Vertrau auf dein Sprachgefühl

Ein Erfahrungsbericht

Wer Medizin studiert, wird Arzt; wer Jura studiert, wird Anwalt oder Richter. Bei den meisten Geisteswissenschaften ist die Sachlage nicht ganz so eindeutig, wie wir wissen. Nicht umsonst titelte DIE ZEIT: „Geisteswissenschaften – Grund zum Heulen?“* Wer Germanistik studiert hat, arbeitet später vielleicht als Lehrer, Journalist, oder – wie böse Zungen mutmaßen ­– als Taxifahrer. Darüber hinaus wird dieses Fach oft mit anderen Studienrichtungen kombiniert, wodurch sich besonders individuelle Profile ergeben können. Meine Antwort darauf? Zwei Buchstaben: PR!

Ich studiere in Göttingen Germanistik und Politikwissenschaft und habe gerade in einer Münchener Agentur erste Erfahrungen in der PR-Branche gemacht. Unter Öffentlichkeitsarbeit bzw. PR versteht man grob gesagt das Management der öffentlichen Kommunikation einer Organisation (Unternehmen, Verein usw.) mit ihren jeweiligen Zielgruppen wie etwa Kunden und Mitarbeitern. Ziel ist es, die Bekanntheit und die Reputation der Organisation zu steigern und damit letztendlich einen Mehrwert zu schaffen. Inwiefern konnte mir mein Germanistikstudium dabei bisher helfen?

Bin ich besser in PR, weil ich weiß, was ein Glottisverschlusslaut ist oder wie viele verschiedene Möglichkeiten es gibt, Kafkas „Der Prozeß“ zu interpretieren? So spannend das auch sein mag, bringt mich dieses Wissen leider nicht unbedingt weiter. Was mir wirklich hilft, ist nicht das Fachwissen sondern vielmehr die Sprachkompetenz: Das Gefühl für die Sprache, das man erlangt, wenn man sich so viel mit dem Deutschen auseinander setzt, wie es Germanistikstudierende tagtäglich tun (sollten).

Zu den Aufgaben eines PR-Beraters gehört es unter anderem, verschiedenste Texte zu verfassen. Das können Pressemitteilungen sein, Blogbeiträge, Fallbeispiele oder in Zeiten der sozialen Netzwerke auch immer häufiger „Tweets“ für Twitter oder Posts für Facebook. Dabei ist es oft wichtig, Sachverhalte präzise auf den Punkt zu bringen. Ein Tweet darf aus nicht mehr als 140 Zeichen bestehen – nicht viel Spielraum, um seine Leser zu begeistern. Auch bei einer Pressemitteilung muss der Verfasser genau abwägen, welche Information wie wichtig ist, denn die Relevanz von Aussagen bestimmt, wo sie im Text stehen. Außerdem müssen verschiedenste Schreibstile bedient werden können: Ein lockerer Blogbeitrag muss genauso gelingen wie der sachliche Stil einer Pressemitteilung.

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Grundsätzlich ist es in der Öffentlichkeitsarbeit gut, auch einige Erfahrung im journalistischen Bereich mitzubringen, da man viel mit Redakteuren zusammenarbeitet. Dabei haben mir zum Beispiel die textlinguistischen Veranstaltungen über die „Textsorten der Presse“ geholfen, die ich im Rahmen meines ERASMUS-Studiums an der Szegeder Universität besucht habe. Es kann nämlich durchaus vorkommen, dass man etwa für eine Fachzeitschrift ein Interview durchführen und ausformulieren soll – da ist es schon von Vorteil, wenn man sich mit den Charakteristika eines Interviews schon einmal beschäftigt hat. Das Schreiben der verschiedenen Texte lernt man dann am besten „on the job“, also durch die praktische Erfahrung. Das Sprachgefühl kann einem dabei vieles erleichtern.

Auch bei der Übersetzung von englischen Pressemitteilungen oder anderen Texten in die deutsche Sprache ist es wichtig, sich auf seine Sprachkenntnis verlassen zu können: Das Ergebnis soll schließlich authentisch klingen.

Zusätzlich zu den spezifischen Qualifikationen von GermanistInnen kommen auch noch die Kompetenzen hinzu, die GeisteswissenschaftlerInnen eher erlernen als Studierende anderer Fachrichtungen. So gehört Recherche ebenso zum PR-Alltag wie das Einarbeiten in neue, manchmal völlig fremde Themengebiete. Vor allem in PR-Agenturen, die mehrere Kunden aus unterschiedlichen Branchen vertreten, wird man mit fachfremden Themen konfrontiert. Dann kommt es darauf an, sich über das jeweilige Gebiet schnell einen Überblick verschaffen zu können und die Zusammenhänge zu erfassen – Dinge, die vor allem GeisteswissenschaftlerInnen in ihrem Studium lernen.

Die PR-Branche bietet für GermanistInnen also durchaus Möglichkeiten, ihre erlernten Fähigkeiten anzuwenden. Es lohnt sich für uns Studierende, sich früh mit den Berufsmöglichkeiten für Germanistikstudenten auseinanderzusetzen und auch Berufe in Betracht zu ziehen, in denen man das erlernte Fachwissen vielleicht nicht direkt anwenden kann. Wir sollten uns bewusst machen, welche Kompetenzen wir noch mitbringen – und wie wertvoll diese Fähigkeiten für unseren zukünftigen Arbeitgeber sein können.

 

* http://www.zeit.de/campus/2009/05/geisteswissenschaften-heulen

Quelle des Fotos: Twitter

Das Erlebnis mit Literatur

Anlässlich des vor kurzem stattgefundenen Symposiums mit dem Titel „Bis zum Ende der Welt“, das sich mit dem Werk Christoph Ransmayrs auseinander gesetzt hat, und des 20. Jubiläums des Lehrstuhls für österreichische Literatur und Kultur in Szeged (GeMa berichtete) hat GeMa nun die Möglichkeit ergriffen, mit dem Lehrstuhlleiter Herrn Dr. habil. Attila Bombitz ins Gespräch zu kommen. Es geht um die Vergangenheit und Zukunft des Lehrstuhls, einen Rückblick auf das Symposium und die Vernetzung zwischen Wissenschaftlern, Autoren und Übersetzern.

bombitz Dr. habil. Attila Bombitz

An welche Ereignisse aus Ihrer Zeit am Lehrstuhl erinnern Sie sich, die am meisten Eindruck bei Ihnen hinterlassen haben?

