thema ist die Körperkultur. Was früher nur bei Piraten akzeptiert war, gehört heute zum Alltag. Tattoos, Piercings und das Färben der Haare – alles Gewohnheiten, die mit der Zeit zu Konventionen avancierten. Neu ist das wiederum nicht. Während der hedonistischen Kaiserzeit in Rom wurden all diese Erscheinungen auch als modern angesehen und aktiv praktiziert.

Doch in einem Punkt lässt sich keine Wiederholung der Geschichte ausfindig machen, und diesen Punkt konnte auch Herodot nicht kennen. Denn jetzt kommt die authentische Persönlichkeit und das Internet ins Spiel – die zwei wichtigsten Dinge überhaupt bei jedem Jugendlichen.

“Die beste Art, eine Versuchung loszuwerden, ist, ihr nachzugeben.”

Sexualität, Religion, Gemüt, Intelligenz und vieles mehr wird durch Mode- und Musikgeschmack bestimmt. Noch vor Freud oder eben Elvis Presley, die wegen ihrer “zügellosen”, “liberalen” Lebenseinstellung als Verderber der Jugend beurteilt wurden (ähnlich war der Vorwurf gegen Sokrates. Ach, ist das ironisch!) erschien 1890 der Roman “Das Bildnis des Dorian Gray” von dem Dandy aller Dandys, Oscar Wilde. Darin äußert Lord Henry Wotton die Losung eines “gesunden” Lebens: “Jeder Trieb, den wir unterdrücken, keimt in unserem Inneren weiter und ist ein Gift.” Also, müssen wir unseren Trieben nachgeben, damit wir ein gesundes Leben führen können? Psychisch gesehen ja, und das ist das Faszinierende daran.

Am besten lässt sich diese Frage durch ein Beispiel erklären. Heute ist es ganz üblich, das Sprichwort “Carpe Diem” zu verwenden. Doch immer öfters geschieht das in einer modernen, derivierten Form. Man sagt YOLO, und meint damit “You only live once”. Auf den ersten Blick findet man keinen großen Unterschied zwischen den zwei Ausdrücken, doch wer sich im Englischen auskennt, weiß, dass YOLO nicht die korrekte Übersetzung des lateinischen Ausdruckes ist, die nämlich “Seize the day” lautet. Woher kommt dann diese Verkürzung? Sie gehört zu den neuesten Produkten der Jugendsprache und hat die Konnotation eines Lebens ohne Moral, Verantwortung und ohne Regeln, die absolute Freiheit alles zu machen, was man will, nur weil man nur einmal im Leben die Chance dazu hat. Quasi eine Art “Anarchie” für Dumme.

Im Gegensatz dazu weist “Carpe diem” auf das Genießen des Tages, auf das harmonische Leben. Nicht die Menge spielt hier eine Rolle, sondern die Qualität. Und das ist eben, was auch Wilde meint. Man muss relativ denken und handeln, damit man glücklich wird.

Und jetzt kommt unsere Jugend auf die Bühne. Offenheit, Toleranz und gegenseitige Akzeptanz sind die Ziele, die jetzt erreicht werden sollten. Psychiater raten uns immer wieder zu uns selbst zu stehen, unser Ich zu akzeptieren, egal ob unsere Sexualität, unsere Vorlieben oder unser Äußeres dem Trend entsprechen oder nicht. “I’m beautiful in my way ‚Cause God makes no mistakes I’m on the right track, baby I was born this way”, lauten die verruchten Zeilen aus Lady Gaga’s vielleicht umstrittenstem Lied.

“Privacy is no longer a social norm”

Die Gesellschaft ist aber noch nicht bereit, diese Freiheit des Ichs zu akzeptieren. Somit kommen wir zu einer der dunkelsten Seiten des Internets. Dieses Medium wurde nämlich zu einer der gefährlichsten Quellen der Depressionen. Während Außenseiter bislang nur auf dem Pausenhof gemobbt wurden, werden sie heute bis in ihre engste Privatsphäre verfolgt, in ihrem Zimmer attackiert. Das Cybermobbing ist zu spüren, immer mehr Jugendliche begehen Selbstmord.

Das Internet begünstigt aber nicht nur die Cyber-Rowdies. Der Trend der Team-Arbeit ist auch in den Social Networks zu spüren. Die zwischenmenschlichen Kontakte zwischen Erwachsenen und Jugendlichen werden auf Facebook oder Twitter fast unaufhaltbar assimiliert. Noch nie hatten die verschiedenen zeitgenössischen Generationen die Chance, mit eigenen Augen zu sehen, was die anderen eigentlich denken.

Dies ist vielleicht eben eines der wenigen übriggebliebenen Mysterien der Menschheit. Wozu kann es führen, wenn eine totale Toleranz zwischen den Leuten herrscht?

Ein neues Atlantis oder werden wir nur alle zu Tieren auf der gewissen Farm in England?

/ Christiana Gules /