Entlang der Flüchtlingskrise

Autor: Christiana Gules

Zeitung: 2015/2

Rubriken: Geschichte, Gesellschaft

Auf dem Weg aus Ungarn nach Deutschland

In den letzten Monaten wurde in Europa über nichts anderes heftiger diskutiert als über die Flüchtlingskrise. Diesen Sommer machten sich plötzlich Tausende von Menschen aus Kriegsgebieten gemeinsam auf den Weg zu einem Leben in Frieden und Sicherheit. Ihr Ziel war Westeuropa. Ende Juni erreichten sie die Grenzen der Europäischen Union. An Ungarns südlicher Grenze, in der Nähe von Szeged. Drei Monate danach hatte ich etwas Gemeinsames mit den Flüchtlingen. Ich plante auch nach Deutschland zu reisen. Der Unterschied war: ich musste und sie wollten.

Szeged, Sommer 2015

Als ich am 30. Juni nach einem Stipendienaufenthalt in Wien nach Szeged zurückgekehrt bin, traf ich am Bahnhof auf einige Leute, die innerhalb der folgenden Tage die Gruppe „MigSzol“[1] zum Leben erwecken sollten. Es waren Pädagogen und Dozenten, Schülerinnen und Schüler, Studierende, die sich versammelt haben, um Flüchtlingen mit Lebensmittel, Medikamenten und Kleidern zu helfen. Trotz der ausländerfeindlichen Plakate und mancher Kommentare von Passanten war es für die Freiwilligen keine Frage, diesen Menschen zu helfen. Über ihre Arbeit erschien Mitte Juli die erste Reportage in deutscher Sprache, auf derstandard.at[2].

Während der Sommerzeit war ich nicht in Szeged. Ich sah aber die Medienberichte einflussreicher Zeitungen, begegnete Leuten, die die Slogans der Hasspolitik der Regierung rezitierten und erfuhr regelmäßig über die Leistungen der Gruppe MigSzol durch Freunde und Bekannten, die Tag und Nacht als Freiwillige in direktem Kontakt mit den Flüchtlingen standen. Mich erreichten die unterschiedlichsten und widersprüchlichsten Informationen zu einem und demselben Thema. Und jeder trat im Bewusstsein auf, genau Bescheid zu wissen.

Doch ich hatte meine Zweifel. Ich war gerade nach einem viermonatigen Auslandssemester endlich wieder Zuhause bei meiner Familie angekommen. Ich musste aber studienbedingt schon an das nächste Semester denken. Fünf weitere Monate im Ausland, in Deutschland.

Eigentlich hatte auch ich eine Ahnung von der Welt um mich herum. Ich wusste ganz genau: die einzig richtige Einstellung zu der aktuellen Situation ist Humanität zu zeigen und den Umständen entsprechend Hilfe anzubieten und zu leisten. Ich hatte aber auch Angst. Mittlerweile kamen mehrere hundert Menschen jeden Tag an. Wie lange würde das dauern? Wie viele werden es sein? Wie verändert sich unser Leben? Ich wusste ganz genau, es ist nichts zu befürchten, doch wenn man ständig mit hetzenden Propagandaplakaten konfrontiert wird, wird man verunsichert.

Der Semesteranfang

Brot + Butter + Käse + Paprika. Hunderte von Sandwiches wurden aus diesen Zutaten an einem Tag gemacht. Inzwischen fing die Uni wieder an, die Freiwilligen arbeiteten in Schichten, da man nach den Sommerfreien nun wieder lehren und lernen musste. Während wir die Sandwiches vorbereiteten, damit sie mit dem Auto nach Röszke gebracht werden, diskutierten die anderen heftig darüber, was nun passieren wird, wenn die Regierung den Zaun an der Grenze aufrichtet. Meine Gedanken drehten sich aber um den Zugverkehr.  Ich hatte mein Ticket nach Kassel schon vor Wochen gekauft und nun gab es für unbestimmte Zeit keinen regelmäßigen Zugverkehr. Seit Tagen fuhr überhaupt kein Zug nach Deutschland. Ich war versunken in meinem kleinen Ich-zentrierten Dilemma, stellte mir grausame Situationen vor, wie ich in einem Waggon voller Flüchtlinge sitze. Ein 12stündiger, klaustrofobischer Albtraum.

Ich schaute auf und sah die Hinwendung und Selbstlosigkeit der anderen Freiwilligen und hatte ein merkwürdiges Gefühl. Ich schämte mich. Schuldgefühl überfiel mich auch. Dann aber dachte ich wiederum an meine Eltern, die sich noch größere Sorgen machten als ich selber.

Ich entschied mich für das Flugzeug und kam ohne Zwischenfälle in Kassel an. Ungefähr gleichzeitig verstummten plötzlich die Medien. Es wurde kaum über Ungarn und Migration berichtet. Von Freunden wusste ich, MigSzol macht an der Grenze zu Serbien-Kroatien weiter. In den Medien rückte nun das Asylverfahren in Deutschland zum führenden Thema an. Und Donald Trump…

Auf dem Campus

In Deutschland fing das Semester wie gewöhnlich an. Die ersten Erasmus-Partys fanden statt. Einander kennen lernen und neue WhatsApp-Bekanntschaften schließen. Als es dazu kam, meine Heimatstadt zu nennen, reagierten manche mit gehobenen  Augenbrauen: „Aha, Szeged. Hm…“.

Man verfolgte den Live-Ticker, wusste alles über die Ereignisse im Sommer, doch merkwürdigerweise hatte man kaum Informationen über die Leistungen der Gruppe MigSzol. Nachdem das Thema Ungarn und die Flüchtlingskrise innerhalb von 5 Minuten ins Gespräch kam, war mir klar, was ich zu tun hatte: Die Leute aufklären, dass Politiker und Bürger nicht für ein und dasselbe stehen.

Nach der ersten Woche war das alles kein Thema mehr. Als Gaststudentin und Erasmus-Stipendiatin integrierte ich mich vollständig in das Biotop „Campus“. Die Außenwelt geriet in den Hintergrund.

Ich verstehe nicht viel von Politik oder Wirtschaft. Ich weiß nur, dass in den folgenden Tagen kaum noch etwas über Flüchtlinge in ungarischen Medien zu lesen gab. Doch die Bekannten, die im Sommer als Freiwillige geholfen haben, posten manchmal immer noch Infos über die Lage an den Grenzen. Deutsche Medien berichten weiterhin über die Schwierigkeiten beim  Asylverfahren. Fahre ich mit der Bahn nach Göttingen, begegne ich regelmäßig erschöpften asylsuchenden Kindern, Frauen und Männern, die mit Rucksäcken und Koffern auf der Durchreise sind…

Am 16. Oktober dieses Jahres erschien ein Musikvideo der Band OK Kid als eine Art Kritik an der heutigen deutschen Gesellschaft. Das Thema Einwanderung wird dabei auch angesprochen. Schade, dass es in Ungarn (momentan) keine ähnlichen Engagements gibt, die (nicht nur) der Jugend in einem breiteren Kreis einen Spiegel vor der Nase hält.

 

 

/Christiana Gules/

[1] MigSzol ist die Abkürzung für Migráns Szolidaritás, d. h. Migrant Solidarity Group of Hungary: http://www.migszol.com/index.html

[2] http://derstandard.at/2000019378670/Oase-der-Menschlichkeit-in-Ungarn