Wenn ich an die Zeit meiner Leitung denke, so muss ich einfach immer wieder daran denken, dass ich und meine Kolleginnen und Kollegen versuchen, den Studierenden irgendwie ein Erlebnis zu vermitteln. Deshalb versuchen wir immer wieder nicht nur wissenschaftliche Vorträge, wissenschaftliche Symposien, sondern auch kulturelle Programme anzubieten, weil ich meine, und diese Ansicht würde ich auch gerne im Weiteren unterstützen, dass das Erlebnis mit Literatur, das Erlebnis mit Kunst ins Zentrum gestellt werden sollte. Und deshalb steht hier auch der Lehrstuhl für, wie der Name sagt, österreichische Literatur und Kultur. Also: Wissenschaftliche Tätigkeit, Forschung, Unterricht und außerdem erlebnisnahe kulturelle Programme.

Können Sie sich noch an ein konkretes Ereignis erinnern, was diese Ziele besonders gut symbolisieren würde?

Ja. Kinoprogramme, wie die Verfilmungen von Werken Daniel Kehlmanns, Ausstellungen, theatralische Inszenierungen, Lesungen, etwa von Robert Menasse, Julya Rabinowich oder auch Peter Waterhouse und außerdem die Symposien, unter anderem zu Georg Trakl, Thomas Bernhard oder Arthur Schnitzler.

Wie hat sich denn der Lehrstuhl seit der Zeit, die Sie hier sind, verändert?

Ich folge gerne der Tradition, die uns auch schon Herr Professor Dr. Károly Csúri unter seiner Leitung richtig und wichtig gezeigt hat. Ich folge gerne diesem Anspruch des Lehrstuhls und ich hoffe darauf, dass ich seine Arbeit auch mit richtiger Konsequenz fortsetzen konnte und in der nahen Zukunft fortsetzen kann. Wir haben von Anfang an ein Team gebildet und dieses Team kann die einzelnen und die besonderen Merkmale des Lehrstuhls bestimmen und ich hoffe darauf, dass es auch weiterhin gut wird.

Nun einige Fragen zum Symposium, das vor zwei Wochen stattgefunden hat: Wie würden Sie denn das Symposium im Nachhinein bewerten? War es gelungen?

Es ist sehr gut gelungen, meine ich, weil wir erstens gleich nach diesem Symposium in Szeged auch in Wien ein Symposium organisiert hatten und die Gäste, die auch hier in Szeged vorgetragen hatten, waren ganz zufrieden. Also der Widerhall war da schon in Wien, bei diesem zweiten Symposium über den ersten Weltkrieg im literarischen Kontext, und die gute Nachricht war schneller in Wien als unsere Ankunft. Zweitens kommen schon die Briefe von den Kolleginnen und Kollegen, die entweder als Gast oder Vortragende am Symposium teilgenommen hatten und die Briefe zeigen, dass sich alle auf die mögliche Fortsetzung unserer Teamarbeit freuen.

Was war die interessanteste neue Erkenntnis, die Sie aus dem Symposium mitgenommen haben?

Ich glaube, das ganze Symposium hatte die Zielsetzung, nicht zu wiederholen, was die Literaturkritik über das Werk von Christoph Ransmayr schon erarbeitet hat. Wir alle haben versucht, das Interesse auf Raritäten zu lenken, wir haben nicht nur die großen Romane, die repräsentativen Werke von Ransmayr analysiert, wir haben uns auch mit kleineren Gattungen wie Theaterstück, Reisebericht oder autobiographischen Schriften beschäftigt. Und diese Gattungen, diese Texte sind in der Fachliteratur zum Werk von Ransmayr ziemlich in den Hintergrund gestellt worden und ich hoffe darauf, dass das Symposium mit dieser Zielsetzung neue Perspektiven für die Forschung eröffnet hat.

Gab es für Sie ganz persönlich eine neue Erkenntnis, die für Sie sehr interessant war?

Ja, zum Beispiel der Vortrag von Frau Renate Langer aus Salzburg. Sie hat uns einen sehr interessanten und wichtigen Vortrag über die religiösen Motive im Werk von Christoph Ransmayr gehalten. Das war auch eine ganz neue Richtung in der Fachliteratur über Ransmayr. Es ist bekannt, dass Ransmayr sehr interessiert ist an den verschiedenen Kulturen und Kulturräumen, aber eine systematische Annäherung hat man noch nicht zusammengestellt.

Wie ist man überhaupt auf das Thema Christoph Ransmayr gekommen? Lag das nur an seinem 60. Geburtstag oder gab es da noch andere Gründe?

Der Lehrstuhl versucht im Allgemeinen immer wieder Autoren ins Zentrum zu stellen, die entweder mit einem Jubiläum zu tun haben oder ein Werk haben, das mehrere Kolleginnen und Kollegen inspirieren kann. Ransmayr ist ein solcher Autor, an dessen Werk ungarische Germanistinnen und Germanisten, aber auch internationale Germanistinnen und Germanisten gerne experimentieren. Das Jubiläum bietet eine Gelegenheit für ein Symposium, darüber hinaus ist Ransmayr aber auch ein sehr anerkannter und lesenswerter Autor, dessen kritische Basis hier in Szeged und in Ungarn auch ganz wichtig ist.

Weshalb konnte Christoph Ransmayr nicht selbst am Symposium teilnehmen? 

Im Laufe des Symposiums haben wir nach einem Autor gesucht, der in seinen Werken über verschwindende Protagonisten erzählt. Ein verschwindender Autor, der in Szeged doch auftritt, ist also höchstwahrscheinlich eine totale Paradoxie. Er hat unsere Einladung trotzdem angenommen, aber aus Zeitmangel hat er seine Anwesenheit leider abgesagt, weil er vor dem Symposium in Italien gewesen war und direkt nach dem Symposium schon in Mexiko sein musste. Deshalb ist er nicht nach Szeged gekommen.

