Stille Schreie in der Schärfe der Nacht

Autor: Christiana Gules

Zeitung: 2015/1

Rubrik: Rezension

Gedanken zu Till Lindemanns “Die Gedichte” (2015)

Sänger und Songwriter, Frontmann der Band Rammstein. Till Lindemann ist inzwischen seit mehr als 20 Jahren einer der bekanntesten deutschen Rocker. Nicht nur seine Stimme und seine Texte erregen Aufmerksamkeit – seine ganze Präsenz, seine Performance bei den Konzerten tragen dazu bei, dass sich die Leute ein mehr oder weniger einheitliches Bild von ihm bilden: stark, wild, brutal. Manchmal beängstigend, manchmal mitleiderregend. Doch dass Till Lindemann auch ohne die brachiale Musik Gedicht verfasst, ist wenigen bekannt. Im Frühjahr 2015 erschien die Taschenbuchausgabe seiner zwei bislang erschienenen Gedichtbände: Messer (2005) und In stillen Nächten (2013).

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Nicht für Unterhaltung gedacht

Wer dieses Taschenbuch in die Hände nimmt, muss sich auf romantisch-schöne Obszönitäten gefasst machen. Die Form der Gedichte erinnert stark an die von Heine oder Eichendorff, ähnlich auch der Rhythmus und die Reime.

„und wenn mir nachts die Sonne scheint
ist niemand da
der mit mir weint“

(Auszug aus Messer S.10)

Es liegt aber an den Bildern und Motiven, die oft abstoßend wirken können. Das zentrale Motiv ist der Mann, der psychisch von der Frau dominiert wird. Kalte Fische, verwirrende Tänze und freche 17-Jährige, die den alternden Mann auslachen, ergeben die Grundthematik der Lindemann-Lyrik. Es wird über den Konflikt zwischen Mann und Frau, Geliebte und Hure gesungen, wobei der Mann manchmal ein trauerndes Opfer, manchmal ein gewalttätiger Psychopath ist. Lindemann nimmt kein Blatt vor den Mund. Allegorien und Metapher kommen oft zusammen mit expliziten Bildern vor:

„Einmal öffnet sich der Schoß
zweimal toll von Sinnenraub
dreimal fiel ein Kind ins Moos
tausendmal mein Herz zu Staub“

(Sehr oft, S.127)

Die Frustration und Angst des lyrischen Ichs greift über die Beziehungen zu anderen hinaus. Lindemann thematisiert Schmerz und Leid auf eine Weise, die man vielleicht am wenigsten von ihm erwarten würde: An manchen Stellen besingt er, wie das lyrische Ich sich selbst Schaden antut, nur um das Leben in sich zu spüren. Sogar Hardcore Rammstein-Fans könnte das zu viel sein. Diese Zeilen deuten auf eine hochsensible Verwundbarkeit in Lindemanns Seele hin, die bislang kaum vorstellbar war.

Erkenntnis und Erlebnis

Das Band In stillen Nächten ist eine Kooperation zwischen Lindemann und Matthias Matthies, einem deutschen Illustrator. Von ihm stammen die ungewöhnlichen, für manche Leser „unverschämte“ Illustrationen des Bandes. Nicht nur die Bilder bedeuten eine interessante Änderung in der Gestaltung des Gedichtbandes, auch der aus den Rammstein-Liedern bekannte schwarze Humor Lindemanns ist öfters zu erkennen:

„Ein schnelles Wort das Ja
ich hab Treue ihr geschworen
sind wir ans Meer gefahren
das Wort im Sand verloren“

(Ja, S. 210)

Messer und In stillen Nächten sind eigene Projekte von Lindemann. Sie haben nur wenig mit dem Stil von Rammstein zu tun. Fans können jedoch das eine oder andere gemeinsame Merkmal doch erkennen, sei es in gleich klingenden Zeilen oder in der thematisierten Konfliktsituation. Eigentlich drehen sich alle Gedichte um dieselbe Thematik: die Midlife-Krise eines Mannes. Gedanken zur Kastrationsangst. Unsicherheit und Hass, Suche nach der Liebe und Unzufriedenheit.

Was hat ein Germanistikstudent von diesem Gedichtband? Es ist schwer zu sagen. Wer Rammstein kennt, der würde sich bestimmt freuen, auch diese Seite des Textverfassers der Band kennenzulernen. Abgesehen von manchen Bildern und den expressiven Illustrationen ergeben die Gedichte eine schöne Brücke zwischen den klassischen Gedichten, die wir als Pflichtlektüre zu lesen haben, und dem aktuellen Stand der deutschen Lyrik.

Das Buch ist allen zu empfehlen, die Mut zur gewagten Poesie haben.

 

/Christiana Gules/

 

Das Buch ist erhältlich bei Amazon:

http://www.amazon.de/Die-Gedichte-Messer-stillen-N%C3%A4chten/dp/3462047779/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1430678958&sr=1-1&keywords=till+lindemann+die+gedichte

 

Angaben zum Buch:

Till Lindemann: Die Gedichte. Messer. In stillen Nächten. Köln: Kiepenheuer&Witsch 2015

 

Fotos: Christiana Gules