Heimito von Doderer-Spezialistin interpretiert „Die Strudlhofstiege“

Autor: Réka Andrea Pócs

Zeitung: 2016/1

Rubriken: Germanistik, Studium

Am 16. November 2016 um 14:00 Uhr hatten wir die Möglichkeit, einen interessanten Gastvortrag der an der Eötvös-Loránd-Universität (ELTE) in Budapest tätigen Heimito von Doderer-Expertin Dr. habil. Edit Király anzuhören. Sie interpretierte das bekannteste und beliebteste Werk Doderers und brachte zum besseren Verständnis auch mehrere Zitate. Die Veranstaltung wurde anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Österreichbibliothek vom Lehrstuhl für österreichische Literatur und Kultur, von der Österreich-Bibliothek Szeged und vom Österreichischen Kulturforum Budapest organisiert.

Zunächst hielt die Direktorin der Bibliothek, Frau Dr. Katalin Keveházi, eine kurze Ansprache anlässlich der Veranstaltung. Dann folgte eine Begrüßung durch Frau Dr. Szilvia Ritz, seit dem Wintersemester 2016 Dozentin am Lehrstuhl für österreichische Literatur und Kultur, die uns Frau Király vorstellte und uns erklärte, dass diese eine Heimito von Doderer-Spezialistin sei und auch den Doderer-Roman „Die Wasserfälle von Slunj“ übersetzt habe. Frau Király selbst hat gesagt, dass sie sich nicht als Doderer-Expertin sehe, er sei „nur ein heißgeliebter Autor“ für sie.
Nach der kurzen Einleitung sprach die Dozentin ein paar Worte über den Autor. Er war in der Zwischenkriegszeit tätig, doch damals wurde sein Werk nicht rezipiert. Er hatte in vielerlei Hinsicht ein schwieriges Leben, aber er hat nur wenig davon öffentlich zur Schau gestellt. In einem Zitat, das Frau Király uns gezeigt hat, spricht er über sein „verleugnetes Leben“ und das dort ebenfalls stehende Wort „Tugend“ bezieht sich auf das Schreiben selbst. Dann kam das wichtigste Modell bei Doderer, die „Menschenwerdung“. Dieser Begriff ist im Sinne des Homo erectus zu verstehen. Dabei handelt es sich um Doderers Version des Bildungsromans. Menschenwerdung durch Erinnerung zeigt der Roman „Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre“, der im Jahre 1951 erschien. Die Strudlhofstiege ist eigentlich eine wunderschöne Treppenanlage in Wien, die nicht gerade, sondern im Zickzack verläuft und der im Roman eine wichtige Bedeutung zukommt. Treppen stellen Kontinuität her und ihre Form symbolisiert Umwegigkeit, wie die Universitätsdozentin uns dargelegt hat. Das Prinzip Umweg bedeutet eine Art Entfernung, die für den Helden, Melzer, wichtig wird. Frau Király sprach über eine unwillkürliche Art von Erinnerungen, die uns überrascht, aber nur einmal vorkommt. Das heißt, der Autor hat „freisteigende Erinnerungen“ und der Hauptfigur Melzer geht es auch so.
Heimito von Doderer hatte zwei Vorbilder, Otto Weininger und Hermann Swoboda. Beide beschäftigten sich ebenfalls mit Erinnerung. Weininger hat in seiner Dissertation „Geschlecht und Charakter“ die Heniden-Theorie erschaffen, die unsere dunklen Vorstellungen verarbeitet. Dann hat Frau Király uns einige wichtige Lebensdaten von Doderer präsentiert. Zu den allerwichtigsten Ereignissen in seinem Leben zählt, dass er vier Jahre in Sibirien verbrachte, weil er dort zu schreiben begann.

Doderer beschrieb seine Erinnerungen weniger visuell, als dass er seine eigene Stimme suchte. Jeder Text, den er geschrieben hat, war in Variationen angelegt, ähnlich wie Musikstücke durchkomponiert. Doderer hat insgesamt sieben straff komponierte Divertimenti geschrieben. In Bezug auf die Musikalität seiner Werke hat uns Frau Király auch ein paar musikalische Fachbegriffe erklärt. Das Realismus-Problem bei Doderer führe zu Missverständnissen, denn er sei nicht naiv gewesen, sondern habe auf die Formen reflektiert. Er hat sogenannte Netzwerke in seine Texte eingebaut. Als Beispiel für Musikalität dient der erste Satz der „Strudlhofstiege“, den Frau Király auch vorlas, und der bereits das Ende des Romans vorwegnimmt. Es wird realistisch im Laufe der Geschichte entfaltet.

Schließlich kam die Dozentin auf die Frage, inwiefern Doderer ungarische SchriftstellerInnen inspiriert habe. Sie erzählte dem Publikum, dass es mehrere Versuche gegeben habe, dieses Werk zu übersetzen. Schließlich fand László Garaczi einen Weg. Gegen Ende des Vortrags empfahl die Dozentin ein paar Werke, die das Publikum lesen sollte. Darunter waren z.B. „Die erleuchteten Fenster“, „Die Wasserfälle von Slunj“ und „Ein Mord, den jeder begeht“.

Aufgrund ihres exzellenten Vortrags kann man ganz klar sagen, dass Dr. habil. Edit Király eine ausgewiesene Doderer-Expertin ist. Am Ende der Veranstaltung hatten die Zuhörerinnen und Zuhörer die Möglichkeit Fragen zu stellen. Auf diese Art und Weise wurde beispielsweise die Menschenwerdung noch einmal eingehender erklärt. Zuletzt möchte ich mich im Namen des GeMas herzlich bei allen Beteiligten bedanken, die diese sehr interessante und gut besuchte Veranstaltung ermöglicht haben.

/Réka Andrea Pócs/

Edit Király und Szilvia Ritz

Die Strudlhofstiege