Wieso ist die Zusammenarbeit zwischen dem Lehrstuhl und Autoren, Übersetzern und anderen Wissenschaftlern so wichtig?

Es ist wieder die vermittelnde Funktion des Lehrstuhls. Wir betreiben nicht nur österreichische Literatur in deutscher Sprache, sondern auch österreichische Literatur in ungarischer Sprache, weil wir, Literaturwissenschaftler und Übersetzer, auch gerne Übersetzungen der österreichischen Literatur präsentieren mögen. Das heißt, wir haben schon sehr oft Sondernummern für verschiedene Kulturzeitschriften in ungarischer Sprache zum Schwerpunkt österreichische Gegenwartsliteratur zusammengestellt und wichtige Werke aus der österreichischen Literatur bei ungarischen Verlagen präsentiert, lektoriert und betreut. Deshalb ist es, meine ich, eine gute Zusammenarbeit unter Literaturwissenschaftlern, Übersetzern und Autoren. Es ist eine gemeinsame Zielsetzung in der Vermittlung oder im Kulturtransfer mit Schwerpunkt Österreich.

Was plant der österreichische Lehrstuhl in der nächsten Zeit?

Am 29. April kommt Géza Deréky, ein anerkannter Übersetzer. Er hält einen Vortrag über die Essaykunst von Rudolf Kassner. Der Anlass ist, dass er als Übersetzer und Redakteur eine neue Werkausgabe in ungarischer Sprache aus dem Œuvre von Rudolf Kassner zusammenstellt, betreut und ins Ungarische übersetzt. Der erste Band aus dieser Schriftreihe ist beim Verlag L‘Harmattan schon erschienen.

Als letzte Frage noch etwas Persönliches: Sie haben sich jetzt sehr lange und ausführlich mit dem Werk Ransmayrs beschäftigt. Welchen Autor wollen Sie sich denn als nächsten vornehmen?

Diese Frage kommt jetzt sehr spontan, man muss sich darüber erst Gedanken machen. Zuerst betreue und gebe ich den Tagungsband heraus und wer weiß, was die Zukunft noch bringt. Wenn ein neuer Autor kommt, ist er hier in Szeged sicherlich herzlich willkommen, aber Ransmayr bleibt erstmal aktuell.

Vielen Dank für das Gespräch.

/Katharina Deppe/

Sprachwissenschaft im Fokus

Ein Jubiläum jagt das nächste: Nachdem GeMa schon über das 20-jährige Bestehen des österreichischen Lehrstuhls in Szeged berichtet hat, gibt es gleich den nächsten Jahrestag zu feiern, denn das Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim wurde am 19. April 2014 50 Jahre alt. Zu diesem Anlass wird GeMa einen Überblick über das Institut und seine Tätigkeit geben, sowie einige gute Gründe dafür nennen, weshalb es auch für die Germanistikstudierenden in Szeged von Interesse sein sollte.

Seit 1964 ist es die Hauptaufgabe der Stiftung des öffentlichen Rechts, die deutsche Sprache in Vergangenheit und Gegenwart zu erforschen und zu dokumentieren. Dabei liegt ein Fokus auf längerfristigen Forschungsprojekten, zu deren Bearbeitung es einer Gruppe aus Forschern bedarf. Die Gebiete, die dabei erforscht werden, reichen von der zentralen Forschung in den Bereichen Korpuslinguistik und Forschungs-Infrastrukturen über Grammatik und Lexik bis Pragmatik.

Im Jahre 2002 übernahm Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Ludwig M. Eichinger die Leitung des Institutes und ist somit der Vorgesetzte von 133 Mitarbeitern und 76 Hilfskräften. Zudem werden jährlich etwa 60 Gastwissenschaftler beschäftigt. Außerdem ist die Forschungseinrichtung Mitglied der Leibniz Gemeinschaft, einer Vereinigung von 89 selbstständigen Forschungseinrichtungen.

Die Nachwuchsförderung ist ein zentrales Anliegen des IDS, was etwa mit der Verleihung des Hugo-Moser-Preises in die Tat umgesetzt wird. Alle zwei Jahre wird die Auszeichnung für germanistische Sprachwissenschaft für eine noch nicht abgeschlossene Arbeit mit hohem, auch finanziellem, Aufwand, verliehen. Auf diesem Wege sollen vor allem Nachwuchswissenschaftler gefördert werden.

Wie vielfältig die beforschten Themen sind, stellt man spätestens fest, wenn man sich die Liste der laufenden und abgeschlossenen Projekte anschaut. Zu den laufenden Arbeiten gehören zum Beispiel ein Portal für deutsche Lehnwörter in anderen Sprachen, die Neubearbeitung des deutschen Fremdwörterbuches und ein Projekt zur Migrationslinguistik, das sich mit migrationsbasierten Varietäten des Deutschen beschäftigt.

Eines der bedeutendsten Projekte ist EuroGr@mm, bei dem die deutsche Grammatik auf europäischer Ebene typologisch und kontrastiv verglichen wird. An dieser Aufgabe sind auch Wissenschaftler aus Szeged beteiligt. Des Weiteren zählt das sogenannte „VALBU“, das Valenzwörterbuch deutscher Verben, zu den umfangreichsten Projekten, die in dieser Form realisiert wurden. Insbesondere auch für Studenten von besonderer Wichtigkeit ist das COSMAS (Corpus Search, Management and Analysis System), ein Recherchewerkzeug für die Korpora des Instituts für Deutsche Sprache.

Über die reine Forschungstätigkeit hinaus ist das Institut für Deutsche Sprache Ausrichter verschiedenster Vorträge, Tagungen und Kolloquien. Diese Angebote stehen dabei nicht nur deutschen Forschern und Interessierten offen, vielmehr gibt es eine internationale Ausrichtung. Auf der Jahrestagung, die unter dem Titel „Sprachwissenschaft im Fokus“ vom 11. bis 13. März 2014 in Mannheim stattgefunden hat, waren zum Beispiel auch Forscher aus Szeged anwesend, nämlich Frau Dr. habil. Ewa Drewnowska-Vargáné und Herr Prof. Dr. Péter Bassola, der zudem maßgeblich zur guten Beziehung zwischen dem germanistischen Institut in Szeged und dem IDS beigetragen hat.

