Schnitzlers Casanova. Ein Gastvortrag

Am 6. April 2016 setzte sich die Reihe der Gastvorträge am Lehrstuhl für Österreichische Literatur und Kultur fort. Dieses Mal durften die Anwesenden Univ.-Prof. Dr. Barbara Neymeyr von der Universität Klagenfurt zuhören. In ihrem Vortrag Die Entzauberung des Mythos. Arthur Schnitzlers Novelle Casanovas Heimfahrt als subversive Charakterstudie im Spannungsfeld intertextueller Bezüge vom Barock bis zur Décadence präsentierte Frau Neymeyr eine aufschlussreiche Interpretation zu Schnitzlers Novelle. Die Vorlesung wurde von Herrn Prof. Dr. Károly Csúri konferiert.

Neymeyr-Vortrag (2)

Herr Prof. Dr. Csúri sprach einleitende Worte zum Vortrag von Frau Prof. Dr. Neymeyr.

 Wer ist Casanova?

Die Figur des bezaubernden Frauenhelden Casanova dürfte den meisten Studierenden aus dem  2005 erschienenen gleichnamigen Spielfilm mit Heath Ledger in der Hauptrolle bekannt sein. Frau Neymeyr machte am Anfang ihres Vortrages auf die reiche kulturhistorische Tradition aufmerksam, die bis in die späten Jahre der Barockzeit zurückgreift. Oft kommt es vor, dass man Casanova mit Don Juan verwechselt, trotz des großen, grundsätzlichen Unterschieds zwischen den beiden. Während Casanova tatsächlich im 18. Jh. gelebt hat, war die Figur des Don Juan rein fiktional. Während sich Casanova als einen einfühlsamen, kecken Liebhaber inszenierte, war Don Juan davon besessen, alle Frauen rücksichtslos zu besitzen, skrupellos seine erotischen Ziele zu erreichen. Frau Neymeyr wies auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen der realen und der fiktiven Person hin: die positive Konnotation Casanovas lässt an eine sympathische Person denken, während der gewaltsame Don Juan eher düstere Gedanken erweckt.

Die Rezeption der Casanova-Figur erlebte um die Jahrhundertwende eine lebhafte Renaissance. Frau  Neymeyr erwähnte u. a. Anatol, die wohlbekannte Figur aus dem früheren Einakter Arthur Schnitzlers. Um 1900, in einer Epoche der allgemeinen Unsicherheit und ständigen Veränderung, setzte sich das Interesse für das Abenteuerliche, für ein intensives Erlebnis stets durch, der Mensch lebte für den Augenblick, versuchte, den Moment lustvoll wahrzunehmen und machte sich dabei keine Zukunftssorgen. Es ist die Rede von einem impressionistischen Menschentypus, Vertreter einer hedonistischen Lebensführung. Eine für die Décadence typische Figur mit einer Lebensweise, die auch für Casanova einst nicht unbekannt gewesen sein mag.

Arthur Schnitzers Novelle Casanovas Heimfahrt erschien 1918, wurde aber in früheren Jahren, während des Ersten Weltkrieges, in der Zeit einer allgemeinen, drückenden Alltagskrise verfasst. Im Rahmen ihres Vortrages erklärte Frau Neymeyr, wie Arthur Schnitzler den Casanova-Mythos entzaubert, wie der nun gealterte Casanova, in eine Krisensituation geraten, sich von einem verführerischen Jüngling zu einem heuchlerischen Greis verändert.

Arthur Schnitzlers Casanovas Heimfahrt

Die Novelle behandelt die Alterskrise Casanovas und thematisiert unterschiedliche moralische Irritationen. Der einstige Liebhaber ist inzwischen älter geworden, seine Verführungsstrategien funktionieren bei der gelehrten und jungen Marcolina nicht. Der einstige Frauenheld verliert seine sympathische Ausstrahlung, was nichts besser beweist als die Tatsache, dass er die erwünschte Frau nicht durch seine verführerische Art erobert, sondern auf einem hinterlistigen Weg. Der einst einfühlsame Frauenheld wird zu einem skrupellosen Schurken, der die Frau erobert, indem er ihr Selbstbestimmungsrecht außer Kraft setzt.

Es besteht ein interessantes Verhältnis zwischen Casanova, Marcolina und dem jungen Offizier Lorenzi. Zwischen Marcolina und Casanova finden mehrmals bemerkenswerte philosophische Diskussionen statt. Die junge Frau wird als sehr modern dargestellt. In ihrer Gestalt präsentiert Schnitzler eine emanzipierte, intellektuelle und facettenreiche Figur. Marcolina verfügt aber nicht ausschließlich über wissenschaftliche Ambitionen. Auch als Frau ist sie für die damalige Zeit unkonventionell: sie verweigert jeden Heiratsantrag, hat aber eine geheime Affäre mit Lorenzi. Eines Nachts ist Casanova Zeuge, wie Lorenzi Marcolinas Zimmer durch das Fenster verlässt und plant, Marcolina auf diese Weise selbst zu erobern. Er überzeugt Lorenzi für Geld, ihm seinen Umhang zu leihen, damit Casanova als Lorenzi maskiert in Marcolinas Zimmer kommen kann. Der Plan scheint zu funktionieren, der Beischlaf erfolgt ohne Schwierigkeiten. Casanova schläft aber danach ein und verlässt Marcolina nicht vor dem Morgengrauen. Am Morgen erkennt sie den falschen Liebhaber und Casanova flüchtet aus ihrem Zimmer. Auf der Wiese treffen sich die beiden Männer wieder und es kommt zu einem Degen-Duell, in dem beide nackt miteinander kämpfen. Nachdem Casanova Lorenzi getötet hat, reist er nach Venedig.

Neymeyr-Vortrag (3)

Beschäftigten sich eingehend mit Schnitzler: die Anwesenden im Konferenzsaal der Fakultät.

Die Entzauberung des Frauenhelden

In Arthur Schnitzlers Novelle Casanovas Heimfahrt verliert der einstige Frauenheld seine verführerische Aura. Indem er immer älter und hässlicher wird, gerät Casanova immer mehr in eine traurige Einsamkeit, die ihm großen Frust verursacht. Dadurch entsteht eine Identitätskrise, weil Casanova die Wirklichkeit nicht akzeptiert und stark von negativen Gefühlen wie Zorn, Hass und Unruhe beherrscht wird. Da er sich der Realität nicht stellen will und zu narzisstischen Größenphantasien neigt, kommt es zur Selbsttäuschung. Seine Entwicklung vollzieht sich im Spannungsfeld von Illusion und Desillusionierung. Im Text fällt die oft widersprüchliche Einstellung Casanovas zu sich selbst auf: Einmal verklärt er sich zu einem Gott, ein anderes Mal spielt er mit Suizid-Gedanken. Schnitzler legt großen Wert auf die psychologische Wiedergabe der Seelenzustände und inszeniert diese Krisensituation Casanovas mit der narrativen Technik der erlebten Rede, wodurch der Leser einen intensiveren Einblick in das innere Leben der Figur bekommt.

Die Revitalisierung seiner Identität als Frauenheld erhofft er sich durch die erotische Eroberung Marcolinas. Es stellt sich jedoch heraus, dass diese Herausforderung viel schwieriger ist als geglaubt. Anstatt Marcolina mit seinen Erfahrungen und Kenntnissen zu bezaubern, verwickelt er sich in eine komplexe philosophische Diskussion. Dabei wird auch über Voltaire diskutiert. Casanova versucht den großen Aufklärer zu kritisieren und bezeichnet ihn als Atheist, muss aber feststellen, dass Marcolina seine Argumente widerlegt und sogar Atheismus nicht als etwas Negatives bewertet. Voltaire könne trotz seiner Gottesleugnung ein großer Geist sein, denn Marcolina meint, Gott gefalle es besser, wenn die Menschen sich kritisch mit etwas auseinandersetzen, als nur unwissend demütig zu sein. Die Diskussionen mit Marcolina tragen zu der Identitätskrise Casanovas bei.

Die Erschütterung des Frauenhelden erfolgt maßgeblich aus der Interaktion mit Marcolina. Man findet Gründe der Erschütterung einerseits in der ironischen Überlegenheit Marcolinas, mit der sie Casanovas Aussagen infrage stellt und beurteilt. Weiterhin in ihrem Gesichtsausdruck, wenn sie ihn mit „Ekel“ ansieht oder, sehr intensiv, in ihrem Blick, als sie Casanova statt Lorenzis neben sich im Bett erkennt. Ein „unsagbares Grauen“, „Scham und Entsetzen“ lassen den alten Casanova wissen: seine mystische Identität als Frauenheld ist weg.

Die Entzauberung durch die Identitätskrise

Casanova unternimmt mehrere Versuche, seine Jugendlichkeit, seine Identität, aufrechtzuerhalten bzw. die  Vergänglichkeitsangst zu überwinden. Einerseits erhofft er sich eine Revitalisierung durch die erotische Eroberung Marcolinas. Andererseits versucht er sich als Autor einer Streitschrift gegen Voltaire. Wie sich herausstellt, ist auch dieser Versuch zum Scheitern verurteilt, da Casanova damit eigentlich den Herrschern in Venedig imponieren will, diese aber gegen die aufklärerische, fortschrittliche, auch von Marcolina vertretene Weltanschauung stehen. Drittens versucht Casanova in jeder Situation, wenn er von sich erzählt, sich als einen abenteuerlustigen, selbstbewussten Jüngling zu inszenieren. Im Text wird der Gegensatz zwischen der prächtigen Vergangenheit und der elenden Gegenwart Casanovas betont. Casanova strebt nach einer Stabilisierung seines Ichs, indem er sich stets neu erfindet, ohne die Vergangenheit loszulassen und die Gegenwart so zu akzeptieren, wie sie ist.

Frau Neymeyr sieht eine Spiegelbild-Motivik in der Beziehung Casanovas zu Voltaire und zum Offizier Lorenzi. In seinem Zweikampf mit Voltaire versuche Casanova, sein moralisches Alter Ego zu bekämpfen, da er, so Frau Neymeyr, seine eigenen Charakterdefizite auf die Person Voltaires projiziere. Casanova selbst war berühmt für seine den kirchlichen Normen nicht entsprechende Lebensweise: Er galt als Freigeist und verführte auch verheiratete Frauen. Trotzdem scheint Schnitzlers Casanova bereit zu sein, Voltaires Atheismus zu kritisieren. Auch ist er bereit, der Spion der venezianischen Herrscher zu sein und Leute seinesgleichen zu verraten. Frau Neymeyr verwies in diesem Sinne auf Widersprüche in Casanovas Überzeugungen.

