Auf dass die Deutschkenntnisse authentischer werden: Warum es sich lohnt, Alligatoah zu kennen

Autor: Christiana Gules

Zeitung: 2016/1

Rubriken: Freizeit, Kultur

Liebe Studierende an unserem Institut!

Wollt ihr wissen, wie die deutsche Lyriksprache 100 Jahre nach Rilke, 200 Jahre nach Goethe, 300 Jahre nach Gottsched klingt? Hättet ihr Lust, die deutsche Sprache von einem authentischen Native-Speaker zu hören, mal als Abwechslung zu den Hörverstehensaufgaben aus den Lehrbüchern? Wer Spaß am Sprechgesang hat, wird das liken!

Das GeMa berichtete in letzter Zeit oft über Musiker. Nur waren diese eher dem Genre Rock bzw. Metal zuzuordnen (Wisdom, IronMaidnem, Unheilig, PeterLicht). Nun soll die Reihe der deutschen Künstler-Porträts eine kleine Abbiegung nehmen in Richtung “Schauspielrap”. Dabei wird es um einen Künstler gehen, der in seinen Liedern gerne mal ein bisschen Satire auf schlaue Art und Weise und mit ganz viel lustiger Schauspielkunst inszeniert und präsentiert. Er heißt Alligatoah, hat den Begriff „Schauspielrap“ selbst erfunden und wer er ist, sollen seine eigenen Worte knapp erklären:

„Alligatoah, das ist eine HipHop-Band, die aus dem Rapper Kaliba 69 und dem Beatproduzenten DJ Deagle besteht. Ich habe diese beiden fiktiven Terroristen erfunden, weil ich nicht ganz allein sein wollte mit Texte schreiben, Beats bauen, Videos drehen, Artworks gestalten, Webseite programmieren und was noch alles dazu gehört, um sich heutzutage Musiker nennen zu dürfen.“ *

Obwohl natürlich hinter Kaliba 69, DJ Deagle und Alligatoah selbst nur eine einzige Person steht, ist diese Aufteilung in mehrere Persönlichkeiten in seiner Diskografie gut erkennbar. Sein erstes Musikvideo postete er 2008 mit dem Titel „Counterstrikersong“. Seitdem vergingen mehrere Jahre und Experimente sowohl im musikalischen als auch audiovisuellen Bereich. 2013 erschien sein bislang erfolgreichstes Album „Triebwerke“ (3. Studioalbum), das auch den Hit „Willst du“ beinhaltet. Sein jüngstes Video erschien am 11. Februar 2016 und mit dem Titel „Du bist schön“ werden die Plastikmenschen von heute satirisch dabei dargestellt, wie sie teure Produkte kaufen, sich künstlich schminken und nichts außer egozentrischem Narzissmus kennen. Inszeniert wird das offizielle Video mit dem Sänger, der die Augen verbunden hat und sich in Form verschiedener Märchenfiguren vorstellt, während im Hintergrund junge Frauen Designerkleider nähen. Dieses Lied ist zusammen mit „Vor Gericht“, „Lass liegen“ und „Denk an die Kinder“ die vierte Single aus dem neuen Album „Musik ist keine Lösung“, das am 27. November 2015 erschienen ist. Der Erfolg blieb nicht aus, Alligatoah ergatterte schon am 3. Dezember seine erste Belohnung: die 1LIVE-Krone 2015 für „Bester Hip Hop-Act“.

Alligatoah macht Konzeptalben. Er behandelt Themen wie Betrug, Gewalt, Drogen, Aggressivität und Untreue, indem er in die Rolle des „Übeltäters“ hineinschlüpft und seine Sichtweise auf satirische und widersprüchliche Art darstellt. Alligatoahs Empfehlung zur Lektüre seiner Texte: „Das Gold der Worte verbirgt sich oft zwischen den Zeilen. Die Kalligrafie [so heißt der Menülink zu den Songtexten auf seiner Webseite, CG] ermöglicht euch eine genaue Studie der Textpassagen, die oft in prunkvoll musikalischer Kutsche versteckt am Ohr vorbeipreschen. Nehmt euch Zeit und Textmarker zur Hand, wählt ein Album und einen Song aus und beginnt in Ruhe zu lesen. Vielleicht findet ihr auf diesem Wege sogar zu euch selbst.”