Doch nicht nur die Lehrenden, auch die Studierenden können von der Einrichtung profitieren. Denn ein weiterer wichtiger Bereich des Instituts sind die Bibliothek, die Archive, verschiedene Dokumentationen, maschinenlesbare Textsammlungen und Sprachdatenbanken und das bereits erwähnte COSMAS. Vieles ist online verfügbar und kann als Anregung für Seminararbeiten dienen und bei der Quellensuche helfen. Die Studenten haben somit die Möglichkeit, aus einer Quelle zu schöpfen, die sich nunmehr auf 50 Jahre Erfahrungen in der aktiven Erforschung der deutschen Sprache stützen kann und sollten diese Chance für sich nutzen.

 

Weitere Informationen gibt es unter folgenden Links:

http://www1.ids-mannheim.de/start/

http://ids-pub.bsz-bw.de/home

http://www.ids-mannheim.de/cosmas2/

http://www.leibniz-gemeinschaft.de/

 

/Katharina Deppe/

20. Jubiläum des Lehrstuhls für Österreichische Literatur und Kultur

Kurzmitteilung

Dieses akademische Jahr ist für den österreichischen Lehrstuhl an der Universität Szeged ein ganz besonderes, denn er wurde nun genau vor 20 Jahren gegründet. Damals setzten sich die Gründer als Ziel, österreichische Literatur und Kultur zu erforschen, zu lehren und auch über Szeged hinaus zu vermitteln. Es entstand ein weitreichendes Netz aus ungarischen Autoren, Literaturwissenschaftlern und Übersetzern, die in Zusammenarbeit mit dem aktiven Lehrstuhl zahlreiche Projekte verwirklichten, wie etwa Ausstellungen, Lesungen, Kulturzeitschriften, Schriftreihen und Symposien.

Anlässlich des Jubiläums wird es auch wieder ein Symposium geben, das den Titel „Bis zum Ende der Welt“ trägt und dessen Vorträge sich mit zahleichen Aspekten rund um das Werk des österreichischen Schriftstellers Christoph Ransmayr auseinandersetzen werden. Anlässlich des 60. Geburtstags des berühmten Autors wird es über 20 Beiträge geben, die zum Teil auch zweisprachig, in Deutsch und Ungarisch, vorgetragen werden.
Im Anschluss an das Symposium wird GeMa selbstverständlich ausführlich über das Ereignis berichten. Des Weiteren ist ein Gespräch mit dem Leiter des Lehrstuhl, Dr. habil. Attila Bombitz, geplant, in dem es um den Lehrstuhl, seine Entwicklung und einen Rückblick auf das Symposium gehen wird.

Hier alle wichtigen Informationen zum Symposium in Kürze:

Was?
„Bis zum Ende der Welt“ – Ein Symposium zum Werk von Christoph Ransmayr anlässlich seines 60. Geburtstages und des 20. Jubiläumsjahres des Lehrstuhls für Österreichische Literatur und Kultur der Universität Szeged

Wann?
24. – 26. März 2014

Wo?
Gebäude der Szegeder Kommission der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (Szeged, Somogyi Str. 7)

– Kontaktperson: Dr. habil. Attila Bombitz (bombitzilla@hotmail.com)

 

 

Von Hungerengeln und Herzschaufeln

Rezension zu Herta Müllers „Atemschaukel“

Die Autorin mehrfach ausgezeichnet, das Werk umstritten, die Geschichte bitterernst, die Sprache wundersam-poetisch. 2009, im selben Jahr als Herta Müller den Nobelpreis für Literatur erhielt, erschien „Atemschaukel“, in dem vom Schicksal eines Rumäniendeutschen erzählt wird, der in ein russisches Arbeitslager („Gulag“) verschleppt wird. Ursprünglich als gemeinsame Arbeit mit dem Büchner-Preisträger und ehemaligen Gulag-Gefangenen Oskar Pastior geplant, vollendete Herta Müller das Werk nach dessen Tod im Jahr 2006 alleine und stellte sich damit der Herausforderung, die Erfahrungen aus zweiter Hand in eine Erzählung in der ersten Person umzuwandeln.

Anlässlich der Herta-Müller-Ausstellung, die noch bis zum 26. März stattfindet (http://ww2.bibl.u-szeged.hu/index.php/programok/kiallitas/1093-herta-muller-kiallitas), wird sich GeMa nun im Folgenden ausführlich mit diesem Werk auseinandersetzen.

„Es war 3 Uhr in der Nacht zum 15. Januar 1945, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15°C.“ So beginnt die Reise des 17-Jährigen Leopold Auberg ins Ungewisse. Mitnehmen konnte der Junge aus Siebenbürgen nicht viel und das, was er hatte, war „entweder zweckentfremdet oder von jemand anderem.“ Nach einer langen und beschwerlichen Fahrt, eingepfercht in einen Viehwaggon mit anderen Deportierten, kommt er in der russischen Steppe an. Dort erwartet ihn das Arbeitslager mit dem launischen Aufseher Tur Prikulitsch, dem Schlafsaal, den er sich mit über 60 anderen Gefangenen teilen muss, der knochenharten Arbeit und dem allgegenwärtigen Hunger.