Das Verhältnis Casanovas zu Lorenzi basiert auf einem Doppelgänger-Motiv. Lorenzi erinnert den alten Frauenhelden an sein jüngeres Ich. Gleichzeitige Zu- und Abneigung prägen Casanovas Gefühle Lorenzi gegenüber. Letztendlich, als es zum Duell kommt, entscheidet sich Casanova für eine kompromisslose Alternative, einer von den zweien muss sterben. Obwohl Casanova den jungen Soldaten besiegt, ist er nicht der eigentliche Sieger. Casanova, der nun nicht nur ein Vergewaltiger, sondern auch ein Mörder ist, erlebt eine weitere Erschütterung seiner Identität. Denn er hat in der Person Lorenzis sein eigenes jüngeres Ich erstochen, „den“ Casanova also eigenhändig getötet. Frau Neymeyr macht hier auf eine moralische Selbstvernichtung Casanovas aufmerksam.

Die Identität Casanovas wird durch folgende Elemente entzaubert: er ist nicht mehr der bedingungslos erwünschte Liebhaber, er ist ein Verräter der aufklärerischen Weltanschauung, und er wird auch zum Mörder seines Doppelgängers. Frau Neymeyr spricht hier von einer moralischen Desillusionierung.

Schnitzlers autobiografischer und intertextueller Umgang mit dem Casanova-Sujet

Im Text können manche biographische Hinweise zu Schnitzler entdeckt werden. Als der historische Casanova nach Venedig zurückkehren durfte, war er 49 Jahre alt. Trotzdem schreibt Schnitzler, er sei 53 Jahre alt. Damit verweist er eigentlich auf sein eigenes Alter. Die Figur Casanova erscheint als Symbol der Identitätskrise oder Symptom des Abstiegs. Bildhaft zu sehen ist das in den Spiegelkonstellationen. Casanova erkennt sich öfters im Spiegel als Greis. In diesen Fällen wird er als Opfer dargestellt. Ähnlich die Erinnerung an die alte Frau, die sich ihm früher in einer Nacht hingab und seine Unwissenheit später ausgelacht hat. Während man im Falle dieser Episode Casanova als Opfer sieht, erscheint er aber in Bezug auf Marcolina als ein hinterhältiger Betrüger. Dabei steht die schockartige Desillusionierung des jungen Casanova eng mit den Betrugsbedingungen und dem Schock des älteren in Verbindung.

Frau Neymeyr ging im Rahmen ihres Vortrages weiterhin auf unterschiedliche intertextuelle Beziehungen der Novelle zu anderen literarischen Werken wie Kleists Amphitryon oder Thomas Manns Tod in Venedig ein. Für die anwesenden Studierenden dürften die Hinweise auf die Verbindungen zu dem alternden Gustav von Aschenbach einleuchtend gewesen sein. Sein Leiden an dem Verlust der körperlichen Attraktivität oder die Arbeit in den Morgenstunden und nicht zuletzt die Beschreibungen des schönen Tadzio sind Motive, die auch in Casanovas Heimfahrt wiederzufinden sind.

Arthur Schnitzlers Casanovas Heimfahrt beschreibt die Alterskrise des einstigen Frauenhelden Casanova, der nun verdüstert mit seiner eigenen Identitätskrise kämpft. Schnitzlers Werk, so Frau Neymeyr, ist ein wichtiges Element in der Rezeptionsgeschichte des Casanova-Sujets. Es führt den Mythos zwar fort, entzaubert ihn aber auch gleichzeitig.

/Christiana Gules/

Neymeyr-Vortrag (1)

Nach dem Vortrag: Prof. Dr. Neymeyr (l.) mit Dr. Erzsébet Szabó (r.)

Auf dass die Deutschkenntnisse authentischer werden: Warum es sich lohnt, Alligatoah zu kennen

Liebe Studierende an unserem Institut!

Wollt ihr wissen, wie die deutsche Lyriksprache 100 Jahre nach Rilke, 200 Jahre nach Goethe, 300 Jahre nach Gottsched klingt? Hättet ihr Lust, die deutsche Sprache von einem authentischen Native-Speaker zu hören, mal als Abwechslung zu den Hörverstehensaufgaben aus den Lehrbüchern? Wer Spaß am Sprechgesang hat, wird das liken!

Das GeMa berichtete in letzter Zeit oft über Musiker. Nur waren diese eher dem Genre Rock bzw. Metal zuzuordnen (Wisdom, IronMaidnem, Unheilig, PeterLicht). Nun soll die Reihe der deutschen Künstler-Porträts eine kleine Abbiegung nehmen in Richtung “Schauspielrap”. Dabei wird es um einen Künstler gehen, der in seinen Liedern gerne mal ein bisschen Satire auf schlaue Art und Weise und mit ganz viel lustiger Schauspielkunst inszeniert und präsentiert. Er heißt Alligatoah, hat den Begriff „Schauspielrap“ selbst erfunden und wer er ist, sollen seine eigenen Worte knapp erklären:

„Alligatoah, das ist eine HipHop-Band, die aus dem Rapper Kaliba 69 und dem Beatproduzenten DJ Deagle besteht. Ich habe diese beiden fiktiven Terroristen erfunden, weil ich nicht ganz allein sein wollte mit Texte schreiben, Beats bauen, Videos drehen, Artworks gestalten, Webseite programmieren und was noch alles dazu gehört, um sich heutzutage Musiker nennen zu dürfen.“ *

Obwohl natürlich hinter Kaliba 69, DJ Deagle und Alligatoah selbst nur eine einzige Person steht, ist diese Aufteilung in mehrere Persönlichkeiten in seiner Diskografie gut erkennbar. Sein erstes Musikvideo postete er 2008 mit dem Titel „Counterstrikersong“. Seitdem vergingen mehrere Jahre und Experimente sowohl im musikalischen als auch audiovisuellen Bereich. 2013 erschien sein bislang erfolgreichstes Album „Triebwerke“ (3. Studioalbum), das auch den Hit „Willst du“ beinhaltet. Sein jüngstes Video erschien am 11. Februar 2016 und mit dem Titel „Du bist schön“ werden die Plastikmenschen von heute satirisch dabei dargestellt, wie sie teure Produkte kaufen, sich künstlich schminken und nichts außer egozentrischem Narzissmus kennen. Inszeniert wird das offizielle Video mit dem Sänger, der die Augen verbunden hat und sich in Form verschiedener Märchenfiguren vorstellt, während im Hintergrund junge Frauen Designerkleider nähen. Dieses Lied ist zusammen mit „Vor Gericht“, „Lass liegen“ und „Denk an die Kinder“ die vierte Single aus dem neuen Album „Musik ist keine Lösung“, das am 27. November 2015 erschienen ist. Der Erfolg blieb nicht aus, Alligatoah ergatterte schon am 3. Dezember seine erste Belohnung: die 1LIVE-Krone 2015 für „Bester Hip Hop-Act“.

Alligatoah macht Konzeptalben. Er behandelt Themen wie Betrug, Gewalt, Drogen, Aggressivität und Untreue, indem er in die Rolle des „Übeltäters“ hineinschlüpft und seine Sichtweise auf satirische und widersprüchliche Art darstellt. Alligatoahs Empfehlung zur Lektüre seiner Texte: „Das Gold der Worte verbirgt sich oft zwischen den Zeilen. Die Kalligrafie [so heißt der Menülink zu den Songtexten auf seiner Webseite, CG] ermöglicht euch eine genaue Studie der Textpassagen, die oft in prunkvoll musikalischer Kutsche versteckt am Ohr vorbeipreschen. Nehmt euch Zeit und Textmarker zur Hand, wählt ein Album und einen Song aus und beginnt in Ruhe zu lesen. Vielleicht findet ihr auf diesem Wege sogar zu euch selbst.”

In dem Lied „Namen machen“ wird der verzweifelte Versuch thematisiert, mit verrückten Videos im Internet bekannt zu werden – das ist doch der Wunsch so vieler Menschen.

Um mich selbst zu zerstören brauch ich 15 Minuten
Gib mir davon ein Drittel, ich werde bluten
Bin ein Jackass 2.0
und beim Weitsprung schaff ich ohne Leistung Kult
Es ist nicht meine Schuld. Es ist die Gesellschaft,
die wie ein Esel gafft, bis ihnen der Schädel platzt
Man es ist ekelhaft und es ist Schrott. Ja
Es sind Opfa aber Popstars

Der untreue Partner in dem Lied „Amnesie“ versucht seine chronischen Seitensprünge mit Geschenken gutzumachen.

Guten Tag, ich hätte gern ein’ Eimer Rosen
Es ist so, als müsst ich zu ‘ner Beicht-Pastorin
Also wieder mit Geschenk bewaffnet
Bevor ich der gekränkten Gattin das Geständnis mache
Hallo Schatz, ich bin mit Nazis down!
Spaß, aber ich hab HIV

Und zum Schluss ein Zitat aus „Lass liegen“ vom neuen Album, eine Ohrfeige für die Konsumgesellschaft:

Ich steppe in den Wald und lasse liegen, was mir aus der Hose plumpst
Ne Packung Bifi, Batterien und Plutonium
Ob teures Koberind oder ein neugeborenes Kind
Was einmal den Boden berührt hat, ist bedeutungslos und stinkt
Ich lass es lieber liegen, lieber neue Waren statt verwahren
Nur muss ich jetzt beim Einkaufen Atemmaske tragen
Lieber liege ich im Gras, erfrischt den Geist, erfrischt die Lunge
Bis ich merke, ich liege in aufgeweichten Kippenstummeln

Es würde sich nicht lohnen, mehr Lieder zu zitieren, da stumme Zeilen beim „Schauspielrap“ ihre Magie verlieren. Aus diesem Grund ist zu empfehlen, die Videos in den Links auszuchecken und sich selbst eine Meinung zu bilden; danach auch gerne noch die Auswahl in der Sidebar zu beachten und sich weitere Videos anzuschauen (wie zum Beispiel das Lied Was der Bauer nicht kennt oder Trauerfeier Lied [sic!]).

