FSJ hautnah

In einer früheren Gema-Ausgabe (2011/2; Autorin: Zsófia Sípos) konntet ihr euch über das Thema Freiwilliges Soziales Jahr im Rahmen eines umfassenden Artikels informieren. Dabei lag der Akzent auf der technischen Seite: wie und wo man sich melden kann, was darin eigentlich steckt. Jetzt möchte ich aus einem ganz anderen Aspekt das Freiwilligenleben beleuchten. Ich habe vier Jugendliche nach ihren Erlebnissen und Erfahrungen gefragt. Sie sind mit dem FSJ schon im Gymnasium in Kontakt gekommen.

fsj-AnnaAnna ist 24 Jahre alt und nach dem FSJ hat sie Sozialarbeit und Diakonie in Nagykőrös studiert. Jetzt arbeitet sie als Diakonin in Budapest.

 

 

fsj-Dia

Dia wurde 1989 in Debrecen geboren. Zurzeit studiert sie Europäische und Internationale Verwaltung an der Andrássy Universität Budapest.

 

fsj-GabriellaGabriella ist 25 Jahre alt. Sie lebt jetzt in Budapest und studiert Maschinenbau. Ihre Hobbys sind Sport treiben, Musik hören und lesen.

 

fsj-AndrásAndrás ist 28 Jahre alt. Momentan arbeitet er im Mercedes Werk in Kecskemét. In seiner Freizeit schwimmt er gern und fährt Auto.

 

 

 

• Hast du außerhalb des Gymnasiums schon etwas über das FSJ gehört?

Anna: Zuerst habe ich von meinem Bruder vom FSJ erfahren. Er war in den Niederlanden und hatte sehr viele Erlebnisse mit nach Hause gebracht. Er hat sich ziemlich viel verändert. Dann habe ich im Reformierten Gymnasium in Debrecen etwas mehr davon erfahren. Alles, was ich gefühlt habe wegen dieses Jahres, war: Es wird ein richtiges Abenteuer sein!

András: Vorher hat mir eine ehemalige Freiwillige viel darüber erzählt und die weiteren Informationen haben mich in meiner Entscheidung gestärkt.

• Was hat dich motiviert an diesem freiwilligen Programm teilzunehmen?

Anna: Ich bin in einer großen gläubigen Familie (9 Kinder) groß geworden und will auch alles nach Gottes Willen tun.

Dia: Nach dem Gymnasium wollte ich auf jeden Fall eine kleine Pause machen. Diese Zeitperiode wollte ich sinnvoll verbringen. Ich hatte die Absicht, anderen zu helfen.

Gabriella: Ich wusste nicht, wo ich studieren werde und ich wollte etwas ganz anderes machen als lernen.

András: Meine persönliche Motivation war: Ein Jahr in meinem Leben Gott schenken, das selbstständige Leben ausprobieren; kranken, schwachen Menschen helfen und die deutsche Sprache üben.

• Wo hast du dieses Jahr verbracht und was war deine Aufgabe?

Anna: Mein FSJ war in Deutschland, in Baden-Württemberg. Ich habe mich mit schwer behinderten Erwachsenen beschäftigt. Meine Aufgaben waren die Pflege und die allgemeinen Hausarbeiten. Es war eine diakonische Einrichtung, also sie hatten auch „etwas“ mit Glauben zu tun. Das hat mich sehr gefreut! Ich habe auch im Behinderten-Chor mitgesungen und bin mit ihnen an der Weihnachtsfeier aufgetreten.

Dia: Ich habe in Deutschland in Schwalmstadt-Treysa in einem Institut für Behinderte gearbeitet. Ich habe bei verschiedenen Entwicklungs- und Pflegeaufgaben geholfen. Die Patienten waren geistig und auch körperlich behindert, viele von ihnen konnten einfach nicht sprechen.

Gabriella: Ich habe das Jahr in Deutschland in Ihrhove verbracht. Ich war in einem Kindergarten tätig, wo ich den Erzieherinnen half, mit den Kindern spielte und nach dem Spiel räumte ich auf.

András: Ich habe dieses wunderschöne Jahr in einem Altersheim in Hamburg verbracht. Dieses Heim hat eine spezielle Demenzgruppe, wo zwölf nette alte demente Bewohner und Bewohnerinnen gelebt haben. Die Leute, die an einer Demenzkrankheit leiden, vergessen alles und können sich nicht mehr selbst versorgen. Sie vergessen zu trinken, zu essen, sie finden nicht mehr allein nach Hause. In dieser Gruppe habe ich fünf Tage in der Woche mit anderen Kollegen gearbeitet. Unsere Aufgaben waren sozusagen: die alten Tage der Bewohner zu verschönern. Wir haben täglich dreimal das Essen verteilt. In der Zwischenzeit haben wir alte Volkslieder gesungen, getanzt, gebetet und kleine Spaziergänge gemacht.

