In memoriam Konrad Gerescher (1934-2011)

Zeitung: 2011/2

Rubrik: Editorial

Ein guter Freund der Germanistik in Szeged hat uns verlassen. Der in der Batschka geborene, nach dem zweiten Weltkrieg internierte und 1953 nach Deutschland umgesiedelte nebenberufliche Volkskundler und Schriftsteller forschte seit1962 inArchiven, Bibliotheken und Privatsammlungen unermüdlich nach den Traditionen der Donauschwaben.

Nach der politischen Wende zog er nach Ungarn und seit 1995 war er an der Universität Szeged mit volkskundlichen Vorlesungen, Seminaren ehrenamtlich tätig. Er arbeitete mit zahlreichen Dozentinnen und Dozenten der Universität zusammen, organisierte Wettbewerbe, Konferenzen, an denen Schülerinnen und Schüler, Studierende und Dozierende teilnahmen. In einem seiner Hauptwerke, in dem auch in wissenschaftlichen Arbeiten zitierten Batschkaer Ahnenspiegel erkundete er den donauschwäbischen Wortschatz und die Lebensbereiche der Deutschen in der Batschka. Er rief 2001 die Website www.deutschforum.hu ins Leben, wo viele anderswo nicht vorhandene Informationen insbesondere zur Volkskunde der Donauschwaben zusammengetragen sind, mit einer beachtlichen Datenbank zu Diplomarbeiten, die an ungarischen Germanistik-Instituten zu volkskundlichen Themen geschrieben wurden.

Er war ein guter Freund des GeMa. Mit großem Interesse folgte die GeMa-Redaktion 2007 seiner ersten Einladung zu seinem Bauernhof, wo wir nicht nur eine Lesung aus seinen Werken bei einem leckeren birkapörkölt (Lammgulasch) miterleben und inhaltsreiche Gespräche mit ihm führen, sondern uns auch die Skulpturen von Frau Gerescher (www.ko-ma-muvesztanya.hu) ansehen und uns dadurch wie in einer Galerie der ungarischen Geschichte fühlen konnten. Diesem Besuch folgten zwei weitere 2009 und 2010 mit neuen Erlebnissen. Konrad Gerescher unterstützte die Germanistik in Szeged seit vielen Jahren auch durch seine großzügigen Spenden für das studentische Institutsmagazin. Die Veranstaltung zum 10-jährigen GeMa-Jubiläum im September 2011, zu der er natürlich eingeladen war, konnte er leider nicht mehr erleben.

Sein letztes Buch (So gesehen. Schalkhaftes Lexikon politischer, gesellschaftlicher und ungarndeutscher Begriffe), aus dem er der GeMa-Redaktion 2009 noch persönlich vorlas, widmete er der Szegeder Germanistik. In diesem Buch drückt sich seine kritische, ironische, aber auch humorvolle Einstellung zu vielen Bereichen des Lebens aus. Universität ist nach seiner Definition Wartegleis für Jugendliche, wo sie mit intelligenten Methoden und ohne öffentliches Aufsehen auf die Erwachsenen-Arbeitslosigkeit vorbereitet werden. Er setzte sich dafür ein, dass sich diese Definition nicht bewahrheitet. In seinem letzten GeMa-Artikel schrieb er über die Chancen der Germanistik-Absolventinnen und -Absolventen auf dem Arbeitsmarkt.

Konrad, möge die Bedeutung deines Lebenswerks für viele noch deutlicher werden!

Dr. Tamás Kispál

Chefredakteur des GeMa (2001-2011)