Übrigens, in Interviews wie diesem zeigt sich Alligatoah ruhig, freundlich und lässig. Er beantwortet alle Fragen in einem eleganten Stil und mit einem solch ausgewählten Inventar an Worten, dass sich das Anhören der Interviews fast ebenso unterhaltsam anfühlt wie seine Lieder selbst.

Für alle Deutsch als Fremdsprache-Studierenden kann Alligatoahs Musik frischen Wind in Richtung mehr Lust und Motivation beim Lernen bedeuten. Die deutsche Sprache ist eine wunderbar komplizierte, aber auch kreativitätsfördernde Sprache. Es wäre schade, diese Seite des Deutschen nicht kennenzulernen.

(Aus Rücksicht auf die Wohlerzogenheit des Germanistischen Magazins soll hier Alligatoahs Mitarbeit an unzähligen Songs der Band Trailerpark trotz deren genialen Umgangs mit Wörtern und Klängen nicht näher erörtert werden.)

/Christiana Gules/

* Alle Zitate stammen von Alligatoahs offizieller Website. Empfehlenswert ist auf jeden Fall sein YoutubeChannel. Da hat nämlich alles angefangen.

Gastvortrag über Arthur Schnitzlers Novelle Casanovas Heimfahrt

Die Reihe der Gastvorträge am Lehrstuhl für Österreichische Literatur und Kultur setzt sich am 6. April 2016 fort. Univ.-Prof. Dr. Barbara Neymeyr von der Universität Klagenfurt besucht unser Institut und präsentiert einen Vortrag mit dem Titel „Die Entzauberung des Mythos. Arthur Schnitzlers Novelle Casanovas Heimfahrt als subversive Charakterstudie im Spannungsfeld intertextueller Bezüge vom Barock bis zur Décadence“.

Dabei wird Frau Neymeyr die Strategien untersuchen, mit denen der Protagonist der Novelle seine altersbedingte Identitätskrise und den Verlust seiner Aura kompensieren will. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der aufschlussreichen Interaktion zwischen Casanova und Marcolina sowie der Rivalität Casanovas im Hinblick auf Lorenzi und Voltaire. Anschließend werden die intertextuellen Bezüge zu Werken von Goethe, Kleist und Thomas Mann entfaltet, die Schnitzlers Novelle in einem facettenreichen kulturellen Horizont situieren.

Der Vortrag findet am Mittwoch, den 06. April 2016, um 12:00 Uhr im Konferenzraum der Fakultät (Kari konferenciaterem im Ady-Gebäude) statt.

Alle Interessierten sind herzlichst willkommen!

/Christiana Gules/

Die Lolita-Generation

Gedanken über uns im November 2015

Am 13. November kam es in Paris zu einem der brutalsten Attentate in der europäischen Geschichte und versetzte die Menschen in tiefe Trauer und Fassungslosigkeit. Einen Tag darauf postete der Moderator (ZDF; neo) Jan Böhmermann auf seiner Facebook-Seite 100 Fragen zum Thema und fügte hinzu: „Keine Antworten“. Seine ersten Fragen lauteten „Warum?“, “Warum hat das niemand verhindert?“, „Wozu die ganze Polizei, Überwachung, all die Geheimdienste und Militäreinsätze?“, „Was sind das nur für Typen?“

Einer seiner Follower kommentierte:

”Ich weiß nicht, ob dir das wirklich immer so bewusst ist, aber du bist auch abseits von Memes und Blödeleien zu einer Instanz für einen Teil der jungen Menschen in Deutschland geworden. Du und alle Menschen, mit denen du zusammenarbeitest, ihr gebt uns immer wieder die Möglichkeit, einen Moment inne zu halten und von Außen [sic!?] auf das zu schauen, was passiert. Ein Lächeln, auch an schwierigen Tagen.”

Die Welt reagiert auch, nimmt sich die 100 Fragen vor, beantwortet sie und nennt den Artikel “Ein Dialog über die Naivität”.

Stichwort „Naivität“: Böhmermanns Fragen sind weder die eines Politikers noch die eines Terror-Experten. Diese Fragen hört man auch auf der Straße, liest man in den Online-Kommentaren, spricht sie vielleicht auch selber aus. Es sind naive Fragen, zugegeben, aber humane Fragen. Dahinter steht kein versteckter Rassismus, Fremdenhass oder Aufruf zu aggressiver Gegenreaktion. Es sind gutgemeinte, besorgte Fragen, mit dem Wunsch zu begreifen, was passiert ist. Wir sind in einer Welt groß geworden, wo es Frieden, Bio-Essen, Kunst, Yoga-Work-outs und Jutebeutel gibt. Gewaltsame Verbrechen finden nur marginal statt, sobald einer schreit, aggressiv oder brutal wird, wird er gleich verachtet. Wir stehen für Toleranz, Emanzipation und wünschen jedem sein Glück. Klar, die eine oder andere Eifersucht ist da noch vorhanden, doch keiner von uns aufgeklärten, menschenfreundlichen jungen Philanthropen würde sich jetzt für einen T-Shirt prügeln.

Unsere – und wenn ich „wir“ oder „unsere“ sage, meine ich nicht nur die geringe Anzahl von Studierenden, sondern alle Anfang-/Mitte-20jährigen, unabhängig von ihrer Ausbildung! (wichtiger Hinweis für den Leser! 😉 ) – (unsere) Generation also wird vielleicht noch mehr von ihren Künstleridolen beeinflusst als alle anderen Generationen bisher. Die Musik kommt nicht mehr nur durch das Radio. Das Musikvideo ist gar nicht mehr wegzudenken. Dazu kommt noch die ständige Präsenz des Künstlers auf Social-Media-Plattformen. Die Fans können sich die Lieder ihrer Idole nicht nur jederzeit anhören, sondern quasi in real-time (Echtzeit) online mit ihnen gemeinsam erleben – man denke an das Mitteilen von unsinnigen, aber unterhaltsamen Katzenvideos oder kurze Einblicke aus dem Studio.

Was prägt unseren Mainstream-Musikgeschmack? Um diese Frage zu beantworten, muss man heute gar nicht mehr auf die Straße gehen und eine Umfrage machen. Die Viewer- bzw. Like- Zahlen unter den Videos sprechen schon für sich. Böhmermann ist zwar kein Sänger, nur eine relativ bekannte Medienpersönlichkeit, die auch den einen oder anderen Song gesungen hat. Für folgende Auseinandersetzungen möchte ich aber auf zwei Künstler eingehen, die sich unmittelbar durch Kunst, und nicht durch Kritik äußern. Es sollen Künstler genannt werden, die die Sprache dieser Generation sprechen, ohne einfach nur Popmusik zu machen.

Den ganz großen Skandal lieferte Miley Cyrus, als sie sich als Feministin äußerte und, im Namen aller ihrer Followers, das folgende Statement sang:

„It’s our party we can do what we want, we can say what we want, we can love who we want, We can kiss who we want
We can sing what we want“

In dem Musikvideo zu We can’t stop zeigt sie sich in Kinderkleidung, spielt mit riesigen Plüschtieren und tanzt dabei wie eine professionelle Striptease-Tänzerin. Mit ihrem offensichtlich infantilen Benehmen besingt sie Selbstständigkeit, Hedonismus, Individualität und Freiheit. Doch sieht man sich ihre gemeinsame Live-Performance mit Robin Tricke bei den VMAs (Video Music Awards) 2013 an, kann man auch an  so Manches denken, unter anderen an Lolita.

Quasi gleichzeitig mit Miley erscheint auch in der deutschen Musikszene ein junger Künstler: der Panda-Rapper Cro. Das böse Spiel mit der niedlichen Pandamaske, darauf ein nach unten gedrehtes schwarzes Kreuz und dazu noch die lässigen, easy-going Songs des Rappers machen ihn zum beliebten Rapper der Jugendlichen (Interessierte möchten gern bei Wikipedia unter Cro/Diskografie nachschlagen). Das Infantil-Hedonistische bei Cro ist gleich in seinem meistbekannten Video Einmal um die Welt von 2012 zu sehen. Dabei sieht man zwei kleine Kinder, ein Mädchen und einen Jungen, beide in typischen Klammotten der Jugendlichen, und der Junge mit der Panda-Maske auf dem Kopf. Dabei reisen sie um die Welt, lieben sich und geben Geld für Kleider, Kaviar, Autos, Schuhe usw. aus – also alles, was sich eher Teenager und junge Erwachsene wünschen würden.

In  Lolita (Autor: Vladimir Nabokov, erschienen 1955) wird beschrieben, wie das frühreife junge Mädchen mit ihrer Sexualität einen erwachsenen Mann manipuliert. Sie vermischt auf eine bewusste und spielerische Weise ihre Infantilität mit ihrer erwachsenen Zielstrebigkeit. Ein schönes Spiel, das jedoch kein gutes Ende verspricht. Trotz ihrer Frühreife ist Lolita unerfahren, naiv und unvorbereitet. Sagt man so etwas nicht auch über uns, wenn wir halbnackte Selfies online posten? Gehören wir zu dem Lolita-Club, wenn wir Experten in Twerking (Wackeln mit dem Hintern) sind, aber keine Ahnung von Politik oder Wirtschaft haben? Ist es tatsächlich wahr, dass wir nur groß gewordene Kinder sind, die keinen Bock haben, morgens aufzustehen, unseren narzisstischen Ego-Kult mithilfe unseres Smartphones auf verschiedenen Social Media-Plattformen zu pflegen und dann in vollkommene Verzweiflung geraten, wenn es zu Konfrontationen mit der Grausamkeit der Wirklichkeit kommt?

Es ist ein Trend, sich als lockerer Skater zu inszenieren und tolerant zu sein (Caitlyn Jenner wurde von der Zeitschrift Glamour zu Woman of the Year 2015 gekürt.). Viele leben immer noch bei ihren Eltern, sind unmündige Erwachsene. Man sagt, die Jugend von heute tauge nichts, sie gehe den Bach runter… Doch wer solch ein Urteil fällt, klassifiziert sich selbst, denn diejenigen, die das behaupten und heute die Macht haben, haben diese Generation großgezogen und werden morgen die Aufgaben eben uns geben müssen.