In dem Lied „Namen machen“ wird der verzweifelte Versuch thematisiert, mit verrückten Videos im Internet bekannt zu werden – das ist doch der Wunsch so vieler Menschen.

Um mich selbst zu zerstören brauch ich 15 Minuten
Gib mir davon ein Drittel, ich werde bluten
Bin ein Jackass 2.0
und beim Weitsprung schaff ich ohne Leistung Kult
Es ist nicht meine Schuld. Es ist die Gesellschaft,
die wie ein Esel gafft, bis ihnen der Schädel platzt
Man es ist ekelhaft und es ist Schrott. Ja
Es sind Opfa aber Popstars

Der untreue Partner in dem Lied „Amnesie“ versucht seine chronischen Seitensprünge mit Geschenken gutzumachen.

Guten Tag, ich hätte gern ein’ Eimer Rosen
Es ist so, als müsst ich zu ‘ner Beicht-Pastorin
Also wieder mit Geschenk bewaffnet
Bevor ich der gekränkten Gattin das Geständnis mache
Hallo Schatz, ich bin mit Nazis down!
Spaß, aber ich hab HIV

Und zum Schluss ein Zitat aus „Lass liegen“ vom neuen Album, eine Ohrfeige für die Konsumgesellschaft:

Ich steppe in den Wald und lasse liegen, was mir aus der Hose plumpst
Ne Packung Bifi, Batterien und Plutonium
Ob teures Koberind oder ein neugeborenes Kind
Was einmal den Boden berührt hat, ist bedeutungslos und stinkt
Ich lass es lieber liegen, lieber neue Waren statt verwahren
Nur muss ich jetzt beim Einkaufen Atemmaske tragen
Lieber liege ich im Gras, erfrischt den Geist, erfrischt die Lunge
Bis ich merke, ich liege in aufgeweichten Kippenstummeln

Es würde sich nicht lohnen, mehr Lieder zu zitieren, da stumme Zeilen beim „Schauspielrap“ ihre Magie verlieren. Aus diesem Grund ist zu empfehlen, die Videos in den Links auszuchecken und sich selbst eine Meinung zu bilden; danach auch gerne noch die Auswahl in der Sidebar zu beachten und sich weitere Videos anzuschauen (wie zum Beispiel das Lied Was der Bauer nicht kennt oder Trauerfeier Lied [sic!]).

Übrigens, in Interviews wie diesem zeigt sich Alligatoah ruhig, freundlich und lässig. Er beantwortet alle Fragen in einem eleganten Stil und mit einem solch ausgewählten Inventar an Worten, dass sich das Anhören der Interviews fast ebenso unterhaltsam anfühlt wie seine Lieder selbst.

Für alle Deutsch als Fremdsprache-Studierenden kann Alligatoahs Musik frischen Wind in Richtung mehr Lust und Motivation beim Lernen bedeuten. Die deutsche Sprache ist eine wunderbar komplizierte, aber auch kreativitätsfördernde Sprache. Es wäre schade, diese Seite des Deutschen nicht kennenzulernen.

(Aus Rücksicht auf die Wohlerzogenheit des Germanistischen Magazins soll hier Alligatoahs Mitarbeit an unzähligen Songs der Band Trailerpark trotz deren genialen Umgangs mit Wörtern und Klängen nicht näher erörtert werden.)

/Christiana Gules/

* Alle Zitate stammen von Alligatoahs offizieller Website. Empfehlenswert ist auf jeden Fall sein YoutubeChannel. Da hat nämlich alles angefangen.