Sollen wir dem Frieden trauen?

Seit dem Terroranschlag vom 11. September 2001 stieg die Angst vor religiös begründeten Terrorattacken weltweit. Wenn heute vom Islam die Rede ist, sind die gemischten Meinungen nicht zu vermeiden. Der Anschlag auf Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 lässt keinen Zweifel darüber, dass religiöse Gruppen alle Länder gefährden können. Der Gedanke, dass heute nur eine Religion sich solche Taten erlaubt, ist weit verbreitet. Aber wenn es um Fakten geht, wird man schnell unsicher. Prof. Dr. Hartmut Zinser beschäftigt sich seit langem mit diesem Thema, er hielt einen Vortrag am Lehrstuhl für Religionswissenschaft der Universität Szeged über das Problem, das anscheinend trotz der Stereotypen in allen verbreiteten Religionen zu erwischen ist.

Herr Zinser wurde am 23. April vom Lehrstulleiter Prof. Dr. András Máté-Tóth begrüßt, und er begann seinen Vortrag gleich mit einer Entschuldigung. Obwohl er Ungarn immer wieder besucht, erwähnte er bescheiden, sind seine Sprachkenntnisse immer noch nicht genügend, diesen Vortrag ungarisch zu halten.

Die Ansicht, dass die Religionen von heute friedfertig sind, sei ein Irrtum. Herr Zinser hat mehrere Bücher über diese Problematik geschrieben, schon lange vor der Aktualität des Themas. Dass er darüber immer wieder gefragt wird, betrachtet er eher als Unglück. Seine These beruht auf Fakten und wurde mit Beispielen begründet. Aber zuerst stellte er sich die Frage, was die Religion eigentlich ist. Obwohl diese Frage nur schwer zu beantworten sei, versicherte er uns, dass wir die Definition der Religion nicht unbedingt brauchen, um mit diesem Thema umzugehen. Seine Beispiele sind nur Fälle, die zweifellos religiöse Hintergründe haben. Der Krieg dagegen hat eine eindeutige Definition: Er ist eine internationale Angelegenheit, wo Staaten gegeneinander organisiert und gewaltsam auftreten. Aber es gibt auch Bürgerkriege, wo substaatlich organisierte Gruppen einander gegenüberstehen. Beispiele dafür sind die Auseinandersetzungen in Nordirland zwischen den Protestanten und Katholiken, in Palästina zwischen den Juden und Muslims oder in Sri Lanka zwischen den Buddhisten und Hindus.

Die alten Griechen und Römer verehrten Götter, die auch für die Kriege „zuständig“ waren, Mars oder Athene sind die bekanntesten. Auch in der orthodoxen Kirche wurden Militärheilige geehrt. Und während der Kreuzzüge – um nur ein Christliches Beispiel zu erwähnen – kündigte Papst Urban II. den Ablass der Sünden denjenigen an, die in den Schlachten teilnahmen.

Um unnötige Konflikte zu verhindern, bildete für die Kriege meist der gerechter Krieg (bellum iustum) den Grund. Nur ein legitimer Herrscher, nur mit einem gerechtem Grund (causa iusta) kann einen Krieg führen. Und das sogar nur zur Verteidigung, mit der richtigen Absicht. Das bellum iustum wirkte also nicht gegen die Gewalt, sondern nur für die Einschränkung der Gewalt, und ist eher rechtlich als religiös zu betrachten. Und obwohl diese Regel seit Jahrhunderten gültig war, griff 1991 die USA den weitliegenden Irak an, zum ersten Mal in der Geschichte nur das Argument good vs. evil einsetzend, was Herrn Zinser damals sehr überraschte.