In vielen kleineren Episoden wird vom Lagerleben berichtet, von den Problemen und insbesondere dem „Hungerengel“. Die Gefangenen erhalten lediglich ein Brot und etwas Suppe pro Tag. Deswegen ist es kaum verwunderlich, dass sie mit allerlei Mitteln versuchen, an Essbares zu kommen, sei es durch das Tauschen gegen ein vermeintlich größeres Brot, Tauschgeschäfte auf dem Markt im Dorf, weggeschmissene Kartoffelschalen hinter der Kantine oder das Zubereiten von Unkraut: „Der Hunger ist ein Gegenstand. Der Engel ist ins Hirn gestiegen. Der Hungerengel denkt nicht. Er denkt richtig. Er fehlt nie. […] Er sagt, er kommt wieder, bleibt aber da. Wenn er kommt, dann kommt er stark.“

Nach und nach stumpft Leopold ab, versucht sich mit seiner Situation so gut es geht abzufinden und – zu überleben. Am härtesten ist die „Hautundknochenzeit“, der eisige Winter, wo die dürftige Kleidung nur wenig vor der schneidenden Kälte schützt und das Essen knapper denn je wird. Gleich, welches Wetter herrscht, die Gefangenen müssen in der Ziegelei, im Keller, auf den Baustellen schuften.

Nur ein Mal in diesen fünf Jahren Gefangenschaft erhält der Junge eine Nachricht aus seiner Heimat: Seine Mutter hat einen weiteren Sohn geboren. Sonst bleibt ihm nur der Satz, den seine Großmutter beim Abschied zu ihm sagte: „Ich weiss, du kommst wieder.“

Endlich, lange nach Kriegsende, darf Leopold Auberg wieder nach Hause zurückkehren. Doch anstatt freudig empfangen zu werden, wird der Todgeglaubte nur halbherzig wieder aufgenommen: „Ich wusste, dass der Schrecken größer als die Überraschung war, es war eine freudlose Erleichterung im Haus, als ich wiederkam. Ich hatte ihre Trauerzeit betrogen, weil ich lebte.“

Auch nach Ende seiner Lagerzeit begleiten ihn die dort gemachten Erfahrungen bis an sein Lebensende, genau wie dieses Werk den Leser nicht mehr loslässt.

Die Art und Weise, wie Herta Müller dieses bewegende Schicksal schildert, kann keinen Leser kalt lassen. Wie Felicitas von Lovenberg (FAZ) treffend formulierte: „Eine herzzerreißende, demütig und bescheiden machende Lektüre.“ In der Tat erreicht die poetische Sprache, die sehr reich an verschiedensten Bildern ist, gepaart mit dem bis ins Detail wiedergegeben Leid eine ganz eigene Wirkung. Doch manchmal scheint der Kontrast zwischen diesen kunstvollen Ausdrücken und dem alltäglichen, mühsamen Lagerleben zu überzogen zu sein, geradezu kitschig, wenn zum Beispiel von der „Herzschaufel“ die Rede ist oder von der Arbeit im Fabrikkeller als „Kunstwerk“.

Andererseits bringt die bildreiche Sprache dem Leser das Erzählte noch näher und man glaubt fast, sich das vorstellen zu können, was man sich eigentlich nicht vorstellen kann. Dazu tragen auch die vielen kleinen Episoden bei, in denen unter anderem von Schicksalen anderer Häftlinge berichtet wird, von deren Geschichten, deren Dahinsiechen, deren Tod. Und spätestens bei der Heimkehr, wo sich der Leser eigentlich mit dem Protagonisten freuen möchte, kommt schnell die Ernüchterung: Denn dass dies hier keine Geschichte mit Happy End ist, sondern von der harten Realität handelt, wird nur allzu deutlich, als vom schwierigen Verhältnis zu Leopolds Familie und den Problemen, im „richtigen“ Leben wieder Fuß zu fassen, berichtet wird. Gerade diese Episode ist erzähltechnisch sehr gut gestaltet und berührt den Lesenden zutiefst.

Besondere Bewunderung verdient die Autorin für das Kunststück, nur aus Erzählungen von ehemaligen Gefangenen, also anders als bei anderen Romanen von Herta Müller nicht aus selbst Erlebtem, ein Werk zu schaffen, in dem in der ersten Person so eindringlich und detailreich erzählt wird. Dass dieses Buch allerdings nichts ist, was man mal eben nebenbei lesen kann, dürfte klar sein, denn es handelt sich wahrlich nicht um „leichte Kost“.

Zusammenfassend bleibt nur zu sagen, dass dieses Werk noch einmal eindrucksvoll aufzeigt, weshalb Herta Müller den Literaturnobelpreis erhalten und verdient hat.

Müller, Herta (2009): Atemschaukel. Roman. München: Hanser. 304 Seiten.

 

/Katharina Deppe/

 Quelle des Beitragsbildes: culturelle.asso.univ-poitiers.fr

 

Munro – oder die Lust am Erzählen

„Sie [ihre Tochter] rief an und sagte: ‚Mama, du hast gewonnen!‘ Ich war ganz durcheinander und sagte: ‚Was habe ich gewonnen?‘ Erst dann kam ich zu Sinnen.“ So erinnert sich Alice Munro an den Moment, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass sie als 13. Frau seit 1901 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt werden soll.

In der Begründung der Jury des wichtigsten Literaturpreises der Welt heißt es, sie sei „eine Virtuosin der zeitgenössischen Novelle“. Weltweit wird sie für ihre mittlerweile dreizehn Erzählbände und einen Roman gefeiert, der Jury-Sprecher Peter Englund sagt, sie habe „Die Kurzgeschichte zur Perfektion gebracht“ und könne auf 30 Seiten mehr sagen als andere Autoren auf 300.

Doch trotz des großen und zweifellos verdienten Erfolges: Weshalb ist die kanadische Autorin für GeMa interessant? Neben der großen Begeisterung, die die 82-Jährige in Deutschland auslöst, ist ein wichtiger Aspekt, dass sie eines der meistgenannten Vorbilder für junge deutschsprachige Autorinnen ist und somit einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die deutsche Literaturwelt hat.

Was die Kurzgeschichten von Munro so faszinierend macht, sollte anhand des Werkes „Zu viel Glück“, das 2011 in deutscher Sprache erschien, herausgefunden werden. Das Buch beinhaltet zehn Erzählungen, die auf 363 Seiten präsentiert werden. Fast alle Geschichten spielen in Kanada, genauer in Ontario in der Nähe von Toronto, wo die Autorin selbst geboren wurde und heute lebt.