Zurück zu Böhmermanns „naiven“ Fragen. Sein Post wurde von knapp 110.000 Personen geliked. Anscheinend fanden 110.000 junge Leute darin eine Anregung, sich selbst mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Vielleicht haben sie sie sich auch selbst schon mal gestellt, unsicher und leise. Nun sehen sie, dass auch jemand anderes das gleiche denkt wie sie, dass sogar viele Leute das Gleiche denken. Es entsteht eine Gemeinschaft, die sich mit ihren Ängsten auseinandersetzt, gemeinsam und auf eine friedliche Weise. Es spielt keine Rolle, dass diese Leute dann am nächsten Wochenende nach ihren langen Stunden freiwilliger Arbeit sich mit Freunden treffen, zwei Joints rauchen und Prayer in C von Robert Schulz mitsingen. Viel wichtiger ist, dass sie empfindlich auf gesellschaftliche Dilemmas reagieren und diese auch besprechen. Und vielleicht liegt eben in diesem Zustand, gleichzeitig infantil und erwachsen zu sein, das Geheimnis, das uns dazu führen kann, gemeinsam Tyrannei, Hass und Gewalt zu bewältigen.

/Christiana Gules/

https://www.facebook.com/jboehmermann/posts/1075651622467360

Quelle des Beitragsbildes: paperthinpersonas.com

Entlang der Flüchtlingskrise

Auf dem Weg aus Ungarn nach Deutschland

In den letzten Monaten wurde in Europa über nichts anderes heftiger diskutiert als über die Flüchtlingskrise. Diesen Sommer machten sich plötzlich Tausende von Menschen aus Kriegsgebieten gemeinsam auf den Weg zu einem Leben in Frieden und Sicherheit. Ihr Ziel war Westeuropa. Ende Juni erreichten sie die Grenzen der Europäischen Union. An Ungarns südlicher Grenze, in der Nähe von Szeged. Drei Monate danach hatte ich etwas Gemeinsames mit den Flüchtlingen. Ich plante auch nach Deutschland zu reisen. Der Unterschied war: ich musste und sie wollten.

Szeged, Sommer 2015

Als ich am 30. Juni nach einem Stipendienaufenthalt in Wien nach Szeged zurückgekehrt bin, traf ich am Bahnhof auf einige Leute, die innerhalb der folgenden Tage die Gruppe „MigSzol“[1] zum Leben erwecken sollten. Es waren Pädagogen und Dozenten, Schülerinnen und Schüler, Studierende, die sich versammelt haben, um Flüchtlingen mit Lebensmittel, Medikamenten und Kleidern zu helfen. Trotz der ausländerfeindlichen Plakate und mancher Kommentare von Passanten war es für die Freiwilligen keine Frage, diesen Menschen zu helfen. Über ihre Arbeit erschien Mitte Juli die erste Reportage in deutscher Sprache, auf derstandard.at[2].

Während der Sommerzeit war ich nicht in Szeged. Ich sah aber die Medienberichte einflussreicher Zeitungen, begegnete Leuten, die die Slogans der Hasspolitik der Regierung rezitierten und erfuhr regelmäßig über die Leistungen der Gruppe MigSzol durch Freunde und Bekannten, die Tag und Nacht als Freiwillige in direktem Kontakt mit den Flüchtlingen standen. Mich erreichten die unterschiedlichsten und widersprüchlichsten Informationen zu einem und demselben Thema. Und jeder trat im Bewusstsein auf, genau Bescheid zu wissen.

Doch ich hatte meine Zweifel. Ich war gerade nach einem viermonatigen Auslandssemester endlich wieder Zuhause bei meiner Familie angekommen. Ich musste aber studienbedingt schon an das nächste Semester denken. Fünf weitere Monate im Ausland, in Deutschland.

Eigentlich hatte auch ich eine Ahnung von der Welt um mich herum. Ich wusste ganz genau: die einzig richtige Einstellung zu der aktuellen Situation ist Humanität zu zeigen und den Umständen entsprechend Hilfe anzubieten und zu leisten. Ich hatte aber auch Angst. Mittlerweile kamen mehrere hundert Menschen jeden Tag an. Wie lange würde das dauern? Wie viele werden es sein? Wie verändert sich unser Leben? Ich wusste ganz genau, es ist nichts zu befürchten, doch wenn man ständig mit hetzenden Propagandaplakaten konfrontiert wird, wird man verunsichert.

Der Semesteranfang

Brot + Butter + Käse + Paprika. Hunderte von Sandwiches wurden aus diesen Zutaten an einem Tag gemacht. Inzwischen fing die Uni wieder an, die Freiwilligen arbeiteten in Schichten, da man nach den Sommerfreien nun wieder lehren und lernen musste. Während wir die Sandwiches vorbereiteten, damit sie mit dem Auto nach Röszke gebracht werden, diskutierten die anderen heftig darüber, was nun passieren wird, wenn die Regierung den Zaun an der Grenze aufrichtet. Meine Gedanken drehten sich aber um den Zugverkehr.  Ich hatte mein Ticket nach Kassel schon vor Wochen gekauft und nun gab es für unbestimmte Zeit keinen regelmäßigen Zugverkehr. Seit Tagen fuhr überhaupt kein Zug nach Deutschland. Ich war versunken in meinem kleinen Ich-zentrierten Dilemma, stellte mir grausame Situationen vor, wie ich in einem Waggon voller Flüchtlinge sitze. Ein 12stündiger, klaustrofobischer Albtraum.

Ich schaute auf und sah die Hinwendung und Selbstlosigkeit der anderen Freiwilligen und hatte ein merkwürdiges Gefühl. Ich schämte mich. Schuldgefühl überfiel mich auch. Dann aber dachte ich wiederum an meine Eltern, die sich noch größere Sorgen machten als ich selber.

Ich entschied mich für das Flugzeug und kam ohne Zwischenfälle in Kassel an. Ungefähr gleichzeitig verstummten plötzlich die Medien. Es wurde kaum über Ungarn und Migration berichtet. Von Freunden wusste ich, MigSzol macht an der Grenze zu Serbien-Kroatien weiter. In den Medien rückte nun das Asylverfahren in Deutschland zum führenden Thema an. Und Donald Trump…

Auf dem Campus

In Deutschland fing das Semester wie gewöhnlich an. Die ersten Erasmus-Partys fanden statt. Einander kennen lernen und neue WhatsApp-Bekanntschaften schließen. Als es dazu kam, meine Heimatstadt zu nennen, reagierten manche mit gehobenen  Augenbrauen: „Aha, Szeged. Hm…“.

Man verfolgte den Live-Ticker, wusste alles über die Ereignisse im Sommer, doch merkwürdigerweise hatte man kaum Informationen über die Leistungen der Gruppe MigSzol. Nachdem das Thema Ungarn und die Flüchtlingskrise innerhalb von 5 Minuten ins Gespräch kam, war mir klar, was ich zu tun hatte: Die Leute aufklären, dass Politiker und Bürger nicht für ein und dasselbe stehen.

Nach der ersten Woche war das alles kein Thema mehr. Als Gaststudentin und Erasmus-Stipendiatin integrierte ich mich vollständig in das Biotop „Campus“. Die Außenwelt geriet in den Hintergrund.

Ich verstehe nicht viel von Politik oder Wirtschaft. Ich weiß nur, dass in den folgenden Tagen kaum noch etwas über Flüchtlinge in ungarischen Medien zu lesen gab. Doch die Bekannten, die im Sommer als Freiwillige geholfen haben, posten manchmal immer noch Infos über die Lage an den Grenzen. Deutsche Medien berichten weiterhin über die Schwierigkeiten beim  Asylverfahren. Fahre ich mit der Bahn nach Göttingen, begegne ich regelmäßig erschöpften asylsuchenden Kindern, Frauen und Männern, die mit Rucksäcken und Koffern auf der Durchreise sind…

Am 16. Oktober dieses Jahres erschien ein Musikvideo der Band OK Kid als eine Art Kritik an der heutigen deutschen Gesellschaft. Das Thema Einwanderung wird dabei auch angesprochen. Schade, dass es in Ungarn (momentan) keine ähnlichen Engagements gibt, die (nicht nur) der Jugend in einem breiteren Kreis einen Spiegel vor der Nase hält.

 

 

/Christiana Gules/

[1] MigSzol ist die Abkürzung für Migráns Szolidaritás, d. h. Migrant Solidarity Group of Hungary: http://www.migszol.com/index.html

[2] http://derstandard.at/2000019378670/Oase-der-Menschlichkeit-in-Ungarn

Stille Schreie in der Schärfe der Nacht

Gedanken zu Till Lindemanns “Die Gedichte” (2015)

Sänger und Songwriter, Frontmann der Band Rammstein. Till Lindemann ist inzwischen seit mehr als 20 Jahren einer der bekanntesten deutschen Rocker. Nicht nur seine Stimme und seine Texte erregen Aufmerksamkeit – seine ganze Präsenz, seine Performance bei den Konzerten tragen dazu bei, dass sich die Leute ein mehr oder weniger einheitliches Bild von ihm bilden: stark, wild, brutal. Manchmal beängstigend, manchmal mitleiderregend. Doch dass Till Lindemann auch ohne die brachiale Musik Gedicht verfasst, ist wenigen bekannt. Im Frühjahr 2015 erschien die Taschenbuchausgabe seiner zwei bislang erschienenen Gedichtbände: Messer (2005) und In stillen Nächten (2013).

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Nicht für Unterhaltung gedacht

Wer dieses Taschenbuch in die Hände nimmt, muss sich auf romantisch-schöne Obszönitäten gefasst machen. Die Form der Gedichte erinnert stark an die von Heine oder Eichendorff, ähnlich auch der Rhythmus und die Reime.