Aber fest steht, dass es keiner erfolgreichen Religion gelang, Kriege zu verhindern, obwohl das Christentum oder Buddhismus die strenge Lehre verwalten, Gewalt abzuweisen, in einigen Fällen nicht mal als Notwehr: Und wer dich schlägt auf einen Backen, dem biete den anderen auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem wehre nicht auch den Rock. Lukas 6:29

Der Islam begründet Krieg auch mit Verteidigung. Der Koran betrachtet das Leben als heilig, aber anscheinend bildet der Dschihad eine Ausnahme, was allerdings nicht mit den Intentionen der Religion zu verwechseln ist.

Der Hinduismus gilt friedfertiger als die vorigen Beispiele, aber nach Gandhis gewaltlosem Widerstand gegen die Briten kam es zu Zusammenstößen zwischen Hindus und Muslims. Der Konflikt in Kaschmir dauert immer noch an und Gandhi wurde ironischerweise von einem Hindu-Fanatiker getötet. In der Bhagavad Gita, einer der zentralen Schriften des Hinduismus, steht deutlich, dass Waffen den unsterblichen Seelen nicht schaden können, sie finden sowieso einen neuen Körper für sich. Und der Dharma, die andere zentrale Lehre des Hinduismus sagt, dass es die Pflicht eines Kriegers sei, am Kampf teilzunehmen, was ein Tor zum Himmel bedeutet. Wenn der Krieger getötet wird, gelangt er in den Himmel, und wenn er am Leben erhalten bleibt, kann er das Leben der Sieger genießen. Man darf aber nur ohne Leidenschaft töten. Leider ist die Friedfertigkeit des Hinduismus auch nur ein Wunschbild, meint Herr Zinser.

Der Buddhismus mag als eine der friedfertigsten Religionen scheinen, aber sie finden auch einen Weg, mit Gewalt aufzutreten. Sie glauben, dass das Leben nur ein Traum sei, den man im Spiegel sieht. Das Subjekt existiere in der Wirklichkeit nicht, es sei nur eine Illusion. Und wenn das Leben nur eine Illusion ist, dann ist das Töten anderen Menschen nicht als Sünde zu betrachten. Explizit könnte man formulieren, dass es in Wirklichkeit keinen Mord gibt. Bei ihnen ist es auch gestattet, aus Mitleid zu töten: Bevor sie eine Sünde begehen, können potentielle Übeltäter hingerichtet werden. Damit wird ihr Karma beschützt und ihnen eine hoffnungsvollere Wiedergeburt geschenkt.

Herr Zinser beendete seinen Vortrag damit, dass er die Friedfertigkeit der Religionen streng bezweifelt, und wartete auf die Fragen des Publikums.

Dr. habil. Endre Hárs erwähnte die Hypothese, dass die Religionen eine Stufe der Menschheitsgeschichte bilden und eine organisierende Rolle bei dem Aufstieg der Zivilisationen spielten. Das würde erklären, wieso die Religionen entstanden sind, aber würde auch in Frage stellen, ob wir sie heute in dem jetzigen Zustand immer noch brauchen. Darauf konnte aber Herr Zinser keine eindeutige Antwort geben. Religionen gab es schon immer, meinte er. Und tatsächlich, wir verfügen über keine Dokumente oder Erinnerungen über eine Zeit, als es Religion noch nicht gab. Es scheint, dass sie ein Teil unser Leben ist sowie die Gewalt selbst.

Und das soll der Kern seiner Gedanken sein. Man kann wissenschaftlich nicht behaupten, dass eine Welt ohne Religionen schlechter oder besser ist, weil wir keine andere Welt kennen, wo sie nicht existieren. Es könnte auch einfach behauptet werden, dass Religionen hypokritisch sind oder dass sie notwendig sind, die Menschheit als eine Gemeinschaft zu formen, aber Herr Zinser hielt sich von dieser Art von Kritik fern. Das ist eine große Leistung, weil es dabei viele Versuchungen auftreten können. Vielleicht tragen die Religionen nicht viel zum Frieden bei, weil sie anscheinend zulassen, Kriege zu führen. Doch es gibt auch gottlose Ideologien, die sich solche gewaltsamen Taten ebenso erlauben.