Im Jahr 2006 sagte Munro in einem ZEIT-Interview: „|[…] Das Glück ist komplizierter. Glück ist harte Arbeit.“ Diese Sätze bewahrheiten sich in jeder einzelnen der zehn Geschichten, denn immer geht es darum, die richtige Balance zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig des Glücks zu finden, was sich als nahezu aussichtslos herausstellt. Die Protagonisten sind sehr unterschiedlich, mal ist es eine junge Studentin, mal eine Frau mittleren Alters, die in einem Hotel als Zimmermädchen arbeitet oder ein Mann, der sich als Schreiner und Holzfäller selbstständig gemacht hat. Den Geschichten gemeinsam ist, dass zum einen schicksalhafte Situationen geschildert, zum anderen aber auch immer wieder größere Lebenszusammenhänge erläutert werden. Es gibt zwei Merkmale, die das Leseerlebnis besonders intensiv werden lassen: Zum einen, dass zu Beginn einer Geschichte nie klar ist, worauf es hinaus laufen wird, nie weiß der Leser, was ihn erwartet. Zum anderen sind es die minimal gehaltenen Situationsbeschreibungen, die den Fokus auf das lenken, was gerade nicht gesagt wird, sodass man „sich seinen Teil denken muss“.

In der ersten Geschichte „Dimensionen“ etwa geht es um die Hotelangestellte mittleren Alters, die jemanden in einer geschlossenen Psychiatrie besucht. Nie wird explizit gesagt, dass die Person, die sie da sehen möchte, ihr Mann ist, der die gemeinsamen Kinder umgebracht hat. Doch durch die vielen Beschreibungen von scheinbar belanglosen Momenten werden dem Leser die Zusammenhänge allmählich klar. Gerade Munros Blick für das Detail ist bei derartigen Sequenzen bewundernswert.

In einer anderen Geschichte, „Kinderspiel“, geht es um eine Frau, die sich an ihre Kindheit zurück erinnert. Sie kannte ein geistlich beeinträchtigtes Mädchen, Verna, das ihr unheimlich war. In einem Feriencamp passiert es: Zusammen mit einer Freundin, die sie dort gefunden hatte, ertränken sie das Mädchen beim Baden. Damals waren die Kinder sich nicht darüber im Klaren, was sie taten. Sie sahen sich danach nie wieder. Erst, als die Protagonistin schon fortgeschrittenen Alters ist, holt sie die Vergangenheit wieder ein, denn sie bekommt von der kranken, ehemals guten Freundin per Brief eine Aufgabe.

Die längste und letzte Erzählung ist „Zu viel Glück“, die in mehrerlei Hinsicht etwas Besonderes ist. Sie ist eine der wenigen Erzählungen, die ihren Schauplatz in Europa haben, sie trägt den Titel des gesamten Werkes und ist in fünf Kapitel unterteilt. Die Hauptfigur ist Sofia, eine russische Mathematikprofessorin Ende des 19. Jahrhunderts, die in Schweden, genauer in Stockholm lehrt. Erzählt wird von ihrem Verlobten Maxim, wie sie zur Mathematikprofessorin wurde, wie sie den Prix Bordin für ihre Arbeit erhielt, von ihrer Zeit in Paris, von ihrer Schwester. Sie befindet sich auf ihrer wortwörtlich letzten Reise von Frankreich und ihrem Verlobten zurück nach Schweden, wo sie dann infolge eines Lungenleidens und einiger anderer Erkrankungen stirbt, bevor sie ihren Maxim heiraten kann. Eine gute Freundin meint von der Sterbenden den Satz „Zu viel Glück“ vernommen zu haben.

Wie zum Beispiel in dieser letzten Erzählung deutlich wird, begeistert sich Munro vor allem für die Schicksale von Frauen, weshalb sie sich selbst als „Feministin“ bezeichnet. In der Tat unterscheidet sich ihr Werdegang und ihr Leben von dem eines „prototypischen männlichen Schriftstellers“, war sie doch immer auch für die Kinder und den Haushalt verantwortlich, was unter anderem aus praktischen Gründen dazu führte, dass sie vor allem die Form der Kurzgeschichte wählte. Auch ihr 2013 erschienenes Werk „Liebes Leben“ umfasst Erzählungen.

Was beim Lesen von „Zu viel Glück“ immer wieder deutlich wird, ist, wie viel Spaß die Autorin auch nach 40 Jahren noch beim Erzählen hat und ich rate dringend dazu, sich beim Lesen von dieser Lust anstecken zu lassen!

 

/Katharina Deppe/

Hier geht’s zum aktuellen ZEIT-Artikel über Munro und dem vollständigen Interview von 2006:

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-10/nobelpreis-fuer-literatur-vergeben

http://www.zeit.de/2006/13/L-Munro-Interv_/seite-5

Quelle des Beitragsbildes: www.wz-newsline.de

 

„Man stirbt nicht so leicht, wenn man jung ist“

Rezension zu Jage zwei Tiger von Helene Hegemann

Von den einen wurde sie als Wunderkind gefeiert, die anderen sahen in ihr eine von den Medien und dem Kunstbetrieb gehypte Minderjährige. Helene Hegemanns Debütroman Axolotl Roadkill, ein Adoleszenzroman mit Schauplatz im Berliner Nachtleben, wurde durchaus kontrovers diskutiert, als er 2010 erschien. Die damals siebzehnjährige Tochter des bekannten Dramaturgen Carl Hegemann fiel zuvor schon als Schauspielerin, Bloggerin und Regisseurin auf.

Im August dieses Jahres ist nun ihr zweiter Roman Jage zwei Tiger erschienen, der den Leser in die „abgefuckte“ Welt der wohlstandsverwahrlosten und revoltierenden Jugendlichen Cecile und Kai entführt.

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Die Erzählung beginnt sehr tragisch mit dem Tod von Kais Mutter, die stirbt, als Jugendliche einen Stein von einer Autobahnbrücke werfen. Auf der Flucht vom Unfallort lernt Kai das einarmige Zirkusmädchen Samantha kennen. Was er nicht weiß, ist, dass sie eine Mitschuld an dem Unfall trifft. Er ist über Jahre hinweg in sie verliebt. Nach der Behandlung im Krankenhaus zieht der damals elf Jahre alte Junge nach München zu seinem Vater, einem nervlich instabilen Kunsthändler Mitte Vierzig, der sich und seinem Sohn seine Unfähigkeit als sorgender und verantwortungsbewusster Elternteil eingesteht.