„und wenn mir nachts die Sonne scheint
ist niemand da
der mit mir weint“

(Auszug aus Messer S.10)

Es liegt aber an den Bildern und Motiven, die oft abstoßend wirken können. Das zentrale Motiv ist der Mann, der psychisch von der Frau dominiert wird. Kalte Fische, verwirrende Tänze und freche 17-Jährige, die den alternden Mann auslachen, ergeben die Grundthematik der Lindemann-Lyrik. Es wird über den Konflikt zwischen Mann und Frau, Geliebte und Hure gesungen, wobei der Mann manchmal ein trauerndes Opfer, manchmal ein gewalttätiger Psychopath ist. Lindemann nimmt kein Blatt vor den Mund. Allegorien und Metapher kommen oft zusammen mit expliziten Bildern vor:

„Einmal öffnet sich der Schoß
zweimal toll von Sinnenraub
dreimal fiel ein Kind ins Moos
tausendmal mein Herz zu Staub“

(Sehr oft, S.127)

Die Frustration und Angst des lyrischen Ichs greift über die Beziehungen zu anderen hinaus. Lindemann thematisiert Schmerz und Leid auf eine Weise, die man vielleicht am wenigsten von ihm erwarten würde: An manchen Stellen besingt er, wie das lyrische Ich sich selbst Schaden antut, nur um das Leben in sich zu spüren. Sogar Hardcore Rammstein-Fans könnte das zu viel sein. Diese Zeilen deuten auf eine hochsensible Verwundbarkeit in Lindemanns Seele hin, die bislang kaum vorstellbar war.

Erkenntnis und Erlebnis

Das Band In stillen Nächten ist eine Kooperation zwischen Lindemann und Matthias Matthies, einem deutschen Illustrator. Von ihm stammen die ungewöhnlichen, für manche Leser „unverschämte“ Illustrationen des Bandes. Nicht nur die Bilder bedeuten eine interessante Änderung in der Gestaltung des Gedichtbandes, auch der aus den Rammstein-Liedern bekannte schwarze Humor Lindemanns ist öfters zu erkennen:

„Ein schnelles Wort das Ja
ich hab Treue ihr geschworen
sind wir ans Meer gefahren
das Wort im Sand verloren“

(Ja, S. 210)

Messer und In stillen Nächten sind eigene Projekte von Lindemann. Sie haben nur wenig mit dem Stil von Rammstein zu tun. Fans können jedoch das eine oder andere gemeinsame Merkmal doch erkennen, sei es in gleich klingenden Zeilen oder in der thematisierten Konfliktsituation. Eigentlich drehen sich alle Gedichte um dieselbe Thematik: die Midlife-Krise eines Mannes. Gedanken zur Kastrationsangst. Unsicherheit und Hass, Suche nach der Liebe und Unzufriedenheit.

Was hat ein Germanistikstudent von diesem Gedichtband? Es ist schwer zu sagen. Wer Rammstein kennt, der würde sich bestimmt freuen, auch diese Seite des Textverfassers der Band kennenzulernen. Abgesehen von manchen Bildern und den expressiven Illustrationen ergeben die Gedichte eine schöne Brücke zwischen den klassischen Gedichten, die wir als Pflichtlektüre zu lesen haben, und dem aktuellen Stand der deutschen Lyrik.

Das Buch ist allen zu empfehlen, die Mut zur gewagten Poesie haben.

 

/Christiana Gules/

 

Das Buch ist erhältlich bei Amazon:

http://www.amazon.de/Die-Gedichte-Messer-stillen-N%C3%A4chten/dp/3462047779/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1430678958&sr=1-1&keywords=till+lindemann+die+gedichte

 

Angaben zum Buch:

Till Lindemann: Die Gedichte. Messer. In stillen Nächten. Köln: Kiepenheuer&Witsch 2015

 

Fotos: Christiana Gules

Die Bundeskanzlerin ist Doctor Honoris Causa der Universität Szeged

Dr. Angela Merkel an der Andrássy Universität Budapest

Rund 120 Studenten von sechs renommierten ungarischen Universitäten applaudierten der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel am 2. Februar 2015 zu, als Prof. Dr. Gábor Szabó, Rektor der Universität Szeged, ihr die Ehrendoktorwürde überreicht hatte. Der aufschlussreichen Dankesrede der Kanzlerin folgte eine anregende Diskussionsrunde mit den ungarischen Studierenden. Zum Abschluss der Veranstaltung wurde Frau Merkel die Große Andrássy-Medaille von Prof. Dr. András Masát, dem Rektor der Andrássy Universität, übergeben. Die Veranstaltung moderierte Prorektor Prof. Dr. Hendrik Hansen.

Schon 2013 entschied sich der Senat der Universität Szeged, Angela Merkel die Würde des  Ehrendoktors zu verleihen. Zu dieser Entscheidung führten vielfache Anerkennungen der Verdienste der Bundeskanzlerin. Der traditionelle Talar, den Angela Merkel von der Vizerektorin für Bildung, Prof. Dr. Krisztina Karsai überreicht bekam, trägt die drei symbolischen Farben der Fakultäten, die die Verdienste anerkannt haben. Gold steht für die Juristische Fakultät, die die politischen Errungenschaften der Kanzlerin verehrt. Die Anerkennung der Naturwissenschaftlichen Fakultät repräsentiert die grüne Farbe, wobei die wissenschaftliche Arbeit als Physik-Forscherin gewürdigt wird. Schließlich symbolisiert das Königsblau die Dankbarkeit der Philosophischen Fakultät für die Förderung der deutsch-ungarischen Beziehungen in Kultur und Geschichte.

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„Ohne die Wende, ohne die friedliche Revolution wäre ich, glaube ich, nie in die Politik gekommen.“

Die Alma Mater der Bundeskanzlerin ist die Universität Leipzig. Seit den 1970er Jahren arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der DDR und 1990 startete ihre politische Karriere. Während der Regierung von Helmuth Kohl avancierte Angela Merkel zu Bundesministerin für Frauen und Jugend, danach war sie für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit verantwortlich. 2000 übernimmt Angela Merkel die Rolle der Vorsitzenden der CDU (Christlich Demokratische Union Deutschlands), und seit 2005 bekleidet sie das Amt der Bundeskanzlerin.

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Angela Merkel kann den deutschen Akzent international einbringen

Die Bundeskanzlerin bedankte sich in einer umfassenden Rede für die Verleihung der Ehrendoktorwürde. Dabei erwähnte sie die historischen liberalen und demokratischen Wurzeln Ungarns und, indem sie György Konrád zitierte, platzierte sie Ungarn in den aktuellen europäischen Kontext. „Wir sind reich, weil wir diesen bunten Garten haben.“ Der bunte Garten steht für Europa, für die Gemeinschaft, die aus Vielfalt, Pluralität und Weltoffenheit besteht. Um diese Werte zu bewahren, weist Angela Merkel darauf hin, dass nach Frieden und Freiheit bestrebt werden. Leider seien diese Begriffe, wie die Bundeskanzlerin betonte, keine Selbstverständlichkeiten. Dabei verweist sie auf die aktuellen Ereignisse in Paris und Deutschland (die Tragödie der Charlie Hebdo und PEGIDA). Jedoch soll der islamische Terrorismus nicht mit Ausländerfeindlichkeit und Gewalt bewältigt werden. Wie bedeutend die Stelle der deutschen Kanzlerin in der europäischen Politik ist, zeigt ihre ausgewogene und demokratische Einstellung. In der Opposition soll nicht ein Feind, sondern ein Gegner und ein Mitbewerber gesehen werden, meint sie. Im Laufe einer Zusammenarbeit sollen Kompromisse gefunden werden und somit das „Lebensprinzip“ der Europäer, „das [Prinzip] der Demokratie, der Vielfalt, der Weltoffenheit, der Toleranz“ verwirklicht werden.angela merkel_hendrik hansen_ancsin gábor

Ratschläge der Bundeskanzlerin an die ungarischen Studierenden

In der anschließenden Diskussionsrunde bot sich die Möglichkeit für Studierende, Fragen an die Bundeskanzlerin zu richten. Neben politisch und wirtschaftlich orientierten Fragen interessierten sich die Studenten und Studentinnen dafür, was für Bücher die Bundeskanzlerin zum Beispiel zuletzt gelesen hat oder auf welche Weise sie Stress abbaut. Als Wegweiser schenkte die Bundeskanzlerin den Studierenden mehrere Ratschläge: Ein richtiges Studium und Praxis gelten als grundsätzliche Basis für eine erfolgreiche Karriere, Schlaf und Erholung sollen nie fehlen, aber das Wichtigste ist, dass man dabei, was man tut, immer Spaß und Freude an der Arbeit hat. Als junge Frauen soll man Niederlagen oder Rückschläge nie als persönliche Beleidigungen sehen, sondern als natürliche Phasen, die einen zur Verbesserung verhelfen.

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Dem knapp einstündigen Besuch an der Andrássy Universität Budapest folgte eine Visite bei der  Großen Synagoge. Am nächsten Tag reiste schon die Bundeskanzlerin Angela Merkel in Gesellschaft des französischen Präsidenten François Hollande nach Moskau. Wichtige Verhandlungen mit Wladimir Putin standen angesichts der Ukraine-Krise bevor.

 

/Christiana Gules/

 Fotos: Andrássy Universität Budapest / Gábor Ancsin

http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Rede/2015/02/2015-02-02-merkel-budapest.html

https://www.u-szeged.hu/sztehirek/2015-januar/atvette-szte-diszdoktori

http://www.ustream.tv/channel/merkel-an-andrassy-uni

https://www.flickr.com/photos/kepszerkesztoseg/sets/72157650197613898/

Interdisziplinäre Literaturwissenschaft: Die biologisch-kognitiven Grundlagen narrativer Motivierung

Abschlusskonferenz der Institutspartnerschaft zwischen dem Göttinger Deutschen Seminar und dem Szegediner Institut für Germanistik

Seit gut zwei Jahren ist die Forschungsgruppe für Kognitive Poetik unter der Führung unserer Dozentin Dr. Márta Horváth an der Philosophischen Fakultät der Szegeder Universität tätig. Angefangen mit der Konferenz „Universalien“ (Szeged 2012, organisiert von Dr. habil. Endre Hárs, Dr. Márta Horváth und Dr. Erzsébet Szabó), bereichert durch die Erscheinung des Bandes Kognitive Literaturwissenschaft (Helikon 2013/2, herausgegeben von Márta Horváth und Erzsébet Szabó) und mit der Initiative, eine Reihe von kognitiv-psychologischen Vorträgen an der Philologischen Fakultät Szeged zu organisieren, ist die aktive Präsenz und motivierte Tätigkeit der Forschungsgruppe nicht zu übersehen. Das Interesse der Mitglieder deckt eine große Vielfalt interdisziplinärer Ansätze in Randgebieten der Literaturwissenschaft, Psychologie, Medienwissenschaft und Evolutionsbiologie ab. Mit einer laufenden Vortragsreihe bezweckt die Forschungsgruppe die Studierenden auf diese neue Richtung der interdisziplinären Forschung neugierig zu machen.

