Die Lolita-Generation

Autor: Christiana Gules

Zeitung: 2015/2

Rubriken: Gesellschaft, Kultur

Gedanken über uns im November 2015

Am 13. November kam es in Paris zu einem der brutalsten Attentate in der europäischen Geschichte und versetzte die Menschen in tiefe Trauer und Fassungslosigkeit. Einen Tag darauf postete der Moderator (ZDF; neo) Jan Böhmermann auf seiner Facebook-Seite 100 Fragen zum Thema und fügte hinzu: „Keine Antworten“. Seine ersten Fragen lauteten „Warum?“, “Warum hat das niemand verhindert?“, „Wozu die ganze Polizei, Überwachung, all die Geheimdienste und Militäreinsätze?“, „Was sind das nur für Typen?“

Einer seiner Follower kommentierte:

”Ich weiß nicht, ob dir das wirklich immer so bewusst ist, aber du bist auch abseits von Memes und Blödeleien zu einer Instanz für einen Teil der jungen Menschen in Deutschland geworden. Du und alle Menschen, mit denen du zusammenarbeitest, ihr gebt uns immer wieder die Möglichkeit, einen Moment inne zu halten und von Außen [sic!?] auf das zu schauen, was passiert. Ein Lächeln, auch an schwierigen Tagen.”

Die Welt reagiert auch, nimmt sich die 100 Fragen vor, beantwortet sie und nennt den Artikel “Ein Dialog über die Naivität”.

Stichwort „Naivität“: Böhmermanns Fragen sind weder die eines Politikers noch die eines Terror-Experten. Diese Fragen hört man auch auf der Straße, liest man in den Online-Kommentaren, spricht sie vielleicht auch selber aus. Es sind naive Fragen, zugegeben, aber humane Fragen. Dahinter steht kein versteckter Rassismus, Fremdenhass oder Aufruf zu aggressiver Gegenreaktion. Es sind gutgemeinte, besorgte Fragen, mit dem Wunsch zu begreifen, was passiert ist. Wir sind in einer Welt groß geworden, wo es Frieden, Bio-Essen, Kunst, Yoga-Work-outs und Jutebeutel gibt. Gewaltsame Verbrechen finden nur marginal statt, sobald einer schreit, aggressiv oder brutal wird, wird er gleich verachtet. Wir stehen für Toleranz, Emanzipation und wünschen jedem sein Glück. Klar, die eine oder andere Eifersucht ist da noch vorhanden, doch keiner von uns aufgeklärten, menschenfreundlichen jungen Philanthropen würde sich jetzt für einen T-Shirt prügeln.

Unsere – und wenn ich „wir“ oder „unsere“ sage, meine ich nicht nur die geringe Anzahl von Studierenden, sondern alle Anfang-/Mitte-20jährigen, unabhängig von ihrer Ausbildung! (wichtiger Hinweis für den Leser! 😉 ) – (unsere) Generation also wird vielleicht noch mehr von ihren Künstleridolen beeinflusst als alle anderen Generationen bisher. Die Musik kommt nicht mehr nur durch das Radio. Das Musikvideo ist gar nicht mehr wegzudenken. Dazu kommt noch die ständige Präsenz des Künstlers auf Social-Media-Plattformen. Die Fans können sich die Lieder ihrer Idole nicht nur jederzeit anhören, sondern quasi in real-time (Echtzeit) online mit ihnen gemeinsam erleben – man denke an das Mitteilen von unsinnigen, aber unterhaltsamen Katzenvideos oder kurze Einblicke aus dem Studio.

Was prägt unseren Mainstream-Musikgeschmack? Um diese Frage zu beantworten, muss man heute gar nicht mehr auf die Straße gehen und eine Umfrage machen. Die Viewer- bzw. Like- Zahlen unter den Videos sprechen schon für sich. Böhmermann ist zwar kein Sänger, nur eine relativ bekannte Medienpersönlichkeit, die auch den einen oder anderen Song gesungen hat. Für folgende Auseinandersetzungen möchte ich aber auf zwei Künstler eingehen, die sich unmittelbar durch Kunst, und nicht durch Kritik äußern. Es sollen Künstler genannt werden, die die Sprache dieser Generation sprechen, ohne einfach nur Popmusik zu machen.