Die zweite Protagonistin des Werkes ist die siebzehnjährige Cecile. Von Essstörungen über Ritzen bis zu Drogen hat sie schon alles durchgemacht. Sie verbrachte den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend im Internat, in das sie ihre wohlhabenden Eltern förmlich abgeschoben hatten. Nach einem kurzen Besuch bei ihrer dysfunktionalen Familie bricht sie aus ihrem bisherigen Leben aus, nicht ohne ein Kunstwerk im Wert von einer halben Million Euro mitgehen zu lassen. Sie kommt bei einer alten Schulfreundin in Worms unter, die in einer alternativen Wohngemeinschaft lebt. Von dort aus führt ihre Reise weiter nach Italien. Auf Umwegen landet sie schließlich in München, wo sie in einer Kneipe Kais Vater kennen lernt und sich in ihn verliebt. Obwohl die Liebe nicht erwidert wird, zieht sie bei ihm ein und trifft so auf die andere Hauptfigur Kai.

Die detailliert beschriebene und faszinierende Geschichte der beiden Jugendlichen wird in einem Stil erzählt, der den Leser förmlich mitreißt und immer tiefer in die Abgründe der egoistischen und zerstörerischen Welt des Werkes führt. Dabei verbindet Hegemann provozierenden Jugendjargon voller Superlativen und Anglizismen mit einer durchaus gehobenen, in Hypotaxen präsentierten Sprache, die zwar sehr übertrieben, aber mindestens ebenso interessant und unterhaltsam zu lesen ist.

Besonders bemerkenswert ist ihre Beobachtungsgabe, mit der sie die Erwachsenenwelt aus der Perspektive der Jugendlichen sehr treffend beschreibt und analysiert. Der Ausschnitt „Es ist an dieser Stelle fast unnötig zu erwähnen, dass Cecile zu den weniger durchgeballerten Charakteren in diesem Roman gehört, aber sehr sympathisch ist. Und ja, scheiße, apropos Roman“ (Seite 94) zeigt prototypisch allerdings zwei Tendenzen, die die Erstklassigkeit von  Hegemanns Roman etwas einschränken: Zum einen das übermäßige Abschweifen von der eigentlichen Geschichte und zum anderen den Drang der jungen Autorin, alles zu kommentieren und zu erklären, was in der erzählten Welt vor sich geht. Das führt zwar einerseits zu bemerkenswerten Gedankengängen und Statements wie Folgendem: „Man denkt, weil man weiß, wie schnell etwas kaputt gehen kann, und nicht unbedingt, weil man ein ernsthaftes emotionsfreies Interesse an Mesopotamien hat“ (Seite 127). Andererseits nimmt die Erzählerin den Leser aber zu sehr bei der Hand und lässt wenig Freiraum für eigene Interpretationen.

Die Handlung im größeren Kontext ist aber kaum vorhersehbar, was vor allem am Ende deutlich wird: Die Erzählstränge verdichten sich, Kai und Cecile flüchten, damit der mittlerweile 15-Jährige sein Zirkusmädchen Samantha wiedertreffen kann. Dann heiraten allerdings nach einer unerwarteten Wendung die beiden Protagonisten und spätestens da denkt sich der durch diese verwirrende, verstörende, aber überaus unterhaltsame Welt geführte Leser ganz im Stile des Buches: „What the fuck?!“.

Hegemann, Helene: Jage zwei Tiger. Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag, München, 2013, 320 Seiten, 19,90 Euro

/Katharina Deppe/

Veranstaltungen des Lehrstuhls für österreichische Literatur und Kultur

Veranstaltungen des Lehrstuhls für österreichische Literatur und Kultur

In diesem Block werden Berichte über die Veranstaltungen des österreichischen Lehrstuhls veröffentlicht. Unser erstes Thema ist der von Dr. Attila Bombitz moderierte Vortrag „Nationalgefühl hat man, wenn man sich für seine Nation schämt. Zur Problematik des Vaterlandshasses in der österreichischen Literatur.“ von Dr. Marta Wimmer.

“Österreich ist ein rein imaginärer Name”

– meinte im 19. Jahrhundert ein österreichischer Politiker.1 So ist es gar nicht überraschend, dass der Vortrag der polnischen Germanistin Dr. Marta Wimmer am 17. September sich mit der Frage der österreichischen Identität und dem Vaterlandshass auseinandersetzte. Zwar ist das 19. Jahrhundert schon lange her, aber die österreichische Gegenwartsliteratur beschäftigt sich immer noch mit diesem Problem.

Als Beispiele führte die Referentin Autoren wie Hans Lebert und Elfriede Jelinek auf. Ihre Romane Die Wolfshaut (Lebert) und Die Kinder der Toten (Jelinek) arbeiten die Frage der österreichischen Identität nach der Kriegszeit und die Problematik der “noch nicht begrabenen Vergangenheit” auf. Hier zeigt sich besonders gut ein eher ungewöhnliches Gefühl, die Hassliebe. Nach Meinung der Vortragenden charakterisiert diese ambivalente Einstellung zum Vaterland keine andere Nationalliteratur so stark wie die österreichische. Die Schriftsteller schimpfen ständig über dieses Volk, Jelinek ruft es sogar zum Mörder aus. Doch man kann auch immer etwas Positives, die Liebe zur eigenen Heimat fühlen.

