Schnitzlers Casanova. Ein Gastvortrag

Autor: Christiana Gules

Zeitung: 2016/1

Rubriken: Germanistik, Studium

Am 6. April 2016 setzte sich die Reihe der Gastvorträge am Lehrstuhl für Österreichische Literatur und Kultur fort. Dieses Mal durften die Anwesenden Univ.-Prof. Dr. Barbara Neymeyr von der Universität Klagenfurt zuhören. In ihrem Vortrag Die Entzauberung des Mythos. Arthur Schnitzlers Novelle Casanovas Heimfahrt als subversive Charakterstudie im Spannungsfeld intertextueller Bezüge vom Barock bis zur Décadence präsentierte Frau Neymeyr eine aufschlussreiche Interpretation zu Schnitzlers Novelle. Die Vorlesung wurde von Herrn Prof. Dr. Károly Csúri konferiert.

Neymeyr-Vortrag (2)

Herr Prof. Dr. Csúri sprach einleitende Worte zum Vortrag von Frau Prof. Dr. Neymeyr.

 Wer ist Casanova?

Die Figur des bezaubernden Frauenhelden Casanova dürfte den meisten Studierenden aus dem  2005 erschienenen gleichnamigen Spielfilm mit Heath Ledger in der Hauptrolle bekannt sein. Frau Neymeyr machte am Anfang ihres Vortrages auf die reiche kulturhistorische Tradition aufmerksam, die bis in die späten Jahre der Barockzeit zurückgreift. Oft kommt es vor, dass man Casanova mit Don Juan verwechselt, trotz des großen, grundsätzlichen Unterschieds zwischen den beiden. Während Casanova tatsächlich im 18. Jh. gelebt hat, war die Figur des Don Juan rein fiktional. Während sich Casanova als einen einfühlsamen, kecken Liebhaber inszenierte, war Don Juan davon besessen, alle Frauen rücksichtslos zu besitzen, skrupellos seine erotischen Ziele zu erreichen. Frau Neymeyr wies auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen der realen und der fiktiven Person hin: die positive Konnotation Casanovas lässt an eine sympathische Person denken, während der gewaltsame Don Juan eher düstere Gedanken erweckt.

Die Rezeption der Casanova-Figur erlebte um die Jahrhundertwende eine lebhafte Renaissance. Frau  Neymeyr erwähnte u. a. Anatol, die wohlbekannte Figur aus dem früheren Einakter Arthur Schnitzlers. Um 1900, in einer Epoche der allgemeinen Unsicherheit und ständigen Veränderung, setzte sich das Interesse für das Abenteuerliche, für ein intensives Erlebnis stets durch, der Mensch lebte für den Augenblick, versuchte, den Moment lustvoll wahrzunehmen und machte sich dabei keine Zukunftssorgen. Es ist die Rede von einem impressionistischen Menschentypus, Vertreter einer hedonistischen Lebensführung. Eine für die Décadence typische Figur mit einer Lebensweise, die auch für Casanova einst nicht unbekannt gewesen sein mag.

Arthur Schnitzers Novelle Casanovas Heimfahrt erschien 1918, wurde aber in früheren Jahren, während des Ersten Weltkrieges, in der Zeit einer allgemeinen, drückenden Alltagskrise verfasst. Im Rahmen ihres Vortrages erklärte Frau Neymeyr, wie Arthur Schnitzler den Casanova-Mythos entzaubert, wie der nun gealterte Casanova, in eine Krisensituation geraten, sich von einem verführerischen Jüngling zu einem heuchlerischen Greis verändert.

Arthur Schnitzlers Casanovas Heimfahrt

Die Novelle behandelt die Alterskrise Casanovas und thematisiert unterschiedliche moralische Irritationen. Der einstige Liebhaber ist inzwischen älter geworden, seine Verführungsstrategien funktionieren bei der gelehrten und jungen Marcolina nicht. Der einstige Frauenheld verliert seine sympathische Ausstrahlung, was nichts besser beweist als die Tatsache, dass er die erwünschte Frau nicht durch seine verführerische Art erobert, sondern auf einem hinterlistigen Weg. Der einst einfühlsame Frauenheld wird zu einem skrupellosen Schurken, der die Frau erobert, indem er ihr Selbstbestimmungsrecht außer Kraft setzt.