• Wie war die Einstellung des Arbeitgebers zu dir? Wie waren die anderen Teilnehmer?

Anna: Mein Arbeitgeber und die anderen Mitarbeiter waren christlich. Das hat die Beziehungen zueinander in großem Maße bestimmt. Wir konnten alles miteinander besprechen, übrigens gab es keinen besonderen Konflikt. Wir haben die verschiedenen Kulturen unter uns ausgetauscht, einander die Sprache gelehrt und z. B. Silvester im gemeinsamen Kreis verbracht. Mit den Kollegen pflegen wir seither gute Freundschaften.

Dia: Mein Chef und meine Kollegen waren unheimlich nett zu mir. Als ich anfangs Schwierigkeiten mit der Sprache hatte oder als ich unter Heimweh gelitten habe, haben sie mich unterstützt, ermuntert und dazu angeregt, den Kopf nicht hängen zu lassen. Wir haben alle Feiertage zusammen erlebt. Meinen Geburtstag in Deutschland werde ich nie vergessen, sie haben mir eine Torte gebacken. Mit den anderen Freiwilligen, mit denen ich in einem Studentenheim unter einem Dach gewohnt habe, bin ich gut ausgekommen. Obwohl die kulturellen Unterschiede manchmal Missverständnisse verursacht haben, haben wir diese schnell beredet.

Gabriella: Sie haben uns normal behandelt. Sie haben die Aufgaben gesagt und wir haben sie erledigt. Im Laufe des Jahres hatte ich immer bessere Beziehungen mit den anderen Teilnehmern, so haben wir uns kennengelernt. Ich habe mit einer anderen Freiwilligen aus Ungarn zusammen gewohnt. Seitdem sind wir Freundinnen und zum Glück treffen wir uns ziemlich oft miteinander.

• Welche Erfahrungen und Erlebnisse würdest du hervorheben?

Anna: Wir Freiwillige haben die Einstellung der Pflegearbeiterinnen schnell übernommen. Die Arbeit hat eine solche Empfindsamkeit und Zuneigung zu den Patienten hervorgerufen, was menschlich das Größte ist. Weiterhin habe ich mit einer Familie enge Freundschaft geschlossen, die haben mir vieles gezeigt. Dadurch habe ich die deutschen Traditionen wirklich erlebt.

Dia: Während dieses Jahres habe ich verstanden, was es bedeutet, mit Hindernis zu leben. Ich habe gemerkt, dass die Menschen, die mit dieser Last leben, sich von den Gesunden nicht unterscheiden. Alle sind gleich. Damals habe ich viel über Toleranz und Akzeptanz gelernt, was noch heute mein Leben vergoldet.

Gabriella: Wir hatten auch Seminare mit anderen Freiwilligen aus Europa und mit deutschen Jugendlichen. Da habe ich mich viele fremde Menschen und Kulturen getroffen.

András: Ich bin Gott sehr dankbar für dieses Jahr. Ich habe sehr, sehr viel gelernt. Ich habe erfahren, was ein selbstständiges Leben bedeutet und wie man Konflikte und Probleme einfach lösen kann. Ich habe erlebt, wie wichtig die menschlichen Beziehungen im Leben sind.

• Kannst du drei extrem negative und extrem positive Erfahrungen nennen?

Dia: Als negative Erfahrung kann ich das kalte Wetter und das Heimweh erwähnen. Meiner Meinung nach sind die Deutschen ein bisschen kontaktscheu. Ich habe von meinen Patienten unermesslich viel Liebe bekommen, habe ewige Freundschaften geschlossen. Darüber hinaus wurden meine Sprachkenntnisse besser.

Gabriella: Selten hatte ich Schwierigkeiten wegen der Sprache. Ich kann eher über positive Erlebnisse berichten. Man kann der sein, wer man sein will. Und nicht zuletzt habe ich sehr viele Leute kennen gelernt.

András: Das ganze Jahr war eine große positive Erfahrung. Meine Beziehung zu Gott und meine Sprachkenntnisse haben sich erheblich entwickelt. Darüber hinaus habe ich zahlreiche neue Freunde bekommen. Wenn ich negative Beispiele nennen soll… ein Todesfall in der Gruppe oder manchmal das Heimweh waren schwer zu ertragen.

• Kannst du aus diesen Erfahrungen und Kenntnissen in deinem  alltäglichen Leben oder in deinem Beruf einen Nutzen ziehen?