Am Ende des Vortrags wurde uns trotz all dieser Negativität klar, dass es in diesen Werken nicht um Vaterlandshass, vielmehr um Vaterlandsliebe geht. Die Autoren verwenden das Mittel der Beschimpfung, um die “lebendig toten” Österreicher zu erwecken und so zu verhindern, dass die schuldhafte Vergangenheit zurückkehrt.

marta wimmer2Dr. Marta Wimmer ist Assistentin des Germanistischen Instituts der Universität Adam Mickiewicz in Poznań, mit dem unser Institut im Rahmen des Erasmus-Programms enge wissenschaftliche Kontakte pflegt. Zur Zeit ist sie Franz Werfel-Stipendiatin.2

 

 

 

1: Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg

2: http://www.oead.at/werfel

/Katinka Rózsa/

„Horváth ist besser als Brecht“

Vortrag zur Kurzprosa von Ödön von Horváth

Am 01.10.2013 hielt Prof. Dr. Kurt Bartsch an der Universität Szeged einen Vortrag mit dem Titel „Beobachtungen zu erzählender Kurzprosa von Ödön von Horváth“.

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Nach einem kurzen Vorwort von Herrn Dr. Attila Bombitz begann Herr Bartsch seine Ausführungen, indem er einige Meinungen bekannter Persönlichkeiten zu Ödön von Horváths Werk zitierte. Zum Beispiel Peter Handke, der sagte: „Horváth ist besser als Brecht.“ Im Folgenden erläuterte er anhand der Sportmärchen die Besonderheiten von Horváths Kurzprosa. An Beispielen wie Legende vom Fußballplatz und Wintersportlegendchen zeigte Bartsch, dass der österreichisch-ungarische Autor bewusst mit den Gattungskonzeptionen spielt, indem er sie einerseits einhält und sie andererseits auf markante Weise durchbricht. Des Weiteren wird Horváths Kritik am Sport als neuem Kult und der Verdinglichung des Menschen durch den Sport in diesen Texten besonders deutlich.

Danach ging Bartsch auf den Text Das Märchen in unserer Zeit ausführlicher ein und zeigte abermals das Durchbrechen und Einhalten des Genretypischen. Danach stellte er die  Eigenschaften vor, die laut Viktor Žmegač die Kurzprosa Horváths treffend beschreiben: Der diffuse Diskurs, ein forcierter Lakonismus, eine aperspektivische Anlage sowie ein infantilistischer Stil und eine maskenhafte Rede.

Anhand des kurzen Textes Lachkrampf wurde dann Horváths Kritik am „Spießbürgertum“ deutlich gemacht, das er mit seinem analytischen Blick betrachtet. Ebenfalls wurden die Texte Souvenir de Hinterhornbach und Wie der Tafelhuber Toni seinen Hitler verleugnet hat vor diesem Hintergrund näher beleuchtet. In ihnen zeigt Horváth die Makel der scheinbar idyllischen Provinz.

Eine wichtige Technik, die in den kurzen Texten immer wieder zum Tragen kommt, ist die sog. „Demaskierung des Bewusstseins“ und die damit einhergehende komplexe Einfachheit von Horváths Kurzprosa.

Nach einem kurzen Nachwort von Herrn Bombitz beantwortete Herr Bartsch noch einige Nachfragen aus dem Publikum.

/Katharina Deppe/

Österreichische Literatur der 1990er Jahre
Eine Momentaufnahme

Wo war er? In welchem Land war er jetzt? War er noch in Österreich? Er befand sich doch in Deutschland!? Oder befand er sich noch in Österreich? Er hätte am liebsten laut gerufen: ‚Bin ich in Österreich?‘ Oder befand er sich nicht mehr in Österreich? Ihm wurde leicht schwindlig. War dieser Boden hier österreichischer Boden? Dieser Baum ein österreichischer, ein deutscher, ein bayerischer? Der Himmel über ihn ein österreichischer?…“

Am gleichen Tag hielt Dr. Kurt Bartsch noch einen zweiten Vortrag. Wie wir es auch am Titel und am Zitat sehen können, knüpft sein Vortrag thematisch sehr eng an den von Dr. Marta Wimmer an. Sein Schwerpunkt war nämlich das Österreich-Narrativ: Eine kritische Auseinandersetzung mit der österreichischen Geschichte und Politik.

Herr Bartsch hat bei beiden Vorträgen auch Handouts ausgeteilt. Betrachten wir diese besonders im Hinblick auf die ausführlichen Literaturlisten, so können wir sehen, dass der Vortrag sehr umfassend war. Von Beginn des 20. Jahrhunderts an konnten wir die die Autoren beeinflussenden Ereignisse beobachten: So bekamen wir letztendlich auch eine Momentaufnahme der 1990er Jahre, die den  Schwerpunkt des ganzen Vortrags bildete. Aber der Vortrag nahm hier kein Ende: Der Vortragende führte auch ein aktuelles Beispiel aus diesem Jahr an und somit wurde unser Bild des Österreich-Narrativs erst vollständig.

Auch in dieser zweiten Präsentation wurde die Problematik der österreichischen Identität angesprochen: Die Grenzsituation, die dieses Volk besonders stark charakterisiert. Diese malte Herr Bartsch besonders gut mit obigem Zitat aus dem Roman Das steinerne Meer  (Clemens Eich, 1995) aus. Es stellt die eigentliche Verlorenheit und schwankende Identität der Österreicher und des Landes Österreich selbst dar. Mit der Erzähltechnik des Gegennarrativs nehmen die Autoren wie Eich und auch Elfriede Jelinek1 den eingeschränkten Horizont Österreichs in ihren Werken eher negativ wahr, sie sagen sogar, dass dieses Land kein Raum für lebendige Menschen sei. Im Krimi Die Debütantin (Sabina Naber, 2005) taucht auch die Beschreibung der Zerrissenheit auf: Das Gefühl, dass die Österreicher zu nichts wirklich gehören.

Anhand der Fragen von Herrn Bombitz, Herrn Hárs, Herrn Csúri und Frau Szabó entwickelte sich am Ende eine kleine Diskussion.bartsch_publikum Hier wurde unter anderem gefragt, ob die österreichische Literatur etwa durchpolitisierter sei als die deutsche oder die ungarische. Als Konklusion betonte der Referent, dass er nur einen Aspekt der österreichischen Literatur darstellt, das Gegennarrativ charakterisiert natürlich nicht das ganze literarische Leben in Österreich und so ist es vielleicht auch nicht mehr von der Politik beeinflusst als andere Literaturen.

/Katinka Rózsa/

1Die Kinder der Toten