Es besteht ein interessantes Verhältnis zwischen Casanova, Marcolina und dem jungen Offizier Lorenzi. Zwischen Marcolina und Casanova finden mehrmals bemerkenswerte philosophische Diskussionen statt. Die junge Frau wird als sehr modern dargestellt. In ihrer Gestalt präsentiert Schnitzler eine emanzipierte, intellektuelle und facettenreiche Figur. Marcolina verfügt aber nicht ausschließlich über wissenschaftliche Ambitionen. Auch als Frau ist sie für die damalige Zeit unkonventionell: sie verweigert jeden Heiratsantrag, hat aber eine geheime Affäre mit Lorenzi. Eines Nachts ist Casanova Zeuge, wie Lorenzi Marcolinas Zimmer durch das Fenster verlässt und plant, Marcolina auf diese Weise selbst zu erobern. Er überzeugt Lorenzi für Geld, ihm seinen Umhang zu leihen, damit Casanova als Lorenzi maskiert in Marcolinas Zimmer kommen kann. Der Plan scheint zu funktionieren, der Beischlaf erfolgt ohne Schwierigkeiten. Casanova schläft aber danach ein und verlässt Marcolina nicht vor dem Morgengrauen. Am Morgen erkennt sie den falschen Liebhaber und Casanova flüchtet aus ihrem Zimmer. Auf der Wiese treffen sich die beiden Männer wieder und es kommt zu einem Degen-Duell, in dem beide nackt miteinander kämpfen. Nachdem Casanova Lorenzi getötet hat, reist er nach Venedig.

Neymeyr-Vortrag (3)

Beschäftigten sich eingehend mit Schnitzler: die Anwesenden im Konferenzsaal der Fakultät.

Die Entzauberung des Frauenhelden

In Arthur Schnitzlers Novelle Casanovas Heimfahrt verliert der einstige Frauenheld seine verführerische Aura. Indem er immer älter und hässlicher wird, gerät Casanova immer mehr in eine traurige Einsamkeit, die ihm großen Frust verursacht. Dadurch entsteht eine Identitätskrise, weil Casanova die Wirklichkeit nicht akzeptiert und stark von negativen Gefühlen wie Zorn, Hass und Unruhe beherrscht wird. Da er sich der Realität nicht stellen will und zu narzisstischen Größenphantasien neigt, kommt es zur Selbsttäuschung. Seine Entwicklung vollzieht sich im Spannungsfeld von Illusion und Desillusionierung. Im Text fällt die oft widersprüchliche Einstellung Casanovas zu sich selbst auf: Einmal verklärt er sich zu einem Gott, ein anderes Mal spielt er mit Suizid-Gedanken. Schnitzler legt großen Wert auf die psychologische Wiedergabe der Seelenzustände und inszeniert diese Krisensituation Casanovas mit der narrativen Technik der erlebten Rede, wodurch der Leser einen intensiveren Einblick in das innere Leben der Figur bekommt.

Die Revitalisierung seiner Identität als Frauenheld erhofft er sich durch die erotische Eroberung Marcolinas. Es stellt sich jedoch heraus, dass diese Herausforderung viel schwieriger ist als geglaubt. Anstatt Marcolina mit seinen Erfahrungen und Kenntnissen zu bezaubern, verwickelt er sich in eine komplexe philosophische Diskussion. Dabei wird auch über Voltaire diskutiert. Casanova versucht den großen Aufklärer zu kritisieren und bezeichnet ihn als Atheist, muss aber feststellen, dass Marcolina seine Argumente widerlegt und sogar Atheismus nicht als etwas Negatives bewertet. Voltaire könne trotz seiner Gottesleugnung ein großer Geist sein, denn Marcolina meint, Gott gefalle es besser, wenn die Menschen sich kritisch mit etwas auseinandersetzen, als nur unwissend demütig zu sein. Die Diskussionen mit Marcolina tragen zu der Identitätskrise Casanovas bei.

Die Erschütterung des Frauenhelden erfolgt maßgeblich aus der Interaktion mit Marcolina. Man findet Gründe der Erschütterung einerseits in der ironischen Überlegenheit Marcolinas, mit der sie Casanovas Aussagen infrage stellt und beurteilt. Weiterhin in ihrem Gesichtsausdruck, wenn sie ihn mit „Ekel“ ansieht oder, sehr intensiv, in ihrem Blick, als sie Casanova statt Lorenzis neben sich im Bett erkennt. Ein „unsagbares Grauen“, „Scham und Entsetzen“ lassen den alten Casanova wissen: seine mystische Identität als Frauenheld ist weg.

Die Entzauberung durch die Identitätskrise

Casanova unternimmt mehrere Versuche, seine Jugendlichkeit, seine Identität, aufrechtzuerhalten bzw. die  Vergänglichkeitsangst zu überwinden. Einerseits erhofft er sich eine Revitalisierung durch die erotische Eroberung Marcolinas. Andererseits versucht er sich als Autor einer Streitschrift gegen Voltaire. Wie sich herausstellt, ist auch dieser Versuch zum Scheitern verurteilt, da Casanova damit eigentlich den Herrschern in Venedig imponieren will, diese aber gegen die aufklärerische, fortschrittliche, auch von Marcolina vertretene Weltanschauung stehen. Drittens versucht Casanova in jeder Situation, wenn er von sich erzählt, sich als einen abenteuerlustigen, selbstbewussten Jüngling zu inszenieren. Im Text wird der Gegensatz zwischen der prächtigen Vergangenheit und der elenden Gegenwart Casanovas betont. Casanova strebt nach einer Stabilisierung seines Ichs, indem er sich stets neu erfindet, ohne die Vergangenheit loszulassen und die Gegenwart so zu akzeptieren, wie sie ist.