Anna: Als Diakonin kann ich aus meiner Praxis viel Nutzen ziehen. Ich halte nämlich Religionsstunden in einem Institut für Behinderte. Zusätzlich helfen mir die Lebenserfahrungen beim Umgang mit schwierigen Situationen.

Dia: Dank dieses Jahres bin ich erwachsen geworden, ich bin selbstständiger geworden. Seitdem kann ich kochen und backen, vorher konnte ich nur einfache Speisen zubereiten. Mein Deutsch hat sich rasch entwickelt. Als ich angekommen bin, habe ich nur über Grundkenntnisse verfügt und gegenwärtig besuche ich eine deutschsprachige Universität.

Gabriella: Ich habe mich persönlich sehr viel entwickelt, ich bin einfach viel reifer.

András: Man hat durch dieses soziale Jahr eine große Chance, viele wichtige Sachen zu erlernen. Man lernt, wie man mit Konflikten am besten umgehen kann. Man lernt, was es heißt selbstständig zu leben. Wir haben natürlich viel Hilfe von der Diakonie bekommen, trotzdem mussten wir mit den kleinen Problemen allein klar kommen und dadurch haben wir sehr viel gelernt. Man lernt, wie man sein Geld gut einteilt. Ich konnte auch meine Sprachkenntnisse vertiefen, was später bei der Arbeitssuche eine große Hilfe war.

• Wenn du denjenigen einen Rat geben solltest, die bei diesem Programm mitmachen möchten, was wäre das?

Anna:Ich schlage dieses Programm denjenigen vor, die sich selbst besser kennen lernen wollen. Es ist sinnvoll, ein solches Fachgebiet zu wählen, worin man noch nicht so bewandert ist. Man soll danach streben, seine Sprachkenntnisse bewusst zu entwickeln und flexibel zu bleiben, weil ziemlich vielfältige Situationen vorkommen können, an die man sich anpassen muss.

Dia: Man darf keine Angst haben vor dem Neuen, vor dem Fremden und Unbekannten. Man soll mutig losschießen, man wird es später bestimmt nicht bereuen. Es ist möglich, dass es am Anfang ein bisschen schwierig wird, aber bald merkt man, dass es sich lohnt. Das ist ein solches Erlebnis, was niemand dir wegnehmen kann. Am Ende würdest du lieber alles von vorne beginnen und nicht nach Hause fahren wollen.

Gabriella: Man muss es einfach für sich selbst machen!

András: Ich kann für alle Jugendlichen das FSJ nur empfehlen. Ich habe persönlich auch sehr viel bekommen. Sehr gute Kontakte habe ich noch immer mit meinen ehemaligen Kollegen. Ein wichtiger Vorschlag, wenn man die Möglichkeit hat, an einem solchen Programm teilzunehmen: man darf nicht allein zu Hause sitzen bleiben. Man sollte immer die neuen Möglichkeiten ausprobieren, wie neue Leute kennenzulernen, an neuen Dienstmöglichkeiten teilzunehmen. Ich habe auch bei vielen Kirchengemeindediensten mitgemacht, z.B. Fahrdienst, Chor. Dieses Programm ist sehr nützlich für solche Jugendlichen, die ein Jahr ihres Lebens damit verbringen möchten, anderen Leuten zu helfen.

/Szabina Danics/

Weitere Informationen zu dem Thema findet ihr auf den folgenden Seiten:

Mosaikreise

Denken wir daran, wie viele Male man dem Ausdruck “deutsche Nationalität” begegnet ist. Fangen wir damit etwas an? Machen wir uns Gedanken darüber, was das bedeuten könnte? Beschäftigt uns diese Frage als Germanistikstudierende? Ehrlich. Es bewegt uns irgendwie, wir wissen auch darüber, aber tun wir etwas? Wie viele haben schon davon gehört, dass an der Pädagogischen Fakultät „Gyula Juhász” der Universität Szeged ein Institut für Minderheitenkulturen mit mehreren Fächern existiert, die sich direkt an diesen Fragen orientieren. Ein weiteres Fakt ist, dass die meisten von uns während des Studiums im besten Fall ein- oder höchstens zweimal das Nationalitätenhaus in Szeged besucht haben. Aber viele wünschen sich irgendwo ins Ausland zu fahren, um die deutsche Kultur zu erleben und kennen zu lernen.

Dann lass mich bitte, lieber Leser, dir eine Mosaikreise anbieten, in deren Zentrum ausnahmsweise nicht das jedem bekannte Lenau-Haus in Pécs steht.