Nach dem letzten offiziellen Auftreten der Forschungsgruppe am 11. Februar (GeMa berichtete1) folgte zwischen dem 3. und 5. September 2014 eine internationale Tagung in Göttingen, die die Abschlusskonferenz des Humboldt-Projekts „Die biologisch-kognitiven Grundlagen narrativer Motivierung” war. Frau Horváth organisierte die Tagung zusammen mit Dr. habil. Katja Mellmann aus Göttingen. Kurz nach dem erfolgreichen Abschluss der Konferenz hatte GeMa die Gelegenheit, mit Frau Horváth über ihre Erlebnisse zu sprechen.

Die Tagung gilt als Höhepunkt einer langwierigen Zusammenarbeit. Dabei ging es ganz konkret um einen bestimmten Aspekt der kognitionspsychologischen Fragestellung innerhalb der Literaturwissenschaft: die narrative Motivierung. Was hat Sie und Frau Mellmann motiviert, sich mit diesem Problembereich zu beschäftigen bzw. eine ganze Tagung im Sinne dessen zu organisieren?

Wir haben mit der Göttinger Projektleiterin ein Thema gesucht, das ein grundlegendes Thema der Narratologie ist – wir interessierten uns nämlich beide hauptsächlich für Erzähltexte –, und da ich damals zwei Projektanträge im Thema Kohärenzstiftung in Deutschland eingereicht habe, schien es auf der Hand zu liegen, dieses Thema gemeinsam zu bearbeiten. Der erzähltheoretische Begriff „Motivierung“ ist gut geeignet dazu, die Untersuchungen Richtung Leser zu öffnen, da selbst Matías Martínez, der den Begriff nach Clemens Lugowski in die moderne literaturwissenschaftliche Diskussion eingeführt hat, betont, dass die logische Beziehung zwischen zwei Ereignissen im Text oft nicht explizit beschrieben wird, sondern vom Leser hinzuimaginiert wird. Von diesem Konzept ausgehend, haben wir die Frage nach solchen kognitiven Mechanismen des Lesers gestellt, die eine wichtige Rolle in der Verarbeitung des Textes spielen. Anders gesagt, uns interessierte, wie im Kopf des Lesers beim Lesen des Textes überhaupt eine kohärente Geschichte zustande kommt. Da Frau Mellmann sich schon damals seit vielen Jahren mit Literaturpsychologie beschäftigte – sie hat ihre Dissertation über die emotionale Wirkung literarischer Texte geschrieben –hat sie für unsere Gruppe hier in Szeged viele Impulse die theoretischen Ansätze betreffend geben können.

Es ist tatsächlich eine der wichtigsten Kriterien einer guten Kooperation, dass zwei Personen aufeinandertreffen, die ähnliche Interessen haben und gut zusammenarbeiten können. Wie und wann haben Sie Frau Mellmann kennengelernt und wie kamen Sie zu der Idee ein gemeinsames Projekt zu organisieren?

Es ist eigentlich schon ziemlich lange her, dass ich Frau Mellmann kennen lernte, es geschah im Jahre 2008. Damals hat sich mein Interesse für die biologische Literaturwissenschaft herauskristallisiert, ich hatte nämlich die Intuition, dass es nicht stimmen kann, dass alles Diskurs ist und dass alles, was der moderne Mensch produziert, kulturabhängig ist – wichtige Thesen der damaligen Kulturwissenschaften. Ich dachte, und dabei spielte wahrscheinlich auch die Tatsache eine Rolle, dass mein Mann Biologe ist, dass Kultur irgendwo auch ihre biologischen Wurzel hat, die zu erforschen eine spannende Aufgabe ist. Ich suchte zuerst im Internet nach Literatur, so habe ich ein CfP von Frau Mellmann gefunden, in dem sie Vortragende für eine Konferenz eben im Forschungsthema „Biopoetik“ suchte. Ich schrieb ihr eine E-Mail, in der ich sie um Fachliteratur über die biologische Literaturwissenschaft bat. Wir fingen an miteinander Briefe zu wechseln, führten Gespräche über kognitive Ansätze und evolutionsbiologische Theorien ausserdem besuchte ich sie mehrmals in Göttingen im Rahmen des Erasmus teaching-mobility Programms. Während unseren Gesprächen und unter Mitwirkung von Professor Gerhard Lauer kamen wir zu der Idee, ein kognitiv-poetisches Projekt gemeinsam zu machen. Da ich vorher das Roman-Herzog-Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung gewonnen habe und somit Humboldtianerin war, lag es auf der Hand einen Antrag bei der Humboldt-Stiftung einzureichen, das uns zu unserer großen Freude auch zugesagt wurde. So kam es zu unserer Institutpartnerschaft und zu dieser Tagung in Göttingen.

Der genaue Titel des bilateralen Humboldt-Projekts heißt: „Die biologisch-kognitiven Grundlagen narrativer Motivierung“. Könnten Sie uns bitte näher erläutern, inwieweit Literaturwissenschaftler mit biologisch-kognitiven Theorien arbeiten können?

Wenn ein Literaturwissenschaftler kognitionistisch arbeitet, heißt es immer, dass er ins Zentrum seiner Untersuchungen den Leser stellt, und danach fragt, wie der Leser den literarischen Text verarbeitet. Mit einem Wort betreibt er Rezeptionstheorie. Die Rezeptionstheorie hat eine lange Geschichte, aber auch die kognitive Rezeptionstheorie ist nicht sehr neu: schon in den 90-er Jahren wurden Aufsätze darüber geschrieben, welche Rolle kulturell erworbene Schemata und Scripts bei der Textverarbeitung spielen. Was in unserem Ansatz einigermaßen neuartig ist, dass wir uns eben nicht mit kulturell erworbenen Schemata beschäftigen wollten, sondern uns interessierten jene kognitive Mechanismen des Lesers, die angeboren sind und deshalb universal, oder fast-universal sind. Ein solcher Mechanismus ist z.B. das kausale Denken: Der Mensch denkt immer in kausalen Beziehungen, weil es seine Überlebenschancen vergrößert hat, da er sich nämlich durch Ursachenattribution auf zukünftige Ereignisse vorbereiten konnte. Die Ursachenzuschreibung spielt unseres Erachtens auch im Lesen von literarischen Erzähltexten eine wichtige Rolle: wenn zwei Ereignisse in einer Erzählung nacheinander folgen, dann neigen wir dazu, diese zwei Ereignisse auch kausal aufeinander zu beziehen und sie als Ursache und Wirkung verstehen, auch wenn es im Text so nicht steht. Da mehrere solche Mechanismen eine wichtige Rolle bei der Kohärenzstiftung spielen, hatten wir vor, diese einzeln und möglichst in Bezug auf konkrete literarische Erzähltexte zu untersuchen. Das heißt, biologisch ist hier als evolutionär zu verstehen.

Viele formulieren den Vorwurf dieser intzerdisziplinären Herangehensweise gegenüber, dass man sich oft mit den Ergebnissen solcher Disziplinenarbeitet, von denen man nichts versteht. Aber die meisten tun es nicht. Ich persönlich würde mich z.B. nicht auf ein Terrain wagen, wo ich mich gar nicht auskenne und die Richtigkeit der Thesen bzw. der Folgerungen nicht kontrollieren kann, wie zB. bei der Neurologie. Im Gegensatz dazu gehört meiner Meinung nach Psychologie zu unserer grundlegenden Ausbildung, ich jedenfalls studierte Psychologie zwei Jahre lang als Pflichtfach während meines Studiums. Mit diesen Grundlagen kann man dann einfach die entsprechenden Bücher aussuchen und lesen. Was wir also machen, ist eine Mischung von Literaturwissenschaft, Evolutionspsychologie und Kognitionspsychologie, alles gut zu verfolgen mit einer Grundausbildung für Lehramt-Studenten und mit starkem Interesse und viel Lesezeit.

Wir haben allerdings tatsächlich bemerkt, dass der Begriff „biologisch-kognitiv“ leicht missverständlich ist die Zuhörer etwas befremdet und solche Assoziationsfelder öffnet, die in eine falsche, von uns gar nicht gemeinte Richtung zeigen können. Deshalb überlegten wir diesen Titel in der Zukunft etwas umzuformulieren.

In ihrem Vortrag haben Sie sich mit der Funktion des Realitätseffektes beschäftigt. Könnten sie uns kurz erläutern, was wir genau darunter verstehen sollen?

In meinem Vortrag „Die Funktion des Realitätseffekts in der Motivierungsstruktur von Erzähltexten“ versuchte ich einen Schritt in eine Richtung zu tun, die ein Grundlagenproblem der kognitiven Rezeptionstheorie darstellt: dem Phänomen der Immersion nachzugehen. Unter Immersion soll man den mentalen Zustand des Lesers verstehen, wenn er so tief in die fiktive Welt des jeweiligen Erzähltextes eintaucht, dass er sich der Realität gar nicht mehr bewusst ist, sondern sich sozusagen in den Zeit-Raum der erzählten Welt transportiert und sich eventuell mit einer Figur dieser Welt (meistens der Hauptfigur) identifiziert. Meiner Meinung nach würde ein sehr inkohärenter Text diese Wirkung im Allgemeinen wahrscheinlich nicht hervorrufen können, als ein wichtiges Kriterium sehe ich also Kohärenz an. Ein anderes wichtiges Kriterium ist meines Erachtens, was man vielleicht am besten mit dem Begriff „Realitätseffekt“ beschreiben kann. In meiner Arbeit versuchte ich, den Begriff in ein rezeptionstheoretisches Konzept zu platzieren, und seine Rolle in der Motivierungsstruktur des Erzähltextes zu erarbeiten.