Den ganz großen Skandal lieferte Miley Cyrus, als sie sich als Feministin äußerte und, im Namen aller ihrer Followers, das folgende Statement sang:

„It’s our party we can do what we want, we can say what we want, we can love who we want, We can kiss who we want
We can sing what we want“

In dem Musikvideo zu We can’t stop zeigt sie sich in Kinderkleidung, spielt mit riesigen Plüschtieren und tanzt dabei wie eine professionelle Striptease-Tänzerin. Mit ihrem offensichtlich infantilen Benehmen besingt sie Selbstständigkeit, Hedonismus, Individualität und Freiheit. Doch sieht man sich ihre gemeinsame Live-Performance mit Robin Tricke bei den VMAs (Video Music Awards) 2013 an, kann man auch an  so Manches denken, unter anderen an Lolita.

Quasi gleichzeitig mit Miley erscheint auch in der deutschen Musikszene ein junger Künstler: der Panda-Rapper Cro. Das böse Spiel mit der niedlichen Pandamaske, darauf ein nach unten gedrehtes schwarzes Kreuz und dazu noch die lässigen, easy-going Songs des Rappers machen ihn zum beliebten Rapper der Jugendlichen (Interessierte möchten gern bei Wikipedia unter Cro/Diskografie nachschlagen). Das Infantil-Hedonistische bei Cro ist gleich in seinem meistbekannten Video Einmal um die Welt von 2012 zu sehen. Dabei sieht man zwei kleine Kinder, ein Mädchen und einen Jungen, beide in typischen Klammotten der Jugendlichen, und der Junge mit der Panda-Maske auf dem Kopf. Dabei reisen sie um die Welt, lieben sich und geben Geld für Kleider, Kaviar, Autos, Schuhe usw. aus – also alles, was sich eher Teenager und junge Erwachsene wünschen würden.

In  Lolita (Autor: Vladimir Nabokov, erschienen 1955) wird beschrieben, wie das frühreife junge Mädchen mit ihrer Sexualität einen erwachsenen Mann manipuliert. Sie vermischt auf eine bewusste und spielerische Weise ihre Infantilität mit ihrer erwachsenen Zielstrebigkeit. Ein schönes Spiel, das jedoch kein gutes Ende verspricht. Trotz ihrer Frühreife ist Lolita unerfahren, naiv und unvorbereitet. Sagt man so etwas nicht auch über uns, wenn wir halbnackte Selfies online posten? Gehören wir zu dem Lolita-Club, wenn wir Experten in Twerking (Wackeln mit dem Hintern) sind, aber keine Ahnung von Politik oder Wirtschaft haben? Ist es tatsächlich wahr, dass wir nur groß gewordene Kinder sind, die keinen Bock haben, morgens aufzustehen, unseren narzisstischen Ego-Kult mithilfe unseres Smartphones auf verschiedenen Social Media-Plattformen zu pflegen und dann in vollkommene Verzweiflung geraten, wenn es zu Konfrontationen mit der Grausamkeit der Wirklichkeit kommt?

Es ist ein Trend, sich als lockerer Skater zu inszenieren und tolerant zu sein (Caitlyn Jenner wurde von der Zeitschrift Glamour zu Woman of the Year 2015 gekürt.). Viele leben immer noch bei ihren Eltern, sind unmündige Erwachsene. Man sagt, die Jugend von heute tauge nichts, sie gehe den Bach runter… Doch wer solch ein Urteil fällt, klassifiziert sich selbst, denn diejenigen, die das behaupten und heute die Macht haben, haben diese Generation großgezogen und werden morgen die Aufgaben eben uns geben müssen.

Zurück zu Böhmermanns „naiven“ Fragen. Sein Post wurde von knapp 110.000 Personen geliked. Anscheinend fanden 110.000 junge Leute darin eine Anregung, sich selbst mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Vielleicht haben sie sie sich auch selbst schon mal gestellt, unsicher und leise. Nun sehen sie, dass auch jemand anderes das gleiche denkt wie sie, dass sogar viele Leute das Gleiche denken. Es entsteht eine Gemeinschaft, die sich mit ihren Ängsten auseinandersetzt, gemeinsam und auf eine friedliche Weise. Es spielt keine Rolle, dass diese Leute dann am nächsten Wochenende nach ihren langen Stunden freiwilliger Arbeit sich mit Freunden treffen, zwei Joints rauchen und Prayer in C von Robert Schulz mitsingen. Viel wichtiger ist, dass sie empfindlich auf gesellschaftliche Dilemmas reagieren und diese auch besprechen. Und vielleicht liegt eben in diesem Zustand, gleichzeitig infantil und erwachsen zu sein, das Geheimnis, das uns dazu führen kann, gemeinsam Tyrannei, Hass und Gewalt zu bewältigen.

/Christiana Gules/

https://www.facebook.com/jboehmermann/posts/1075651622467360

Quelle des Beitragsbildes: paperthinpersonas.com