Der Zusammenhang von Religion und Krieg ist also schwer zu beurteilen, und darauf kann Herr Zinser keine eindeutige Antwort geben, denn die wäre eher erzwungen. Diese Objektivität kennzeichnete den ganzen Vortrag, es wurden nur die Zielsetzungen der Heiligen Schriften mit der Realität verglichen. Ein derartige Korrektheit in diesem Bereich ist mehr als willkommen.

Wer also eine heftige Debatte über die aktuellen Geschehnisse der Welt erwartete, war sicher unzufrieden. Wer sich aber für eine sachliche Zusammenfassung von einem Wissenschaftler über dieses Problem mehr interessierte, war sicher nicht enttäuscht. Herr Zinsers Schlussfolgerung war kurz, aber traurig: er traut dem Frieden nicht.

/Kálmán Bittay/

Schematheorie in der Literatur

Dass Literatur einen besonderen Teil der Denkprozesse beansprucht, war uns bisher bekannt. Aber wie die Kunstwerke wahrgenommen werden, und welche Prozesse im Hintergrund des Bewusstseins ablaufen, interessiert neuerdings die Forschung. Dr. Brigitte Rath hat sich die Aufgabe gestellt, diesen Ablauf zu klären.

An einem sonnigen Märztag war der Konferenzsaal der Fakultät für Geisteswissenschaften mit neugierigen Germanistinnen und Germanisten gefüllt. Nachdem das Problem mit den zu wenigen Stühlen gelöst worden war, begrüßte Dr. Márta Horváth die Anwesenden und stellte Frau Dr. Brigitte Rath vor.

Frau Rath arbeitet an der Freien Universität Berlin und forscht vor allem im Bereich der Erzähltheorie. Ihr Buch über Narratives Verstehen erschien 2011 und behandelt die narrativen Schemata. Am 9. und 10. März 2015 besuchte sie die Universität Szeged zum zweiten Mal und hielt zu ihrem Forschungsthema sogar Veranstaltungen. Ihr Vortrag am ersten Tag handelte über die psychologischen Aspekte der Schematheorie.

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Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist, dass verschiedene Arten von Geschichten (Comics, Romane, Hörspiele, Filme, usw.) in der gleichen Weise wahrgenommen werden, weil dabei die gleichen Bereiche des Gehirns beansprucht werden. Es ist egal, in welcher Form eine Geschichte vermittelt wird, die entsprechenden Schemata werden automatisch aktiviert. Also die Narrativität ist sozusagen eine Form der Verstehensprozesse, die uns intuitiv helfen, die Erzählungen wahrzunehmen.

Die ersten Forschungen über Schemata wurden in der Psychologie geführt. Damals haben sie darunter nicht spezifisch die Narrativität geforscht, sondern den universellen Prozess des Denkens, womit die wahrnehmbare Welt in Schemata geteilt wird, und damit das Gehirn die Informationen wirksamer, schneller und effizienter bearbeiten kann. Anders gesagt, kann dieser Prozess als Heuristik betrachtet werden. Meistens sind nicht alle notwendigen Informationen verfügbar, trotzdem ist das Verstehen vollständig.

Und das ist keineswegs ein passiver Vorgang. Die Schemata beinhalten nur die typischen Situationen von allem Möglichen, was geschehen kann, und dieser Kern dient als Leitfaden des Verstehens, was mit den anderen vorhandenen Informationen ergänzt wird. Diese Rekonstruktion der bearbeiteten Situation oder Geschichte hat in dieser Hinsicht zwei Richtungen. Der top-down Prozess heißt, dass die Geschichte mit Hilfe von Schemata ergänzt wird. Das Beispiel dafür von Frau Rath war, dass als sie ihre Reise nach Ungarn erwähnt hat, haben viele an eine Flugreise gedacht, was allerdings nicht der Fall war. Das Schema, dass solche Entfernungen meistens mit dem Flugzeug zurückgelegt werden, wurde sofort aktiv und die Geschichte damit ergänzt. Die andere Methode zum Ergänzen ist der bottom-up Prozess, wobei sich einzelne Teile einer Geschichte zu einer größeren und allgemeinen Geschichte zusammenstellen. Diese zwei Methoden schließen sich nicht aus und werden fast immer zusammen verwendet.