Sehr interessante Vorträge haben die Kollegen unseres Instituts, Endre Hárs und Erzsébet Szabó gehalten: Herr Hárs stellte uns die Raumnarratologie in Jókai Mórs „Bis zum Nordpol“ vor und Frau Szabó beschäftigte sich mit der kompositorischen Motivierung, also ob der Leser während seiner Lektüre die Autorintention wahrnimmt und verfolgt oder nicht.

Bei der Abschlusskonferenz nahmen ausschließlich deutsche bzw. ungarische Philologen teil, die Vorträge verliefen auf deutsch bzw. englisch. Wie bunt war aber die Auswahl der besprochenen Problembereiche? Welche Ansätze ergab die Interdisziplinarität der Tagung?

Die kognitive Literaturwissenschaft arbeitet interdisziplinär, und unsere Tagung wiederspiegelte diese Interdisziplinarität: unter den Vortragenden befanden sich neben Literaturwissenschaftler mehrere Psychologen und auch eine Ägyptologin. Lívia Ivaskó aus Szeged hielt einen entwicklungspsychologischen Vortrag über die Fähigkeit von Kindern, fiktionale Erzähltexte zu rezipieren bzw. zu produzieren. Es war sehr interessant zu erfahren, wie wichtig der Augenkontakt oder die Intonation beim Geschichtenerzählen für Kinder ist, dass sich also Kinder viel mehr nach diesem sog. ostensiven Kontext des Geschichtenerzählens orientieren, als nach der Bedeutung der Wörter. Annekathrin Schacht, eine Kollegin aus Göttingen bewies in ihrem Vortrag welche Textstellen aus den Werken „Der Schimmelreiter“ bzw. „Effie Briest“ spannungserzeugend auf den Leser wirken und warum.

Wenn wir aber über Universalien sprechen wollen, also über solche biologische Schemata, die bei jedem vorhanden sein sollen, dann ist es immer wichtig Vergleiche mit Erzähltexten von anderen Kulturen zumachen. Deshalb fand ich den Vortrag der Ägyptologin, Camilla Di Biase-Dyson sehr spannend. Sie hat gezeigt, dass Fiktionalität damals ganz anders verstanden war, als heute, und ganz andere Kriterien den Erzähltext kohärent und glaubhaft machten, als in unserer modernen Literatur.

Verraten Sie uns, auf welche zukünftigen kognitiv-poetischen Projekte sich die Studierende gefasst machen können?

Als erstes wird ein Workshop über empirische Verfahren stattfinden. Die Psychologin der Forschungsgruppe für Kognitive Poetik, Orsolya Papp-Zipernovszky wird uns in die Methoden der empirischen Forschung einführen.Dies ist aber keine öffentliche Veranstaltung, weil sie nur unter einer bestimmten Teilnehmerzahl effektiv verwirklicht werden kann. Für Oktober haben wir aber einen Gastvortrag im Plan. Professor Tamás Bereczkei, Leiter der Forschungsgruppe für Evolutionäre Psychologie in Pécs, hat nämlich unsere Einladung angenommen und wird uns einen Vortrag über die Beziehung zwischen Evolution und Kultur halten. Natürlich sind alle Kollegen und Studierenden herzlich eingeladen und wir würden uns freuen, wenn viele Interessenten erscheinen würden. Ich selbst bin sehr gespannt darauf!

1ua. http://www.gema.hu/2013/12/der-geist-des-empirischen-lesers/

Evolutionstheorie und Kunst?

Ist Kunst ein kulturelles Produkt oder ein biologisches Bedürfnis des Menschen?

Was ist schön? Was ist Kunst? Woher stammt Kunst und was ist der Grund dafür? Ist sie durch die Gesellschaft oder die menschliche Natur des Individuums bestimmt? Laut Prof. Dr. András Bálint Kovács ist Kunst ein Produkt des evolutionären Entwicklungsprozesses des Menschen und Grundstein der Kulturentwicklung. Eine wahrhaft tapfere Hypothese seitens eines Ästheten.

Am 11. Februar 2014 hielt der Leiter des Instituts für Filmwissenschaft an der Eötvös Loránd Universität (ELTE) Prof. Dr. András Bálint Kovács einen einführenden Vortrag zum Thema Evolutionstheorie und Kunst. Der Vortragende beschäftigt sich hauptsächlich mit dem modernen europäischen Kunstfilm, worüber er auch mehrere fachbezogene und ästhetische Schriften publiziert hat. Momentan erforscht er mit Hilfe von psychologischen Ansätzen die Gedanken der Zuschauer während eines Films und wirkt damit bei der Arbeit der Forschungsgruppe für kognitive Poetik mit.

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Wie die Moderatorin Dr. Márta Horváth während der Begrüßung erläuterte, soll der Vortrag von Professor Kovács als eine Eröffnung einer zukünftigen Reihe dienen, deren Zielsetzung es ist, Ansätze und Ergebnisse der Forschungsgruppe unter den ungarischen Studierenden verschiedener Fachrichtungen bekannt zu machen. Die leitenden Ansätze, u. a. evolutionsbiologischer und kognitiv-psychologischer Natur, sind nämlich im Gegensatz zu den englisch- und deutschsprachigen Foren bei uns in Ungarn wenig bekannt. Die Arbeit des unter der Koordination von Frau Dr. Márta Horváth und Frau Dr. Erzsébet Szabó laufenden Projektes umfasst sowohl theoretische als auch empirische Untersuchungen im Bereich kognitiver Wissenschaften (Psychologie und Neurobiologie) sowie der Literatur- und Medienwissenschaften. Zu den ersten Erfolgen der frisch gegründeten und seit Januar 2014 offiziell tätigen Forschungsgruppe gehört die Universalien-Konferenz im Mai 2012 und die Erscheinung des literaturtheoretischen Bandes Helikon mit dem Titel “Kognitive Literaturwissenschaft” im Herbst 2013 (GeMa berichtete darüber im Wintersemester 2013: http://www.gema.hu/2013/12/der-geist-des-empirischen-lesers/).

Nach der Vorstellung des Projektes und der Erläuterung des wissenschaftlichen Rahmens kam es zum ungarischsprachigen Vortrag von Herrn Kovács. Dank seiner Bekanntheit befanden sich hauptsächlich Filmstudenten und Ästheten im Raum, die aber ganz früh feststellen mussten, dass es hier kaum um Filme oder Analyse konkreter Kunstwerke gehen wird. Der Vortrag konzentrierte sich auf die theoretischen Grundlagen der evolutionsbiologischen Theorie.

In seinem ruhigen und lässigen Stil wühlte der Vortragende altbekannte Ansätze zur Kunst in Ästhetik und Philosophie auf. Erstens beantwortete er die Frage Was ist schön? noch ganz “traditionell”, indem er meinte, schön sei etwas Relatives, gebunden an ästhetische Konventionen, die sich aus dem Verhältnis von gesellschaftlichen Institutionen und physischen Eigenschaften des Reizobjektes ergeben.

Danach ging er auf die Schnittstelle zwischen soziologischen Aspekten und evolutionswissenschaftlich bezogenen Ansätzen ein. Damit wies er gleichzeitig auf die Interdisziplinarität hin, von der die modernen kognitiven Auffassungen innerhalb der Literaturwissenschaft aktuell stark geprägt werden. Zu den kritischen Punkten dieser Interdisziplinarität gehört einerseits die Integration naturwissenschaftlicher Thesen, die normalerweise nichts mit Literatur oder Kunst zu tun haben. Während sowohl die Literaturwissenschaft als auch die Filmwissenschaft einen philosophischen Charakter aufweisen, da sie spekulieren, Hypothesen formulieren und strikt theoretisch vorgehen, bringt die Naturwissenschaft eine objektivere Sichtweise mit sich. Diese Perspektive strebt danach, sich vor subjektiven Normierungen und unbegründeten Aussagen zu hüten. Andererseits ist die Naturwissenschaft faktenbezogen und empirisch konkretisierbar. Während der Philosoph auf jede Frage eine Antwort zu wissen glaubt (oder wenn nicht, das Phänomen als Geheimnis/Mysterium akzeptiert), traut sich der Naturwissenschaftler “ich weiß nicht” zu sagen und progressiv weiter zu forschen.

Letztendlich klingt der Begriff “Evolution” in den Ohren von Philosophen stark nach einer evolutionären Soziologie, nach radikalen Programmen mit einem politischen Nachgeschmack. Es geht hierbei aber nicht darum, irgendwelche schicksalhaften Ziele oder fatalen Entwicklungstendenzen festzustellen. Auch will sie zwischen Überlegenen und Unterdrückten nicht unterscheiden, wie das der Marxismus tat. Es geht eben darum, die Übereinstimmungen zu finden, ein System aufzubauen. Da der Naturwissenschaftler nicht bewertet, sondern nur Daten sammelt, geraten die Meisterwerke aus dem Blick und die Massenproduktion, die Pop-Kultur bleibt im Fokus der Untersuchungen. So können allgemeine Schemata festgestellt werden, die sich aus Ähnlichkeiten ergeben und Grundrisse von Kulturen bestimmen. Diese Muster ergeben laut Herrn Kovács ein hierarchisches Bild. Aufgrund der ontologischen Evolution des Menschen bildeten sich erstens die Nervenschemata, danach folgten die subjektiven, mentalen, gesellschaftlichen und schließlich kulturellen Schemata. Die Analyse von konkreten Kunstwerken erfolgt in Richtung der Verallgemeinerung. Angefangen mit den spezifischen textuellen Merkmalen über die kritischen und psychologischen Aspekte hinaus endet die Analyse mit der Untersuchung der Hirnfunktionen. Dadurch sollen die anscheinend chaotischen und zufälligen emotionalen Reaktionen auf Kunst in ein System gebracht und als “kognitive Emotionen” definiert werden können.