Zuerst fahren wie nach Harta.hartai festett bútor 1

Das war früher ein von Sümpfen und von Salzboden beherrschtes Gebiet. Seine Besiedlung erfolgte Anfang des 18. Jahrhunderts, dank des damaligen Grundherrn Graf Pál Ráday, der evangelische und reformierte Menschen aus Hessen, der Pfalz, Speyer und Württemberg auf seine Grundstücke einlud. Die rasche Entwicklung der Siedlung ist auch mit der Familie Ráday verbunden, deren Name heute das Bildungszentrum trägt, das für die Einrichtung des Kindergartens, der Grundschule, der öffentlichen Bildung und der Bibliothek verantwortlich ist. Diese Fakten ergeben den deutschen Ursprung der Gemeinde.Die deutschen Einwohner von Harta (Hartau) schützten ihre mitgebrachten Bräuche und hielten sie isoliert, mit den benachbarten ungarischen und slowakischen Nationalitäten hatten sie nur minimalen Kontakt. Sie lebten ohne äußerliche Einflüsse und feierten ihre Feste in dem engen Kreis ihrer Familie. Die Siedler sprachen bis ins 20. Jahrhundert ausschließlich auf Deutsch. Zum Anlass verschiedener Feste sangen sie ihre eigenen Lieder und tanzten nach ihrer eigenen Choreografie. Was die gegenwärtige Situation betrifft, so haben sich die verschiedenen Nationalitäten vermischt, es gibt keine scharfe Trennlinie mehr im Alltag. Natürlich strebt die deutsche Minderheit danach, ihre Werte und Traditionen zu bewahren und diese den Interessierten vorstellen zu können. Im Laufe des Jahres 2012 wurden mehrere Ausstellungsorte etabliert.

Das Dorfmuseum präsentiert Hartauer gemalte Bauernmöbel, weitere Ausstellungsobjekte von besonderem Wert sind die Stücke der örtlichen Volkstracht und die Blaufärberstoffe. Der Stil der gemalten Möbel hat sich schon in der neuen Heimat entwickelt. Anfangs zählte das Braun als Grundfarbe, die Benutzung des Blaus wurde vor dem 20. Jahrhundert populär. Im Allgemeinen dominierte ein Zentralmotiv – der Kreis und der Stern waren beliebt, darum herum wurden die anderen Teile arrangiert. Bevorzugte Muster waren: Blumen, vornehmlich Tulpen, Blätter, Töpfe, aus denen Blumen wachsen, Vögel, ferner abstrakte Formen von Dreiecken und Linien. Dank einer erfolgreichen Ausschreibung ist das Hartauer-Oberländer-Zimmer sowie eine Ausstellung des Malers Tibor Gallé entstanden. Im Ersteren können die Besucher sich mit der Geschichte und Wohnkultur der hier angekommenen Familien vertraut machen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden nämlich 287 deutsche Familien vertrieben und 243 ungarische Familien hauptsächlich von Oberungarn im Dorf angesiedelt. Das Tibor Gallé Gedenkzimmer verfügt nicht nur über kunsthistorischen, sondern auch ortsgeschichtlichen Wert, denn das Thema der Bilder ist eng mit Hartau verbunden.

Zweite Station: Deutsche Bühne in Szekszárd

deutsche bühneSeit 25 Jahren befindet sich das einzige deutschsprachige Theater Ungarns im Komitat Tolnau in einem der schönsten Sezessiongebäude. Das Ziel des Ensembles ist die Pflege und die Vermittlung der deutschen Sprache, ferner die Bewahrung kultureller Werte und Traditionen der Ungarndeutschen. Eine weitere Motivation ist, der ungarischen Mehrheit die deutsche Minderheit näher zu bringen. Mit Synchrondolmetschen können die sprachlichen Schwierigkeiten vermieden werden. Was das Repertoire betrifft: Hier werden vor allem Werke der deutschsprachigen Klassik und der zeitgenössischen Dramaliteratur auf die Bühne gebracht. Natürlich versucht das Ensemble, das Interesse jeder Zuschauergruppe zu wecken und zu bewahren und auch die verschiedenen Jubiläen nicht zu vergessen. Daneben macht die deutsche Bühne landesweit eine Tournee zu dem Zweck, das Interesse der Menschen anzuregen.

Dritte Station: der Anfangspunkt – das Nationalitätenhaus

I1241375_568366186531865_455773889_nch habe drei Alternativen als Ergebnis eines schnellen Brainstormings erwähnt. Jede bietet uns unterschiedliche Möglichkeiten, die deutsche Kultur innerhalb der Landesgrenzen zu erleben. Ich hoffe, dass jeder Leser und jede Leserin Lust bekommen hat, eines dieser Angebote wahrzunehmen. Fangen wir in der Nähe an und schauen wir uns das reiche Angebot des Nationalitätenhauses an. Und lassen wir die Menge der deutschsprachigen Konferenzen, die in Szeged regelmäßig stattfinden, nicht außer Acht.

/ Szabina Danics /