Frau Neymeyr sieht eine Spiegelbild-Motivik in der Beziehung Casanovas zu Voltaire und zum Offizier Lorenzi. In seinem Zweikampf mit Voltaire versuche Casanova, sein moralisches Alter Ego zu bekämpfen, da er, so Frau Neymeyr, seine eigenen Charakterdefizite auf die Person Voltaires projiziere. Casanova selbst war berühmt für seine den kirchlichen Normen nicht entsprechende Lebensweise: Er galt als Freigeist und verführte auch verheiratete Frauen. Trotzdem scheint Schnitzlers Casanova bereit zu sein, Voltaires Atheismus zu kritisieren. Auch ist er bereit, der Spion der venezianischen Herrscher zu sein und Leute seinesgleichen zu verraten. Frau Neymeyr verwies in diesem Sinne auf Widersprüche in Casanovas Überzeugungen.

Das Verhältnis Casanovas zu Lorenzi basiert auf einem Doppelgänger-Motiv. Lorenzi erinnert den alten Frauenhelden an sein jüngeres Ich. Gleichzeitige Zu- und Abneigung prägen Casanovas Gefühle Lorenzi gegenüber. Letztendlich, als es zum Duell kommt, entscheidet sich Casanova für eine kompromisslose Alternative, einer von den zweien muss sterben. Obwohl Casanova den jungen Soldaten besiegt, ist er nicht der eigentliche Sieger. Casanova, der nun nicht nur ein Vergewaltiger, sondern auch ein Mörder ist, erlebt eine weitere Erschütterung seiner Identität. Denn er hat in der Person Lorenzis sein eigenes jüngeres Ich erstochen, „den“ Casanova also eigenhändig getötet. Frau Neymeyr macht hier auf eine moralische Selbstvernichtung Casanovas aufmerksam.

Die Identität Casanovas wird durch folgende Elemente entzaubert: er ist nicht mehr der bedingungslos erwünschte Liebhaber, er ist ein Verräter der aufklärerischen Weltanschauung, und er wird auch zum Mörder seines Doppelgängers. Frau Neymeyr spricht hier von einer moralischen Desillusionierung.

Schnitzlers autobiografischer und intertextueller Umgang mit dem Casanova-Sujet

Im Text können manche biographische Hinweise zu Schnitzler entdeckt werden. Als der historische Casanova nach Venedig zurückkehren durfte, war er 49 Jahre alt. Trotzdem schreibt Schnitzler, er sei 53 Jahre alt. Damit verweist er eigentlich auf sein eigenes Alter. Die Figur Casanova erscheint als Symbol der Identitätskrise oder Symptom des Abstiegs. Bildhaft zu sehen ist das in den Spiegelkonstellationen. Casanova erkennt sich öfters im Spiegel als Greis. In diesen Fällen wird er als Opfer dargestellt. Ähnlich die Erinnerung an die alte Frau, die sich ihm früher in einer Nacht hingab und seine Unwissenheit später ausgelacht hat. Während man im Falle dieser Episode Casanova als Opfer sieht, erscheint er aber in Bezug auf Marcolina als ein hinterhältiger Betrüger. Dabei steht die schockartige Desillusionierung des jungen Casanova eng mit den Betrugsbedingungen und dem Schock des älteren in Verbindung.

Frau Neymeyr ging im Rahmen ihres Vortrages weiterhin auf unterschiedliche intertextuelle Beziehungen der Novelle zu anderen literarischen Werken wie Kleists Amphitryon oder Thomas Manns Tod in Venedig ein. Für die anwesenden Studierenden dürften die Hinweise auf die Verbindungen zu dem alternden Gustav von Aschenbach einleuchtend gewesen sein. Sein Leiden an dem Verlust der körperlichen Attraktivität oder die Arbeit in den Morgenstunden und nicht zuletzt die Beschreibungen des schönen Tadzio sind Motive, die auch in Casanovas Heimfahrt wiederzufinden sind.

Arthur Schnitzlers Casanovas Heimfahrt beschreibt die Alterskrise des einstigen Frauenhelden Casanova, der nun verdüstert mit seiner eigenen Identitätskrise kämpft. Schnitzlers Werk, so Frau Neymeyr, ist ein wichtiges Element in der Rezeptionsgeschichte des Casanova-Sujets. Es führt den Mythos zwar fort, entzaubert ihn aber auch gleichzeitig.

/Christiana Gules/

Neymeyr-Vortrag (1)

Nach dem Vortrag: Prof. Dr. Neymeyr (l.) mit Dr. Erzsébet Szabó (r.)