Prof. Dr. András Bálint Kovács begründet das menschliche Bedürfnis nach Kunst biologisch, indem er auf die Massenkultur hinweisend festlegt, dass hierbei die Interpretation gar keine Rolle spiele, sie sei nur etwas Subjektives. Denn was ein Monet-Gemälde oder eine Tim Burton-Szene für uns heute bedeuten kann, konnte eine Höhlenzeichnung für einen Steinzeitmenschen auch bedeuten. Der Vortragende betonte, das Malen an den Wänden an sich sei nicht ein Instrument, ein Medium, sondern ein instinktives Bedürfnis. Im Gegensatz zu etablierten Ansätzen, Kunst sei ein Produkt der Religion, meint Herr Kovács, der Mensch hätte das Malen als Unterhaltung erfunden, um ein biologisches Verlangen zu stillen. Er wolle etwas Ästhetisches produzieren und es mit seinen Mitmenschen teilen. Erst nach diesem wichtigsten Beweggrund folgen andere wie etwa Religion oder Politik.

Der Vortrag von Herrn Kovács löste eine lebhafte Diskussion unter den Philosophen aus. Man spürte einen kleinen Widerstand, diese unkonventionelle Idee, mit naturwissenschaftlichen Thesen und empirischen Methoden zu arbeiten, zu akzeptieren. Die Botschaft der Arbeit verbirgt sich aber in der Erkenntnis, dass die Vorteile einer interdisziplinären Zusammenarbeit mit Biologen und Medizinwissenschaftlern dem Literaturwissenschaftler von heute zu solchen neuartigen Fragen verhelfen kann, die nur durch die gegenseitige Ergänzung dieser voneinander entfernten Bereiche gestellt und beantwortet werden können.

/Christiana Gules/

 

Die Schlacht im Teutoburger Wald

Ein kleiner historischer Exkurs in die Zeit vor 2005 Jahrenaufgrund des Buches von Ralf-Peter Märtin: Die Varusschlacht. Rom und die Germanen. (2. Aufl., Frankfurt am Main 2010)

Es passierte im Jahre 9 nach Chr. Es war Herbst. Eine alte Geschichte über Verrat, Hinterhalt und List. Ein wenig History Channel, ein wenig Ridley Scott. Eine Blockbuster-verdächtige Story mit großen Gefühlen und viel Blut. Von römischen Historikern zensiert und dramatisiert, von deutschen Völkischen* ideologisiert.

hermannsdenkmal

Es gab einmal ein Volk an der Weser, dessen Name als der Stammesverband der Cherusker in die Geschichte eingegangen ist. Wer sie waren, was sie machten, weiß man nicht genau, bekannt ist nur, dass um das Jahr 4 n. Chr. der damalige Oberbefehlshaber der römischen Armee, Tiberius, dieses Volk zusammen mit anderen besiegen und somit die Provinz Germania bis zur Elbe etablieren konnte. Danach musste er nach Pannonien ziehen, wo die einheimischen Stämme gegen die römische Unterdrückung einen Aufstand entfacht haben. Doch damit der Erfolg der eroberten Gebiete bis zur Elbe auch auf Dauer bleibt, schloss der römische Heeresführer ein Bündnis mit dem Stammeshaupt Segimer und nahm dessen Sohn in seinen Truppen auf. Der Vater bekam das römische Bürgerrecht und als Gegenleistung musste er sein Volk in die kultivierte und friedliche Lebensweise der Römer einführen. Während Segimer die Traditionen wegmoderierte, erlernte Arminius in Pannonien und Dalmatien alles, was man als römischer Soldat zu wissen brauchte. Und damit es zu keinen Unzufriedenheiten kommt wie in Pannonien, wurde der erfahrene Diplomat Publius Quinctilius Varus nach Germanien geschickt. Ihm gelang es früher schon ernsthafte Konflikte in Syrien und Palästina zu entschärfen, also sollte Germanien zwar kein Kinderspiel, doch schon etwas leichter zu regieren sein. Sein Befehl lautete den Status Quo zu etablieren und den Frieden zu bewahren. Dafür bekam er fünf Legionen. So viel Macht hatte der gemütliche Statthalter noch nie erteilt bekommen. Der inzwischen über 70 Jahre alte Kaiser Augustus vertraute ihm vollkommen.

Herman-Arminius

Zu Beginn seiner Regierungszeit lief alles richtig flott. Varus erwies sich als ein sehr verständnisvoller und hilfsbereiter Politiker. Da er oft einige Truppen den germanischen Stämmen geliehen haben soll, als Leibwächter bei Umzügen zum Beispiel, nahm die Zahl seiner Anhänger stetig zu. Viele Historiker wollen hingegen den Grund seines schmachvollen Untergangs in seiner grauenvollen Regierungsweise zu finden wissen, doch die ihm vorgeworfene erbarmungslose Besteuerung war eine aus Rom verordnete Verpflichtung, und Varus, dessen Vater zusammen mit Brutus und Cassius bei Philippi 42 v. Chr. in sein Schwert fiel, hatte persönlich nichts damit zu tun.

varus maske

Als sich der Sohn des Cheruskeranführers, gerade aus Pannonien angekommen, zum Dienst meldete, schien alles noch besser zu laufen denn je. Inzwischen schrieb man schon das Jahr 8 n. Chr. Während dieser kurzen Periode arbeitete sich Arminius mit den „Armenium-blauen Augen“ bis zum höchstmöglichen Grade, dem Befehlshaber der Auxiliatruppen, hoch und erwies sich als besonders tüchtig und loyal gegenüber seinem Mentor und Vorgesetzten Tiberius. Zu Hause angekommen musste er als Varus rechte Hand den Frieden mit den Germanen erfolgreich bewahren und vertiefen.

Und hier kommt die Stelle in der Quelle, wo es kurz dunkel wird und wir ertappen Varus zusammen mit drei Legionen dabei, wie sie mitten im Teutoburger Wald von Arminius und seinen Leuten niedergemetzelt werden.

Wie konnte es dazu kommen?!? Mitten in der Herrschaft von Augustus, als das Römische Reich vielleicht seine glorreichste Epoche erlebte, passierte so was Peinliches. Und noch dazu kam der Verräter aus den eigenen Reihen! Unerhört! Angeblich soll der gute princeps imperii aus Schock wochenlang auf das Rasieren verzichtet und regelmäßig mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen und gerufen haben: “Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder.” Es war nämlich nicht nur die beschämende Niederlage ein Problem, sondern auch der Verlust von drei vollständigen Legionen, den Legionen XVII, XVIII und XIX, dem Volk zu erklären. Letztere Legion soll sogar von Augustus selbst während seiner Machtkämpfe aufgestellt worden sein.

varusschlacht 1

Also noch einmal: Wie ist es dazu gekommen? Varus war doch ein erfahrener Politiker! Wie konnte er diese Katastrophe denn nicht vorhersehen? Überhaupt, wie und warum kam er mit seinen Legionen von der Lippe-Rhein-Mündung zum Berg Kalkriese, weit nordwestlich entfernt?

2010 erschien die überarbeitete Taschenbuchausgabe Die Varusschlacht. Rom und die Germanen. von Ralf-Peter Märtin.

märtin_varusschlacht_coverDarin versucht der Historiker eine Antwort in Form einer Reihe von logisch aufgebauten und akzeptablen Spekulationen darzubieten. Märtin geht davon aus, dass Arminius, zu Hause angekommen, erkennt, wie begrenzt seine Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb der römischen Heereshierarchie überhaupt sind. Das heißt, seine Karriere soll mit der Position des Befehlshabers der germanischen Auxiliatruppen enden. Diese sind einheimische Hilfstruppen, mit ähnlichem Training wie die regulären Legionäre, nur dass sie auch ihre eigene Kampftaktik und Technik kennen und anwenden. Es ist schon recht mutig von den großen Herren der Welt gewesen, solche Kampfmaschinen zu trainieren, nicht wahr? Auf jeden Fall imponierte diese Erkenntnis Arminius nicht. Er wurde doch als Fürstensohn geboren, soll er denn etwa als Befehlsbefolger sterben?!

Also soll er laut Märtin eine Verschwörung gegen die rheinischen Kampftruppen ausgearbeitet haben. Der Historiker weist darauf hin, dass diese Verschwörung alles andere als ein Aufstand der Stämme sein konnte. Denn Arminius war eben doch nicht so frei, sich zu jeder Zeit regelmäßig mit den Barbaren zu treffen und Pläne zu schmieden. Es wäre aufgefallen. Hätte verdächtig ausgesehen. Und außerdem, da kommt ein junger Krieger, der alles, was er kann, von den Römern erlernt hat, und die Stammesoberhäupter sollen ihm von einem Tag auf den anderen blind vertrauen und zu seinen Anhängern werden? Keine Chance! Ihre Souveränität wurde von der römischen Justiz und durch die Religionseinschränkungen zur Genüge verletzt, jetzt sollen sie auch noch ihren Stolz verlieren?

Also glaubt Märtin nicht an eine verschwörerische Zusammenarbeit zwischen Verwandten. Eher orientiert er seine Hypothesen an den Auxiliatruppen. Diese waren ihrem Herrn treu, Arminius konnte mit ihnen so oft in Kontakt treten wie er wollte. Darüber hinaus hatte er sogar das Recht, sie dort zu stationieren, wo es ihm lieb war. Also sprechen wir hier statt eines Aufstands über eine Meuterei?

Sowohl Laien als auch Eingeweihte können ihren Spaß beim Lesen dieses Buches finden. Besonders interessant finde ich das letzte Kapitel, in dem der Autor auf die Interpretationsversuche der Nachzeit hinweist, angefangen mit dem Arminius-Dialog von Ulrich von Hutten, über die Verklärung der Vergangenheit, ausgedrückt durch das Hermannsdenkmal, im romantisch-völkischen 19.Jahrhundert, bis hin zu den rassenorientierten Theorien der Nationalsozialisten. Besonders überraschend finde ich den Hinweis darauf, in welcher Beziehung Hitler mit seinem “ideologischen” Vorbild steht.

Schließlich möchte ich auf die Kritik der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft hinweisen, die über Märtins Werk sagt: “Seine  […] Ausführungen gehören zum Besten, was über die faszinierende Rezeptionsgeschichte der Schlacht geschrieben worden ist.”

 

/Christiana Gules/

 

* Völkisch nennt man in der Geschichtswissenschaft deutsch-nationale sowie rassistische Gruppierungen und Personen im ausgehenden 19. Jahrhundert im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn.

 

 

Bilderquellen:

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