All diese Strategien ermöglichen dem menschlichen Denken, dass Informationen blitzschnell bearbeitet werden. Auch wenn dieser Vorgang nicht fehlerfrei ist, ist er trotzdem so effektiv, dass künstliche Intelligenz nicht mal annähernd so schnell und akkurat ist. Wie die Neuronen im Gehirn es ermöglichen, solche Geschwindigkeit zu erreichen, ist eine der größten Forschungsfelder der Neurologie. Bislang können solche Experimente für Modellierung des Denkens nur Teilerfolge in abgegrenzten Bereichen aufweisen, weil die Aufgabe so unheimlich und überwindbar komplex scheint.

Es gibt noch eine andere Technik, die in den Gedankenprozessen eingesetzt wird, was uns hilft, auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Gestalttheorie, die zuerst Anfang des 20. Jahrhundert als eine neue psychologische Richtung erschienen ist, beschreibt die Fähigkeit des Menschen ein strukturiertes Muster von dem Hintergrund zu unterscheiden.

Diese alltäglich benutzten hochwirksamen Strategien bestimmen auch das narrative Verstehen. Wichtige Merkmale sind, dass es medienübergreifend, aber nicht medienunabhängig ist. Das heißt, dass es egal ist, ob ein Flugzeug – das Beispiel von Frau Rath zu benutzen – gezeigt, erwähnt oder sein Geräusch gespielt wird, es werden die gleichen Schemata aktiviert.

Schemata leiten Wahrnehmungsprozesse, Wissenseinheiten werden mit Variablen vervollständigt, und am Ende werden einzelne Story-Frames für verschiedene Arten von Geschichten als Ganzes wahrgenommen.

Nach dieser Darstellung der Aspekte der Schematheorie sahen die Anwesenden mit großer Erwartung dem nächsten Treffen mit Frau Rath entgegen. Dazu kam es am nächsten Tag: Am 10. März fand ein „Workshop” statt, an dem Hugo von Hofmannsthals „Ein Brief” behandelt wurde. Frau Rath machte uns in den zwei Veranstaltungen mit einer neuen und frischen Art, literarische Texte zu analysieren, bekannt und machte uns wieder auf den unglaublich vielfältigen Hintergrund des menschlichen Denkens aufmerksam.

/Kálmán Bittay/

Literaturwissenschaft vom Feinsten: kognitive Poetik und der Schema-Begriff

Kurzmitteilung

Am 9. und 10. März hält Frau Dr. Brigitte Rath (Universität Innsbruck) zwei Veranstaltungen. Dieser Anlass bietet Interessenten die Möglichkeit, sich im Bereich des neuen Forschungsgebietes der kognitiven Poetik zu vertiefen.

Am 9. März wird Frau Dr. Rath einen Vortrag für Studierende und Interessierte über den Schema-Begriff der kognitiven Poetik und seine Anwendbarkeit für narrative Texte halten.

Beginn: 14 Uhr; Raum: Konferenzsaal der Fakultät

Am 10. März findet ein Seminar statt, wo Frau Dr. Rath die theoretischen Kenntnisse in Zusammenarbeit mit den Studierenden in die Praxis umsetzen und anhand des Schema-Begriffes den „Brief” von Hugo von Hofmannsthal analysieren.

Beginn: 14 Uhr; Raum: Konferenzsaal der Fakultät

Alle Interessenten sind herzlich willkommen!

/Kálmán Bittay/